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Redaktionsgespräch Johannes Jansen (50)
"Das wirkt wie eine 90er-Jahre-Zukunft"

Redaktionsgespräch Johannes Jansen (50): "Das wirkt wie eine 90er-Jahre-Zukunft"
FOTO: Detlef Ilgner
Mönchengladbach. Der kreative Kopf der Freimeister kritisiert fehlende Beteiligung um das Konzept MG+ und einen Rückschritt in der politischen Kultur. Er erklärt, warum ausbleibende Kontrollen die Entwicklung der Altstadt hemmen und denkt über eine zweite Bleichwiese in der City Ost nach.

In den letzten Jahren hat sich in Mönchengladbach viel verändert. Sie haben sich in viele Projekte eingebracht. Wie beurteilen Sie Mönchengladbach heute?

Johannes Jansen Früher wurde geunkt, in Gladbach sei nichts los. Inzwischen ist viel los, man kriegt gar nicht alles mit. Die Menschen sind aktiv geworden, und aktiv werden ist einfacher geworden. Dadurch verändert sich das Verhältnis der Menschen zu ihrer Stadt - wer mitmacht, hält eher mal die Fahne hoch. Krefelder blicken da neidisch nach Mönchengladbach, früher war das auch mal umgekehrt.

Was, meinen Sie, hat den Wandel bewirkt?

Jansen Ab 2009 gab es eine Phase in der Stadt, die ich Dada-Phase nenne - eine Phase des Umbruchs, in der plötzlich unerwartete Dinge geschehen, weil durch die Kraft vieler Leute erstarrte Routinen aufgebrochen wurden. Die Vernetzung der kreativen Klasse, der Masterplanverein, das Altstadtlabor und das Erwachen des Gründerzeitviertels haben ihren Ursprung in dieser Zeit. HORST und GRETA machten unübersehbar, dass plötzlich Dinge passierten, die vorher nicht denkbar waren. Diese Dynamik geriet in Resonanz mit einer neuen, offeneren politischen Kultur.

Und im planerischen Bereich?

Jansen Im Augenblick ist die Entwicklung schwer einzuschätzen. Die Verhältnisse festigen sich wieder. Die Dada-Phase ist vorbei. Die Stadt ist in eine neue Spur gesprungen und wir müssen nun mal sehen, wohin die führt. Im Augenblick scheint mir von den verschiedenen Ansätzen, gemeinsam Stadt zu machen, nicht mehr viel übrig zu sein. In der Politik hat sich das Rollenspiel aus Mehrheitskoalition und Opposition wieder eingerichtet wie früher.

Das klingt kritisch. Halten Sie nichts von den neuen Konzepten der Wachsenden Stadt oder MG+?

Jansen Das vom neuen Planungsdezernenten vorgelegte Konzept MG+ handelt einerseits von der Modernisierung der Verwaltung, aber auch von künftigen Entwicklungsstrategien der Stadt. Inhaltlich werden die teilweise durch den Masterplan initiierten städtebaulichen Ideen hier verbindlich. Gut finde ich, dass Stadtentwicklung und Stadtmarketing künftig zusammen gedacht werden sollen, und ich hoffe, dass Wachstum wirklich primär qualitativ gemeint ist. Ich bin aber unsicher, ob die Entwicklungsziele weitblickend genug angelegt sind. Selbst Städte wie New York oder Paris sind in puncto Verkehr und Nachhaltigkeit weitaus ehrgeiziger. Im Vergleich wirkt das hier eher wie eine 90er-Jahre Zukunft. Und anders als es in den vergangenen Jahren hier erfolgreich geübt wurde, kam das Konzept in der Öffentlichkeit nur in Andeutungen vor und wurde kurz später vom Rat abgesegnet. Es stand ja rechtzeitig zum Download bereit. Der Diskurs über die Entwicklung unserer Stadt ist nun wieder eine exklusivere Angelegenheit. Das ist ein Rückschritt.

Was meinen Sie mit 90er-Jahre-Zukunft?

Jansen An dem Punkt, der für die nächsten 20 Jahren angepeilt ist, ständen wir heute gut da. Wenn man schon einmal eine Stadt neu aufstellt, sollte man aber eine Generation weiter denken. Vor 20 Jahren war zum Beispiel PeakOil (Anm.: das globale Ölfördermaximum) noch kein Thema, inzwischen gerät es in Reichweite planerischer Zeithorizonte. Das erfordert anderen Umgang mit lokalen Ressourcen. Da könnten die grünen Restflächen zwischen den Stadtteilen und der große ländliche Anteil ein echter Vorteil werden. Das haben unsere Mitbewerber nicht. Wir hätten jetzt die Chance uns weit vorne zu platzieren statt anderen nachzueifern.

Sie setzen sich in der Initiative Altstadt für einen Ausgleich zwischen Anwohnern, Gastronomen und der Stadt ein. Gerade von Anliegern kommt in jüngster Zeit viel Kritik. Können Sie diese teilen?

Jansen Ich freue mich, dass immer noch Menschen den Nerv haben, diese Kritik weiterhin unermüdlich zu äußern. Schon als ich 2002 dort anfing, wurde über gemeinsame Kontrollen von Ordnungsamt und Polizei diskutiert. Seit drei Jahren erkennt die Politik den Handlungsbedarf an. Die Polizei wäre trotz Personalmangels sofort dabei. Im Moment werden wir mit der Gründungsphase der AöR, die diese Kontrollen eines Tages an Stelle des Ordnungsamtes durchführen soll, vertröstet. So lange die Stadt sich nicht daran gibt, die Altstadtgäste ans Einhalten bestehender Regeln gewöhnen, ist keine nachhaltige positive Entwicklung möglich. So lange arbeiten wir mit allen Belebungsprojekten, die die Stadt bizarrerweise ja zum Teil unterstützt, letztlich gegen die Wand. Diese Kraft kann niemand auf Dauer aufbringen. Als Stadt wäre mir das peinlich.

Das zentral gelegene Maria-Hilf-Gelände soll zum Wohngebiet entwickelt werden. Glauben Sie, dass das positive Auswirkungen auf die Altstadt hat?

Jansen Das wird das Gefüge deutlich verändern. Hier könnte man mit neuen Wohnformen und kooperativen Wohnprojekten spielen und damit ein begehrtes Klientel in die Stadt locken. Wenn die Stadt fußläufiger gedacht würde, könnte das im Bereich Altstadt wieder zu mehr Primärversorgungsangeboten führen und die Waldhausener Straße tagsüber beleben. Ohne dieses Einzugsgebiet haben es die Pflänzchen, die sich dort entwickeln, sehr schwer. Ich wünsche den Pionieren wie Kulturküche/Vinylgarage und anderen neuen Angeboten einen ausreichend langen Atem.

Glauben Sie, dass Wohnen und Szenelokale gemeinsam in der Altstadt funktionieren können?

Jansen Die Bewohner der Altstadt haben prinzipiell nichts gegen die Nachtgastronomie, es sind unter den Gastronomen auch nur wenige Ausnahmen, die immer wieder negativ auffallen. Das Imageproblem belastet die "vernünftigen" Wirte dann auch. Das Hauptproblem sind jedoch die Nebenwirkungen durch völlig enthemmtes Publikum.

Engagiert sich die EWMG als Eigentümerin etlicher Immobilien genug?

Jansen Die EWMG kauft zwar Immobilien in der Altstadt, aber zur Entwicklung fehlt die aktive, gezielte Vermarktung an Zielgruppen, die das Umfeld positiv beeinflussen können. Da fehlen auch die Anreize.

Für den Friedrichplatz haben die Freimeister die Pläne erarbeitet. Was sagen Sie zu der Umsetzung?

Jansen Der Friedrichplatz hat mehr "Fasson" bekommen. Mit der Aufenthaltsqualität hat es nicht so geklappt: Zwischen den Bäumen sollte es Bänke geben und anstelle von Pollern Fahrradbügel. Jetzt haben wir doch Poller und anstelle der Bänke riesige Fahrradständer zwischen den Bäumen. Drei Edelstahlsitze gibt es.

Die Bleichwiese, eine Idee der Freimeister, ist jetzt Geschichte, dort entstehen die Roermonder Höfe.

Jansen Ich würde gerne glauben, dass die Roermonder Höfe heute so nicht mehr passieren würden. Sie werden halb so hoch wie der Abteiberg. Den sieht man dann sicher nicht mehr. Bei Grimshaw war das Gladbachtal noch eine durchgrünte Achse, in ein paar Jahren wird sie jedoch dichter bebaut sein als jemals zuvor. Am Berliner Platz hatten die Architekten in ihrem Workshop Mühe, einen Wasserstreifen so zwischen ihre Bauklötze zu quetschen, dass er möglichst wenig stört.

Können Sie sich eine Zwischennutzung des Geländes der City Ost nach dem Vorbild der Bleichwiese vorstellen?

Jansen Bis es in der City Ost eng wird, wären die freien Flächen ideal für etliche temporäre Nutzungen. Platz genug ist ja da. Sogar einen Teich gibt es da (manchmal jedenfalls). Mit der Publikumsfrequenz um Berufskolleg und Schwimmbad kann ich mir das Gladbach-Dock von der Bleichwiese hier gut vorstellen. Der richtige See kommt dann eben später.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN ANDREAS GRUHN UND ANGELA RIETDORF.

Quelle: RP
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