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Serie Was Macht Eigentlich?
Da konnte Hans Meyer nur staunen ...

Serie Was Macht Eigentlich?: Da konnte Hans Meyer nur staunen ...
Volles Tempo mit 75 Jahren: Fred Ingenrieth. FOTO: Ingenrieth (8), Wiechmann (1),
Mönchengladbach. Fred Ingenrieth, als Jugendlicher Fußballer bei Borussia, hat erst mit 51 zur Leichtathletik gefunden. Mit 65, 70 und 75 Jahren ist er fünfmal als Staffelläufer Weltmeister geworden. Mit 83 ist er jetzt gerade wieder deutschen Rekord gelaufen - nach einer schweren Krankheit. Von O. E. Schütz

Es passierte Anfang der 2000er Jahre: Hans Meyer war Trainer bei Borussia und beobachtete während der Leistungsdiagnostik seiner Profifußballer im Rheydter Grenzlandstadion fasziniert einen schon deutlich in die Jahre gekommenen Herrn, der auf der Laufbahn einen 100-Meter-Sprint nach dem anderen hinlegte - in einem für sein Alter erstaunlich flotten Tempo.

"Dann kam auf einmal einer der Physiotherapeuten auf mich zu und fragte, ob ich auch mal durch die beiden Lichtschranken sprinten könne", erzählt Fred Ingenrieth, damals knapp über 65, heute 83 Jahre alt. Er hat den Borussen den Gefallen getan. Und es wurde anschließend hinter vorgehaltener Hand erzählt, Hans Meyer habe nach dem Vergleich der gemessenen Kurzsprint-Zeiten einigermaßen sauer so etwas gesagt wie "Der ist gut dreimal so alt wie sie und macht ihnen noch was vor!"

Toller Hintergrund: Fred Ingenrieth (links) und seine Staffelkameraden vor den Ski-Sprungschanzen von Lahti bei der Weltmeisterschaft der Leichtathletik-Senioren 2009. FOTO: FI

Fred Ingenrieth hat selbst bei Borussia gespielt, in der A-Jugend und auch einmal in der Vertragsreserve, ein gutes Jahrzehnt vor dem Gladbacher Bundesliga-Aufstieg 1965. Zu mehr hat es aber nicht gereicht. "Ich war zwar sehr eifrig und vor allem sehr schnell. Aber an der Technik haperte es bei mir deutlich", sagt der ehemalige Straßenfußballer. Er setzte sich dann auch bald andere Ziele: vorankommen im Beruf und später seine Familie. Da blieb allenfalls mal etwas Zeit zum Radfahren - "aber eher gemütlich". Doch sein Leben sollte sportlich noch eine Wendung nehmen.

"Schuld" war seine 1973 geborene Tochter Anja. Sie bekam Anfang 1983 beim Schulsport Spaß an der Leichtathletik. "Lauf doch mal etwas mit mir", forderte sie den Vater auf und brachte ihn dazu, sie beim TuS Wickrath anzumelden. 1985 lockte die LG Korschenbroich die talentierte Hochspringerin, später Bayer Dormagen. Der Vater fuhr die Schülerin zweimal die Woche zum Training und anschließend wieder heim. Weil es sich nicht lohnte, dazwischen noch einmal nach Hause zu fahren, schaue der Vater beim Training Anjas zu und lief selbst ein wenig - aber kein Joggen, sondern lauter Sprints. Zuerst zum Zeitvertreib, dann mit erwachendem Ehrgeiz. Und er wurde dabei zufällig "entdeckt": Die Senioren des Korschenbroicher LC suchten einen Mann für ihre Sprint-Staffel. Ingenrieths Tempo fiel ihnen auf, sie sprachen ihn an. Und er war dabei.

Schnell, aber an der Technik hapert es: Fred als Fußballer in Borussias Jugend, FOTO: FI

Es war der Beginn einer späten, aber umso beeindruckenderen Laufbahn auf der Laufbahn - die heute im Alter von bald 84 Jahren noch immer nicht beendet ist. "Ich wusste damals schon, dass ich schnell war. Doch meinen ersten 100-Meter-Lauf mit gestoppter Zeit habe ich erst mit 50 Jahren gemacht", sagt er. 12,70 Sekunden waren es - ohne Training. 13,70 lief er 15 Jahre später bei den Europameisterschaften 1999 im englischen Gateshead, verpasste damit die Bronzemedaille in der Klasse ab 65 Jahren ganz knapp, gewann aber zweimal Gold als Staffelläufer Deutschlands.

Aus der "Zufallsentdeckung" ist ein sehr erfolgreicher Senioren-Sprinter geworden: Fünf Goldmedaillen hat Fred Ingenrieth zwischen 1999 und 2009 bei Welt- und Europameisterschaften geholt, dazu zwei silberne und einmal Bronze. "Aber lediglich zwei davon als Einzelläufer, Gold gab es für mich nur in den Staffeln über 4 mal 100 und 4 mal 400 Meter", stellt er bescheiden klar. All seine deutschen Meistertitel und Rekorde im Trikot Bayer Dormagens hat er erst gar nicht gezählt. Als den Trainer, dem er am meisten verdankt, nennt er Zelimir Leskovac vom LAZ Mönchengladbach.

Reifenpanne bei einer Radtour von Mönchengladbach in die Schweiz. FOTO: FI

Längere Strecken hat Fred Ingenrieth nie laufen mögen, nicht einmal im Training, wo 100- und 200-Meter-Sprints in Serie sein Programm sind. Dennoch: "Vor den Langstrecklern ziehe ich den Hut. Sie bringen wirklich großartige Leistungen", sagt er. "Aber bei mir ist ein Schritt nach 400 Metern Schluss. Das ist wohl auch eine Charakterfrage. Ich sprinte, weil man dabei keine Zeit zum Denken hat und gar nicht erst ins Grübeln kommt."

Anlass zum Grübeln hätte der heute 83-Jährige schon genug gehabt. Denn sein Leben lief nicht immer glatt. Es hat Nacken- und Rückschläge gegeben, die verarbeitet werden mussten. Da waren schon die Bombennächte 1943, als das Haus der Familie an der Brunnenstraße zerstört wurde. Ein Bruder kehrte nicht aus dem Krieg zurück. 1959 wurde Fred Ingenrieth bei einem Unfall am Arbeitsplatz die rechte Hand fast ganz abgerissen und in einer Notoperation noch soeben gerettet, ist bis heute aber nur sehr eingeschränkt zu gebrauchen.

Vor zwölf Jahren schien Ingenrieths sportliche Laufbahn beendet: die Achillessehne. Die erste Operation 2006 brachte nichts. "Ich hatte keine Hoffnung mehr, jemals wieder an den Start gehen zu können", sagt er. Doch da waren die Sportklinik in Hellersen, die Ingenrieth ein Jahr später noch einmal operierte, und Dr. Stefan Hertl, Sportarzt, Orthopäde und Mannschaftsarzt Borussias. "Er hat mich unermüdlich physisch und auch moralisch wieder aufgebaut, hat mich zur Reha in Borussias Trainingszentrum geschickt, wo ich neben den Fußballprofis Oliver Neuville und Filip Daems trainierte", erzählt Ingenrieth. "Dabei hatte ich vorher von allen Seiten unter Beschuss gestanden, hatten Ärzte mir gesagt, ich könnte nie wieder sprinten!"

Ein Jahr später begann er wieder mit dem Training. Und 2009 war er bei der Weltmeisterschaft in Lahti wieder dabei, schaffte es dreimal auf das Siegertreppchen vor der imposanten, weltweit TV-bekannten Kulisse in Finnlands "Sporthauptstadt" mit den drei großen Skisprungschanzen. Staffel-Gold über 4 mal 100 Meter, Silber über 4 mal 400 Meter, dazu noch Bronze im 400-Meter-Einzelwettbewerb in 1:13,14 Minuten waren die sportliche Ausbeute des mittlerweile 75-Jährigen bei dieser WM mit fast 5000 Teilnehmern aus 86 Ländern. "Dabei hatte ich zwei Jahre zuvor nur einen Wunsch gehabt: endlich wieder schmerzfrei laufen zu können. Dass mir dann der Anschluss an die Spitze noch einmal gelungen ist, empfand ich als großes Geschenk", sagt Fred Ingenrieth.

Doch es sollte ein noch größeres folgen. 2012 erkrankte er lebensbedrohlich: eine Thrombose im Bein, extremer Husten, Vorhofflimmern, Lungenembolie. "Mein Hausarzt sagte mir, das hätte tödlich enden können." Ans Laufen war ein Jahr lang nicht zu denken. Doch die Lunge wurde vollkommen gesund. "Ihr großes Glück ist, dass sie immer Sport getrieben haben", sagten nun die Ärzte. Er selbst antwortet heute auf die Frage, was sein schönstes Erlebnis gewesen war: "Dass ich mit 83 Jahren nach dieser schweren Erkrankung noch deutschen Rekord gelaufen bin."

Das war Mitte Januar bei den Offenen NRW-Hallenmeisterschaften in Düsseldorf: Die 200-Meter-Staffel der über 80-Jährigen der LAV Bayer Uerdingen/Dormagen mit Ingenrieth als Schlussläufer wurde Zweiter im Wettbewerb der über 70-Jährigen in 2:54,83 Minuten. Zum Quartett gehörte der Grevenbroicher Herbert E. Müller, Ingenrieths Freund und sportlicher Wegbegleiter. "Herbert wird jetzt als Deutschlands Seniorensportler des Jahres ausgezeichnet", sagt Ingenrieth: Müller ist noch fünf Jahre älter er ...

Quelle: RP
 
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