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Hans-Hennig Von Grünberg, Stephanie Wolter
"Bundesprogramm ist ein Ritterschlag"

Hans-Hennig Von Grünberg, Stephanie Wolter: "Bundesprogramm ist ein Ritterschlag"
Die Studentin Stephanie Wolter und Hochschulrektor Hans-Hennig von Grünberg waren zum Interview zu Gast in der RP-Redaktion. FOTO: Knappe,Joerg
Mönchengladbach. Der Hochschulpräsident und die Studentin im ersten Semester sprechen über die Verbindung von Studium und Beruf, über immer notwendigere Angleichungskurse in Mathematik, die Förderung und über die Digitalisierung der Lehre.

Herr von Grünberg, die Hochschule Niederrhein ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Hält der Trend an? Wie viele Studierende haben Sie zurzeit?

Hans-Hennig von Grünberg Aktuell sind 14.500 Studierende eingeschrieben, das ist ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr und auch gut so. Wir wollen nicht beliebig wachsen. Es gibt Fachbereiche, die haben eine Auslastung von weit mehr als 100 Prozent. Das ist noch dem doppelten Abiturjahrgang und der Aufhebung der Wehrpflicht geschuldet und auf Dauer nicht gesund. Auf längere Sicht sollte sich die Zahl bei ungefähr 13.000 Studierenden einpendeln.

Frau Wolter, Sie studieren im ersten Semester Textil- und Bekleidungstechnik. Wie gefällt es Ihnen an der Hochschule Niederrhein?

Stephanie Wolter Es ist noch ein bisschen früh, dazu etwas zu sagen, denn ich habe ja erst die zweite Woche hinter mir. Ich habe jetzt vier Jahre Vollzeit gearbeitet und muss erst mal wieder das Lernen lernen. Aber ich fühle mich gut aufgenommen.

Sie haben bereits eine Ausbildung hinter sich. Warum haben Sie jetzt noch einmal mit einem Studium begonnen?

Wolter Ich wollte eine neue Herausforderung und die Theorie zur Praxis hinzufügen. Ich habe am Maria-Lenssen-Berufskolleg vorher eine Ausbildung als Bekleidungstechnische Assistentin gemacht und dann vier Jahre in der technischen Arbeitsvorbereitung bei einem Hersteller hochwertiger Hemden gearbeitet.

Studieren Sie Vollzeit?

Wolter Ja, ich will mich auf das Studium konzentrieren und es in der Regelstudienzeit abschließen.

Grünberg Das finde ich gut, es ist extrem wichtig, sich voll auf das Studium konzentrieren zu können.

War die Hochschule Niederrhein Ihre erste Wahl?

Wolter Ja, viele Kollegen haben hier studiert und es ist auch international eine hochangesehene Hochschule, gerade im Bereich Textil.

Grünberg Der Fachbereich Textil und Bekleidungstechnik ist in seiner Ausrichtung in der Tat einzigartig. In Deutschland gibt es nur in Reutlingen etwas Vergleichbares. Sonst muss man bis nach Mailand gehen. Er ist mit zweitausend Studierenden nach den Wirtschaftswissenschaften unser zweitgrößter Fachbereich.

Die Hochschule Niederrhein hat sich in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich positioniert und wurde jetzt für ein prestigeträchtiges Förderprogramm des Bundes ausgewählt.

Grünberg Ja, neben der Exzellenzinitiative für die großen Universitäten gibt es das Bundesprogramm Innovative Hochschule, das sich an kleinere Unis und Fachhochschulen wendet. Es ist sehr umkämpft, 168 Anträge sind eingegangen, 30 haben im Einzelverfahren den Zuschlag bekommen. Darunter sind nur drei aus NRW: Bonn, Münster und die Hochschule Niederrhein. Das ist für uns so etwas wie der Ritterschlag. Damit wird bundesweit anerkannt, dass die Hochschule eine Transfer-Hochschule ist, die in die regionale Wirtschaft und in die Bürgergesellschaft hinein wirkt. Das ist auch unser Anspruch: Wissen und Wissenschaft sollen Nutzen bringen.

Wie viel Geld fließt im Rahmen des Förderprogramms?

Grünberg Das sind fünf Millionen in fünf Jahren. Es gibt Projekte, da fließt mehr Geld, aber hier ist die damit verbundene Anerkennung sehr groß.

Transfer ist also das große Thema der Hochschule. Welche Projekte planen Sie gerade?

Grünberg Zum Beispiel das Textilinnovatorium. Dort sollen Studierende ihre Ideen weitertreiben und innovativ für und mit der Industrie arbeiten können. Wir planen, große Textilmaschinen auszuleihen und aufzubauen, damit die Studierenden daran arbeiten können. Wir wollen sicherstellen, dass das, was bei uns gelehrt und gelernt wird, wirklich jemandem nützt.

Frau Wolter, wie haben Sie Ihre ersten Tage an der Hochschule erlebt?

Wolter Ich bin, wie gesagt, gut aufgenommen worden und habe schnell andere Kommilitonen kennengelernt. Die ersten Tage waren seitens der Hochschule auch wirklich gut strukturiert.

Grünberg Die Einführungswoche wird immer sehr liebevoll organisiert. Ich finde das Streetfood-Festival immer besonders eindrucksvoll.

Die Hochschule bietet Kurse in Mathe an, um auf das Studium vorzubereiten. Ist das wirklich notwendig?

Grünberg Ja, wir nennen das Brückenkurse und sie beginnen schon zwei bis drei Wochen vor Semesterbeginn. Diese Angleichungskurse sind notwendig, das sehen alle Hochschulen so. Das schulische Curriculum in Mathematik ist sehr überladen. Es wird sehr viel Stoff behandelt, aber die Fertigkeiten sitzen nicht richtig, es wird das Erlernte einfach nicht genügend trainiert. Hier gilt: Weniger ist mehr. Die Landesrektorenkonferenz spricht sich schon länger dafür aus, das Schulcurriculum entsprechend auszulichten und anzupassen.

Wolter Ich war auch bei den Brückenkursen. Ich war zwar recht gut in Mathe, aber das liegt jetzt schon ein bisschen zurück. Deshalb war die Auffrischung sinnvoll. Mathe kommt in meinem Studiengang oft vor.

Herr von Grünberg, an der Hochschule Niederrhein soll in den kommenden Jahren viel gebaut werden. Was sind die nächsten Projekte? Was versprechen Sie sich davon?

Grünberg Im Moment wird ja die Textilakademie in direkter Nachbarschaft gebaut. Ihr Schulbetrieb wird von zwei Textilverbänden organisiert werden. Wir wollen die Weiterbildung für die gesamte Textilbranche gemeinsam mit den Verbänden nach Mönchengladbach holen. Das ist ein hochinteressantes Projekt. Im Rahmen des Förderprogramms HKoP, also Hochschulbaukonsolidierungsprogramm, werden die Shedhallen saniert. Außerdem wird nun die Lücke an der Rheydter Straße geschlossen. Hier entsteht ein neues Gebäude für den Fachbereich Textil. Gebaut wird aber erst ab 2020. Es gilt zudem, das Parkplatzproblem zu lösen. Wir führen in diesem Zusammenhang Gespräche mit der Stadt und sind auf einem guten Weg. Wir hätten gern ein Parkhaus in der Nähe, in dem wir als Dauermieter auftreten können. Wir müssen schließlich auch in Sachen Parken für die Studierenden attraktiv sein.

Frau Wolter, kommen Sie auch mit dem Auto in die Hochschule?

Wolter Nein, ich bin wieder auf den Bus umgestiegen. Das ist praktischer für mich.

Wie finanzieren Sie Ihr Studium? Hätten Sie auch studieren können, wenn es Studiengebühren gäbe?

Wolter Ich bekomme Bafög und arbeite zudem auf Minijob-Basis weiter bei meinem bisherigen Arbeitgeber. So komme ich nicht aus dem Alltagsgeschäft raus. Studiengebühren hätte ich wohl auch noch finanzieren können, das muss man eben rechtzeitig einplanen.

Schwarz-Gelb will Studiengebühren für Studierende aus Nicht-EU-Ländern. Was halten Sie davon?

Grünberg Es wäre mit einem ungeheuren Verwaltungsaufwand verbunden, weil es sehr viele Ausnahmen geben soll. Beispielsweise sollen Studenten aus Entwicklungsländern von den Gebühren befreit sein. Dadurch wären bei uns nach ersten Schätzungen insgesamt nur 30 Studierende betroffen, obwohl wir natürlich sehr viel mehr Studierende aus Nicht-EU-Ländern haben.

Frau Wolter, was erwarten Sie von Ihrem Studium?

Wolter Ich erwarte eine interessante Gestaltung der Informationen und fachlichen Aspekte. Bis jetzt war das auch super.

Herr von Grünberg, was erwarten Sie von den Studierenden?

Grünberg Am wichtigsten ist, dass sie das Studium nicht als Parkplatz für ihre Lebensorientierung nutzen. Sie sollten nicht studieren um des Studierens willen, sondern zielstrebig vorangehen. Unser Ziel ist es, akademisch solide, aber mit Blick auf den Beruf auszubilden.

Wie zielstrebig sind die Studierenden Ihrer Erfahrung nach? Gibt es den berühmten Gammelstudenten noch?

Grünberg Diejenigen, die mit einem Dualen Studium beginnen oder bereits ein Vorpraktikum absolviert haben, sind meist sehr gut durchgetaktete, organisierte junge Leute. In manchen Studiengängen gibt es natürlich auch Menschen, die noch nachreifen müssen. Jemand, der mit 17 Abitur gemacht hat, unterscheidet sich merklich von einem 20-Jährigen. Gammelstudenten gab es bei uns nie wirklich, aber es gibt sogenannte Ticketstudenten, die sich einschreiben, weil sie dann ein Semesterticket bekommen. Das sind nicht viele. Was es heute nach Aussagen der erfahrenen Dozenten nicht mehr gibt, sind die provokant-diskussionsfreudigen Studierenden. Wir haben jetzt eine ehrgeizige und arbeitsame Generation an der Hochschule, die nur manchmal Konzentrationsschwächen zeigt.

Wie stehen Sie dazu, Frau Wolter?

Wolter Ich weiß, was ich will und wo ich hin möchte. Ich studiere sicher nicht, um mir die Zeit zu vertreiben.

Was wird für die Hochschule Niederrhein die größte Herausforderung der kommenden Jahre sein?

Grünberg Ich sehe da zwei Felder. Zum einen haben wir große Erfolge zu verzeichnen und viele Projekte begonnen. Wir müssen in der Verwaltung diese Vorgänge jetzt erst einmal abarbeiten und nachvollziehen. Jenseits des Tagesgeschäfts steht aber vor allem die Digitalisierung an. Die Ansprüche wachsen, wir brauchen ausgereifte Konzepte für die Digitalisierung der Lehre. Wir haben noch keine papierlosen Büros, aber das kommt in den nächsten zehn Jahren.

GABI PETERS UND ANGELA RIETDORF FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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