| 00.00 Uhr

Serie Denkanstoss
Das Narrenschiff

Mönchengladbach. Das neue Jahr ist noch jung, doch zeigt es schon deutlich, in welche schwere See wir geraten sind - das schreibt Pfarrer Klaus Hurtz. Und er sagt: Wir müssen Gott wieder zum Lotsen des Lebens werden lassen. Von Klaus Hurtz

Anno Domini 1494 wurde eine Moralsatire von Sebastian Brant veröffentlicht, die zwar in der Schweiz von Johann Bergmann von Olpe gedruckt wurde, doch in den folgenden Jahren in den deutschsprachigen Gebieten zu dem erfolgreichsten Buch vor der Reformation avancierte. Es war eine Zeit der Umbrüche, des Wandels, der Entdeckungen neuer Erdteile; die Welt veränderte sich und erhielt ein neues Gesicht. In diese Zeit der Umgestaltung und Unsicherheit hinein schrieb Brant sein Werk: "Das Narrenschiff", das gleich der Heiligen Schrift eine rasche Verbreitung fand. Eine Welt voller Narren, die munter in eine bedrohliche Zukunft segeln, dieses Motiv wurde auch von der Kunst gerne aufgegriffen, und kein Geringerer als Hieronymus Bosch malte eines seiner berühmtesten Bilder.

Gute 500 Jahre später scheint diese Metapher eine neue Aktualität zu erhalten. Wie närrisch ist doch unsere Welt geworden. Wer heute sein Geld zur Bank trägt, der kann schon dankbar sein, wenn ihm dafür nicht eine Gebühr berechnet wird. Wer in unseren Breiten seine Geranien gut gepflegt hat, bei dem konnten sie auch über Weihnachten und Neujahr fleißig weiter blühen. Wer immer dachte, die Silvesternacht in Köln zu verbringen, dem konnten selbst im Angesicht der Polizei kriminelle Übergriffe widerfahren. Und wem bisher das Lachen nicht im Halse steckengeblieben ist: Wer immer arglos als Tourist auf Erkundungstour geht, den kann die blutige Spur brutalen Terrors treffen; die ganze Welt ein blutiges Narrenschiff. Es scheint, dass auch wir in Zeiten großer Umbrüche und markanter Veränderungen leben. Vieles droht dabei aus den Fugen zu geraten, umso mehr müssen wir aufpassen, dass in diesem Prozess nicht die Werte untergehen, für die vergangene Generationen gekämpft haben und auf deren grundsätzlicher Akzeptanz unsere Gesellschaft beruht. Denn eine Zukunftsgläubigkeit, die besagt, dass in kommenden Zeiten eo ipso immer alles besser wird, sollte schon lange in der Seekiste der groben Denkfehler verschwunden sein. Fortschritt ist ein Rückschritt, wo Menschsein und Menschlichkeit Schaden nehmen. Hier dürfen wir den Hinweis aus dem "Narrenschiff" ernst nehmen: "Ja, wird alle Schrift und Lehre verachtet, dann lebt die ganze Welt in finsterer Nacht, und tut in Sünden blind verharren; alle Straßen, Gassen sind voller Narren." Die Botschaft ist unmissverständlich: Eine gottlose Welt ist eine unmenschliche Welt! Aber damit ist auch ausgesagt: Wo immer wir Gott wieder zum Lotsen des Lebens werden lassen, da kann unser Schiff wieder auf den richtigen Kurs gebracht werden. Und das brauchen wir heute mehr denn je, wollen wir in den unbekannten Weiten der Zukunft nicht untergehen. Zudem bleibt das Seneca-Wort wahr: "Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind günstig." Nur wenn wir um unser eigentliches Ziel des Lebens wissen, werden wir die günstigen Winde erkennen und nutzen können, wissen wir die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das neue Jahr ist noch jung, doch zeigt es schon deutlich, in welche schwere See wir geraten sind, vielleicht ist sogar schon eine Schieflage zu erkennen. Um so mehr sollte jeder für sein eigenes Leben dem Ruf zustimmen: Holen wir Gott an Bord!

DER AUTOR IST PFARRER VON ST. MARIEN RHEYDT.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Serie Denkanstoss: Das Narrenschiff


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.