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Mönchengladbach
Das Polit-Gezanke um die Demonstration

Mönchengladbach. Weil zur Demokratie Streit und Wettbewerb gehören, schaffen es die etablierten Parteien nicht, gemeinsam ein Ziel zu verfolgen. Von Ralf Jüngermann

Der gute Wille flog erfreulich tief an diesem 1. Mai über die Gladbacher Innenstadt. Die NPD hatte angekündigt, gegen die Flüchtlingspolitik zu demonstrieren, und das am Tag der Arbeit, der den Gewerkschaften heiliger ist als der nächste Streik. Krude, infam und faktenfrei war das, so wie das in Reinkultur halt nur Extreme sein können und nicht Demokraten wachen Geistes und guten Herzens. Und entsprechend schön war es zu sehen, dass sich das Bürgertum aufmachte, den Feiertag demonstrierend in der Innenstadt zu verbringen. Voller Europaplatz. Gute Sache.

Dass Oberbürgermeister Reiners, der sich vorher klar gegen das rechtsextreme Geschwurbel verwahrt hatte, lieber in Rheydt beim DGB als in Gladbach bei der Demo sprach: geschenkt. Muss man nicht so machen. Kann aber so machen. Dass aber niemand halbwegs Prominentes, wenigstens latent Wichtiges aus der CDU mitlief - das fiel auf. Wenn sich das Bürgertum trifft, ist die CDU zu Recht nicht weit. Und zwar egal, ob es ums Schützenfest, um ein Bouleturnier oder Borussia geht. Bei der Demo nicht. Zufall? Wohl eher hölzernes Fehlverhalten in der Unsicherheit, ob man beim Feiertag der Gewerkschaften und Sozialdemokraten gut aufgehoben ist. Es blieb der Nachwuchsorganisation Junge Union vorbehalten, den Lapsus auch noch ideologisch unterfüttern zu wollen. Die JU könne nicht in einer Reihe mit Antifa, Linkspartei, Attac und den Falken auftreten, ließ sie ausrichten, eine Stellungnahme von Linksextremen gegen Rechtsextreme sei eine Farce.

Die Vertreter der Kirchen hatten dererlei Bauchschmerzen nicht und hielten gute Reden. Klar: Bei einer Demo dieser Stoßrichtung sammelt sich in der Tat auch fragwürdiges Volk. Menschen, die es aus vermeintlicher moralischer Überlegenheit selbst nicht genau nehmen mit unseren demokratischen Spielregeln nehmen. Solche Menschen sammeln sich indes auch bei jedem Fußballspiel. Dass die Junge Union diese boykottiert, ist uns bislang nicht zu Ohren gekommen. Den Jusos auch nicht. Die fordern jetzt eine Entschuldigung der JU, kündigen ihnen die Zusammenarbeit auf und fanden andere Oberbürgermeister in solchen Fragen zupackender. Und so weiter. Der Wettbewerb darum, wer denn nun am dollsten gegen Neonazis vorgeht, ist in vollem Gange. Die nächste Wahl kommt bestimmt.

Höchste Zeit, an drei Gewissheiten zu erinnern. Erstens: Weder CDU noch SPD (und natürlich auch nicht FDP, Grüne und FWG) haben ein Fünkchen Verständnis für das wirre Zeug, das die NPD verbreitet. Unterscheiden tun sie sich allenfalls im Grad, in dem sie sich durch die Irrlichter provoziert fühlen. Zweitens: Demokraten haben genauso den Reflex, ihre Meinungen in wählerkompatible Statements umzuwandeln, wie Fußballmannschaften, ein Tor zu erzielen. Das ist drittens, wenn es gegen jene geht, die gar keine Demokratie wollen, dusselig. Da müssen es Demokraten schon schaffen, mal zwei Stündchen lang ihre politischen Scharmützel ruhen zu lassen. Denn wie im Fußball zählt nur auf dem Platz. Wenn am Ende eitle Wohlmeinende darüber streiten, wer denn nun der Edlere im Kampf gegen den Extremismus ist, profitiert in Wahrheit nur einer: der Extremismus.

Quelle: RP
 
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