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Mönchengladbach
Denkmal Knast

Mönchengladbach. Mehr als 100 Jahre war das Gefängnis hinterm Landgericht in Betrieb. Jetzt stehen alle Zellentüren offen, und das historische Haus ist leer - fast.Von Andreas Gruhn und Detlef Ilgner (Fotos)

Wer ins Gefängnis will, muss an der Pforte klingeln. Aber man muss damit rechnen, dass niemand Einlass gewährt. Auf den Fluren des alten Mönchengladbacher Gefängnisses herrscht gähnende Leere. Es ist hell, alle Türen stehen offen. Niemand ist da. Der Knast ist verwaist. In den Gängen hallen die Schritte, das dunkelgrüne Linoleum dämpft nur leicht. Die schwere, etwas abgestandene Luft legt sich in die Atemwege, und das Quietschen mancher schwerer Stahltür schneidet die Stille und beißt ins Ohr.

Es ist das Gefängnis, in dem über hundert Jahre Gefangene ihre Strafe abgesessen haben oder wie zuletzt als Untersuchungshäftlinge den Ausgang ihres Gerichtsprozesses abgewartet haben. Zwischen 1902 und 1912 wurde es gebaut. Doch seit neun Tagen steht es fast komplett leer. Die JVA Willich I, die das Gefängnis als Untersuchungshaftanstalt betrieb, ist ausgezogen und hat die Stuben besenrein hinterlassen, Tische, Betten und Schränke mitgenommen. Der letzte Häftling wurde am 31. Juli 2015 nach Willich verlegt, weil NRW-Justizminister Thomas Kutschaty fand, es gebe zu viele Haftplätze in NRW. 128 davon, die in Gladbach, wurden zum Jahresende aufgegeben.

Wenn man eintreten darf, dann geht es durch den Flur im Erdgeschoss. Block A, hier sind Zellen untergebracht, alle mit dem doppelt vergitterten Fenster zum Hof hinaus. Wer dort eingesperrt war, hatte nie viel Tageslicht in der Zelle. Aber er konnte durch den Türspion immerhin die bildschönen Gemälde an der gegenüberliegenden Wand sehen. Bilder von Gladbachs Denkmalen. Das Münster. Das Rathaus Rheydt. Die Evangelische Kirche Wickrathberg. Gemalt hat sie ein ehemaliger Insasse nach seiner Entlassung aus der Haft. Er hat sie der JVA geschenkt. "Sein" Gefängnis an der Scharnhorststraße selbst hat er nicht gemalt.

Dabei ist das Haus, dieser schwere, graue Monolith des Justizvollzugs, auch ein Denkmal. Am 27. März 1985 wurde es in die Denkmalliste der Stadt eingetragen. Die Begründung: Das Land- und Amtsgericht bilde eine bauliche und historische Einheit mit dem Gerichtsgefängnis und dem dazugehörenden Amtsleiterwohnhaus. Die Erhaltung des Baukomplexes liege aus künstlerischen, wissenschaftlichen, insbesondere architektur-, orts- und sozialgeschichtlichen sowie städtebaulichen Gründen im öffentlichen Interesse. Das werden die allermeisten Bewohner anders gesehen haben.

Im ersten Obergeschoss liegt Block B. Direkt am Treppenaufgang hatte der Aufsichtsbeamte seinen Platz. Von dort hatte er Übersicht über seine Etage, seinen Block. Direkt gegenüber liegt eine der größten Zellen auf diesem Gang: Ein Raum, in dem vier, meistens fünf Gefangene zusammen untergebracht waren. Tatverdächtige, die unbedenklich in Gemeinschaft schlafen konnten. Oder sogar mussten. Wer mit so viel Gesellschaft auf engstem Raum leben musste, hatte immerhin den Luxus, dass die Toilette in einer eigenen Kammer untergebracht war. Der Raum daneben ist eine Einzelzelle. Das Bett stieß fast bis ans Klo. Das Fenster so hoch, dass man kaum herankommt. Das Sonnenlicht fällt durch das vergitterte Fenster auf die Wand, es blendet. Neben der Tür ist eine elektronische Gegensprechanlage in die Wand eingelassen, um den Aufsichtsbeamten zu rufen. An der Wand hat ein Häftling mit Kugelschreiber Drachen und Fratzen in die Wand graviert. Zwölf Quadratmeter Freiheit. Eine Zelle Denkmal. "Wer in Untersuchungshaft muss, gegen den besteht dringender Tatverdacht", sagt Jan-Philip Schreiber, Sprecher des Landgerichts. "Das nehmen Richter sehr ernst, auch Untersuchungshaft ist Gefängnis."

Ein paar Türen weiter ist es viel heller: Im ehemaligen Sozialraum hatte der Pfarrer seinen Arbeitsplatz. Die Fenster sind größer und haben echte Vorhänge, Kabel für Computer und Steckdosen wie in einem modernen Büro sind verlegt. Wieder ein paar Zellen weiter ist das Bad. Ein medizinisches Bad. Darin konnten Insassen unter Aufsicht der Sanitäter und Ärzte ein Bad nehmen. In der Krankenstube nebenan behandelten Mediziner kleinere Krankheiten. Immerhin einen separaten Behandlungsraum gab es. Am Ende dieses Ganges führt die Treppe weiter nach oben in die oberen Etagen und Blöcke. Oder hinunter zurück zum Pförtner.

Das Telefon im Pförtnerhäuschen tutet noch, und der Abfallkalender für 2016 hängt pflichtbewusst neben der Tür. Es ist warm, die Heizung läuft. Aber es gibt keinen Pförtner mehr. Jetzt hat Hans-Jürgen Pankratz die Schlüsselgewalt. "Ich bin jetzt 38 Jahre am Gericht in der Wachtmeisterei, aber ich kann mich nicht erinnern, dass in dieser Zeit jemals einer aus der JVA ausgebrochen ist", sagt er. Versuche habe es gegeben. Die Dachrinne im Innenhof ist verblendet, weil ein Häftling daran einmal aufs Dach geklettert ist. Und Pankratz selbst habe in der Mittagspause einmal zufällig einen Ausbruchsversuch per Räuberleiter verhindert.

Mit der JVA hatte er nur am Rande etwas zu tun. Denn er ist Leiter der Wachtmeisterei des benachbarten Land- und Amtsgerichts. Die Behörde hat das Gefängnis aber vorerst vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes gemietet. Das Gericht nutzt einen kleinen Teil des Gefängnisses als Vorführzellen. Wenn Angeklagte aus der U-Haft in anderen Gefängnissen für ihren Prozess nach Gladbach kommen, warten sie in diesen Räumen auf die Verhandlung.

Ein Wartehaus, ein Denkmal, aber kein Gefängnis mehr. Was mit dem historischen Bau einmal passieren soll, ist derzeit noch völlig offen. Vielleicht wird es ja mal gemalt.

Quelle: RP
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