| 00.00 Uhr

Gastbeitrag Hans Schürings
Das stattlichste Industrieschloss Deutschlands

Gastbeitrag Hans Schürings: Das stattlichste Industrieschloss Deutschlands
Mächtige Schornsteine zieren den Gebäudekomplex im Jahr 1889 - Pferdekutschen sind damals noch das Fortbewegungsmittel der Wahl. FOTO: Stadtarchiv
Mönchengladbach. Das Berufskolleg Platz der Republik hat eine bewegte Geschichte: Ein Historiker schreibt über die "Gladbacher Spinnerei und Weberei AG". Von Hans Schürings

Es war im Jahr 1855, als am heutigen Platz der Republik hinter dem Hauptbahnhof das angeblich "stattlichste Industrieschloss" Deutschlands in Betrieb genommen wurde. Wenn es einen Startpunkt für die Industrialisierung in Mönchengladbach gibt, dann war es dieses Datum. Die Gründung der Aktiengesellschaft "Gladbacher Spinnerei und Weberei" war am 12. Mai 1853 erfolgt. Aufgrund von Engpässen bei der Garnlieferung taten sich damals elf ausnahmslos evangelische Textilunternehmer aus der mehrheitlich katholischen Region zusammen und gründeten diese Aktiengesellschaft. Es entstand der größte Spinnerei- und Webereibetrieb der Stadt - und besagtes, damals stattlichstes Fabrikgebäude Deutschlands.

Dabei war die Organisationsform der AG im Hinblick auf die Textilfabrikgründungen im Rheinland eher die Ausnahme. Zunächst waren die meisten Produktionsgründungen dieser Zeit Spinnereien, da hier die Mechanisierungsvorteile am größten waren. Gesicherte Kenntnisse über den Entwerfer oder Konstrukteur des Gebäudekomplexes gibt es nicht. Vermutungen gehen davon aus, dass die Architektur in England, insbesondere Manchester, studiert und kopiert wurde. Quirin Croon (1788-1854), treibende Kraft bei der Einführung der mechanischen Textilproduktion, war mehrfach in Manchester gewesen. Ebenfalls sollen tragende statische Elemente der Decken und Stützenkonstruktion von dort gekommen sein.

Im Jahr 1978 war der Umbau des Süd-Traktes zur Berufsschule abgeschlossen - seit damals haben beide Teile des Komplexes wieder eine gemeinsame Nutzung. FOTO: Hochbauamt

Errichtet wurde der drei- beziehungsweise viergeschossige Gebäudekomplex mit Ecktürmen schon damals unmittelbar in Eisenbahnnähe. Dies hatte seinerzeit zwei schlagende Vorteile: die Anlieferung der Rohbaumwolle für die Produktion und der Kohle für den Antrieb der Dampfmaschinen. Eine starke Differenz besteht zwischen dem äußeren, beeindruckenden Erscheinungsbild und der inneren, technoiden Tragwerkkonstruktion. Die Backsteingotik erinnert an gotische Schlossarchitektur, eine Reminiszenz nicht nur an den Adel und Ausdruck der übernommenen Macht des Bürgertums, sondern auch Relikt der Romantik. Thomas Kosche schreibt zum Zwiespalt zwischen funktionaler Innenkonstruktion und äußerem Erscheinungsbild, also der Backsteinhülle der Aktienspinnerei und -weberei: "Mit ihren romantischen, der Gotik entlehnten Zierformen - Türme, fialenartige Schmucktürmchen, Zinnen, Gesimse und Friese - veranschaulicht sie Statusansprüche, Selbstverständnis, wohl auch Geschmack und Formgefühl der Gründer."

Die Produktion fand auf vier Etagen statt. Der Spinnereitrakt mit rund 110 x 21 Metern "enthielt in jedem Geschoss einen offenen Saal, der von zwei Säulenreihen in drei fast gleiche Felder geteilt wurde". In der Frühzeit der Industrialisierung wurde in der Mehrzahl, auch in Mönchengladbach, dieses mehrgeschossige Produktionsmodell favorisiert. Im weiteren Verlauf der Industrialisierung nahm man insbesondere in der Textilindustriearchitektur immer mehr davon Abstand. Spinnerei und Weberei waren in getrennten Gebäudebereichen untergebracht, dem Nord- und dem Südflügel. Im Äußeren unterschieden sie sich primär dadurch, dass der Spinnerei-Trakt ursprünglich mit einem Walmdach abgeschlossen wurde, während die Weberei ein Flachdach erhielt. Die allgemein später übliche Sheddach-Konstruktion der Produktionshallen sucht man hier noch vergeblich.

Und so sieht das Berufskolleg heute aus. FOTO: Stadtarchiv, Hochbauamt, Detlef Ilgner

Die Produktion begann 1855 mit rund 800 Arbeitskräften, 71 Prozent davon Arbeiterinnen, und steigerte sich bis 1874 auf 1100 Beschäftigte. Die nahe Bahnanbindung war sowohl für die Bereitstellung der Rohstoffe als auch für den Vertrieb der hergestellten Garne und Stoffe wichtig. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg soll es aufgrund von Managementfehlern zu wirtschaftlichen Problemen gekommen sein, 1915 fand die Liquidation der Fabrikanlage statt. Die genauen Gründe hierfür sind nicht bekannt - eine Firmengeschichte ist wohl nie verfasst worden. Der Nordtrakt wurde aufgegeben. Nur der kleinere Weberei-Trakt im Süden wurde weiter als textile Produktionsstätte genutzt. Bis 1974/78 trennen sich die Schicksale von Nord- und Südflügel.

Es begann nach der Stilllegung 1915, sicherlich auch zeitbedingt (Krieg, Inflation, Besatzung, Weimarer Republik), eine lange Diskussion über die Verwendung des Nordtraktes. Nach dem lukrativen Erwerb dieses größeren Bauteiles durch die Stadt in der Weimarer Republik wurde das Gebäude 1927-29 für eine gewerbliche und eine kaufmännische Berufsschule sowie eine Mittelschule umgebaut und im Mai 1929 übergeben. Die Industrieanlage wurde "von allen Schornsteinen, An-, Aus- und Nebenbauten befreit". Ein viertes Vollgeschoss mit Eisenbetondecken und zwei Aulen an den Seiten wurden hinzugefügt, die gusseisernen Säulen im Innern ummauert. Die Außenarchitektur wurde dem Zeitgeschmack angepasst "(...) und dabei im Sinne der Bauhauszeit purifiziert und ergänzt. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges wurde es noch weiter vereinfacht (...)." Vom einstigen Industrieschloss blieb kaum etwas übrig. Eine weitere Umbaumaßnahme erfolgte im Rahmen des Konjunkturpaketes II in den Jahren 2009/2010, bei der auch die zweite, 1927 hinzugefügte Aula abgerissen wurde. Dieser Bauteil (Nordflügel) steht bis heute nicht unter Denkmalschutz - warum dies so ist, ist lediglich auf den ersten Blick erklärbar, jedoch bei einer intensiven Betrachtung des Gesamtkomplexes nicht nachvollziehbar. Demgegenüber wurde der Süd-Trakt, die ehemalige Weberei, erst 1973 aufgegeben. Der Umbau erfolgte 1974/78 nahezu stilgetreu ebenfalls zur Städtischen Berufsschule (heute Berufskolleg) und wurde am 2. Juni 1987 unter Denkmalschutz gestellt.

Der Text ist Teil eines Aufsatzes "Textilindustriekultur in Mönchengladbach", der im September 2017 erscheint in: Buschmann, Walter (Hg.): Industriekultur, Klartext-Verlag, ISBN: 978-3-8375-1806-1. Der Autor widmet den Beitrag dem jüngst verstorbenen Stadtarchivar Dr. Christian Wolfsberger.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Gastbeitrag Hans Schürings: Das stattlichste Industrieschloss Deutschlands


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.