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Mönchengladbach
Charme der 50er mit Abgründen

Mönchengladbach: Charme der 50er mit Abgründen
Carsten Süss führt Regie bei der Kálmán-Operette "Die Faschingsfee". FOTO: Kaumanns
Mönchengladbach. Mit Emmerich Kálmáns turbulenter Operette "Die Faschingsfee" eröffnet das Theater die neue Spielzeit - 100 Jahre nach der Uraufführung. Regisseur und Bühnenbildner erklären ihre Inszenierung. Von Armin Kaumanns

"Operette ist wie Schokolade - je weniger Zucker, desto toller." Carsten Süss ist ganz verliebt in diesen Satz. Und als der Mann, der vom Theater zur Eröffnung der neuen Spielzeit mit der Inszenierung von Emmerich Kálmáns Operette "Die Faschingsfee" betraut ist, hat er sich beherzt ans Werk gemacht.

Süss ist also gar nicht so für Süßes. "Ist der Zuckerguss erst weg, kann die Operette alles", fügt er hinzu und erklärt: "Oper kann nur tragisch." Na, da werden die Zuschauer am 23. September, dem Vorabend der Bundestagswahl, also noch mal so richtig was zu lachen bekommen. Denn "Die Faschingsfee" turbulenzt nicht nur zwischen ihren Schwesterwerken "Csárdásfürstin" und "Gräfin Mariza" einher, sie bietet auch reichlich die operettentypischen Irrungen und Wirrungen auf, um ihr Publikum zu rühren.

Das Bühnenbild hat Siegfried E. Mayer entworfen. Nächsten Samstag eröffnet "Die Faschingsfee" die neue Spielzeit. FOTO: Stutte Matthias

100 Jahre nach der Uraufführung scheut sich das Theater nicht vor einer üppigen Ausstattung. Die Geschichte um den Maler Viktor (Michael Siemon), der just an Fasching den Erhalt eines Stipendiums feiert, sich in einer Künstlerkneipe in seine "Faschingsfee" (Debra Hays) verguckt und dabei den Mäzen des Stipendiums (Juan Carlos Petruzziello) brüskiert, erhält für jeden der drei Handlungsorte ein eigenes Bühnenbild. Kaschemme, Atelier und Luxus-Hotel sind natürlich für Bühnenbildner Siegfried E. Mayer ein gefundenes Fressen, bei dem er - mit kräftigen Anleihen im Fundus des Theaters - ausgiebig realistisch sein darf. Und weil das Produktionsteam die Handlung aus dem Ersten Weltkrieg Wiens in die deutschen frühen 50er-Jahre verlegt hat, darf man sich auf allerlei Déjà-vus gefasst machen. Inklusive einer Kostüm-Ausstattung, die sich bis zum Petticoat vorwagen darf, nebst üppigen Karnevalsmasken. Dafür ist Dietlind Konold nach ihrem tollen "Maskerade"-Kostüm mal wieder in Mönchengladbach tätig.

In die deutsche Nachkriegszeit lassen sich für Süss die k. u. k.-Figuren Wiens bestens transponieren. Die Brüche zwischen den Gestrigen und der Avantgarde, das Paradiesvogelartige der Titelfigur - es wirkt in den um Biederkeit und Normalität bemühten Jahren weit vor der Studentenrevolte mindestens ebenso plastisch. "Die Alexandra kommt aus Amerika, ist eine Frau, die weiß, was sie will, und hat Geld. Das bringt die spießigen Verhältnisse gehörig ins Wanken", erklärt Süss seine Sympathie für die Heldin des Stücks. Er liebt die Abgründe hinter dem schönen Schein und den gefälligen Melodien, von denen Operettenfans "Lieber Himmelvater, sei nicht bös" oder "Liebling, du mein Liebling" im Ohr klingen mögen. Im Graben leitet die groß besetzten Niederrheinischen Sinfoniker deren Erster Kapellmeister Diego Martin-Etxebarria. Natürlich mündet eine Operette in ein Happy End. "Es geht gut aus, für alle, wie auch immer", verrätselt Süss seine Sicht der Dinge. Schließlich sieht er sich als Wahrer der "Ambivalenz" in diesem beispielhaften Werk der silbernen Operettenära, in dem neben anderen Hayk Dèinyan als Lebensphilosoph Lubitschek und Intendant Michael Grosse als (letztlich betrogener) Rittmeister von Grevelingen auf der Bühne stehen werden.

Premiere: Samstag, 23. September, 19.30 Uhr, Theater Mönchengladbach. Karten: Telefon 02166 6151-100, www.theater-kr-mg.de

Quelle: RP
 
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