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Kolumne
Das Glück der Holsteiner

Das letzte Mal, als ich als Austausch-Reisender unterwegs war, hatte ich noch volles Haar, war im achten Schuljahr, und die Reise endete im Disneyland bei Paris. Schüleraustausch hieß das damals. Heute habe ich nicht mehr ganz so volles Haar, bin im dritten Jahr meines Redakteurslebens bei der RP, und Disneyland ist so weit weg wie die Nordsee von den Alpen. Macht nix: Reportertausch in Itzehoe wird spannend. Weil ich erkunden will, warum die Schleswig-Holsteiner laut Glücksatlas der Post die Glücklichsten in ganz Deutschland sind.

Erste Hinweise habe ich an meinem ersten Tag erfahren. Am Sonntagabend noch haben meine fein zurechtgelegten Klischees die erste Produktenttäuschung erfahren: In der Bar habe ich alle Gespräche verstanden. Alle sprachen, niemand schnackte. So habe ich gut verstanden, dass eine Frau am Nachbartisch zu ihrer Freundin sagte, sie könne sich nie vorstellen, allein in ein Restaurant zu gehen und unter Fremden zu essen. Das klang so Hochdeutsch wie unglücklich, was mich zu dem unweigerlichen Schluss führte: Die können nicht von hier sein.

Am Montag endlich habe ich ihn getroffen, den praktizierenden Holsteiner schlechthin: Berndt Doege ist ein Mann wie ein altes Kantholz mit weißem Walross-Schnauzer und dichtem, weißem Haar, einer aus echtem Schrot und Korn, der mich durch seine Heimatstadt führt. Einer, der unterwegs alle anderen mit "Moooiiiin!" anbrummt, den ich manchmal kaum verstehe, der aber alles erklären kann. Ich frage ihn, ob das stimmt mit dem Glück und den Holsteinern. Seine Antwort: "Jo." Schweigen. Und warum? "Ich hab rechts und links dat Meer, ich kann einkaufen und spazieren - wat will ich denn mehr?"

ANDREAS GRUHN

Quelle: RP
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