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Mönchengladbach
Der Archivar der Gladbacher Wohnkultur

Mönchengladbach: Der Archivar der Gladbacher Wohnkultur
In der Werkstatt von Peter Buschmann treffen nicht nur die Stilepochen aufeinander. FOTO: Detlef Ilgner
Mönchengladbach. Peter Buschmann restauriert in seinem Familienbetrieb alte Möbel - und tut dabei meistens mehr, als betriebswirtschaftlich Sinn macht. Von Arnold Küsters

Lange Nadel. Auf der Hobelbank liegt eine Spritze. Im Kolben eine unklare Flüssigkeit. Es riecht nach Holz. Buche, Nussbaum, Pappel. Zwetschge. Ordentlich aufgereiht mehr als ein Dutzend Schraubzwingen, ungezählte Stecheisen. Mengen anderer Werkzeuge. In einer Konservendose für Linsen steckt ein Pinsel. Leimflaschen. Auf mehrere hallenartige Räume verteilt warten Kommoden, Stühle, Schränke, Truhen, Tische auf ihre "Genesung". Nahezu alle Epochen. Gerade aufgebockt eine Tischplatte. Anfang 19. Jahrhundert. An ihrem Rand hässliche Wasserschäden. Die Intarsien sind filigran, das Holz hauchdünn.

"Wegen ihr habe ich bereits schlecht geschlafen. Ein wunderbares Stück, das es aber in sich hat", seufzt Peter Buschmann, geprüfter Restaurator im Tischlerhandwerk. Es gehe nämlich nicht darum, einfach nur zu schleifen und eine neue Lackschicht aufzutragen: "Die Wasserflecken sind das eine. Bei genauer Untersuchung habe ich gesehen, dass in der Platte viel mehr Schäden stecken. Die haben sich über die Generationen angesammelt." Was also tun? Der unbedingten Liebe zum Werkstück folgen? Oder dem rein wirtschaftlichen Denken Raum geben und nur das Nötigste tun? Es ist dem 47-Jährigen anzusehen, dass er mit sich hadert. Wobei er - wie so oft - das Ergebnis im Grunde schon kennt: Er wird, wie so oft, mehr tun als es betriebswirtschaftlich Sinn macht. "Ich kann nicht anders."

Das Gleiche gilt für die Beine eines Schreibtisches. Sie haben ein Holzgewinde. Für den Betrachter unsichtbar. Peter Buschmann könnte es sich einfach machen und das Gewinde gegen billige Holzdübel austauschen. Aber das geht nicht. Wegen des eigenen Anspruchs und dem Gefühl, so etwas wie der Anwalt jedes Möbelstücks zu sein.

Den Betrieb an der Friedhofstraße hat er von seinem Vater übernommen. Die Ursprünge gehen fast 100 Jahre zurück und reichen bis nach Schlesien. In Rheydt gibt es die Firma seit 1963. Das meiste, das Peter Buschmann beherrscht, hat er von seinem Großvater und Vater gelernt. Obwohl der Gymnasiast zunächst nicht glücklich war, bei seinem Vater in die Lehre gehen zu müssen. Eine harte Zeit sei dies gewesen.

Es fällt auf, dass es im Betrieb tatsächlich nahezu ausschließlich nach Holz riecht. Die Ausnahme ist die Arbeit mit fast reinem Alkohol: "Der ist vergällt und stinkt wie die Pest." Ansonsten greift die Gefahrstoffverordnung, die er allein schon zum Schutz seiner Familie peinlich genau einhalte.

Wie es sich für einen Familienbetrieb in der mindestens dritten Generation gehört, schwört der Tischlermeister unter anderem auf Rezepturen für Farbtöne, deren Zusammensetzung er nicht preisgeben will. Peter Buschmann ist einer der ganz, ganz wenigen in NRW, die sowohl Tischlermeister als auch geprüfte Restauratoren sind. Der Restaurator mag den Begriff Künstler nicht für sich gelten lassen: "Bei der Wiederherstellung eines Möbels habe ich mich strikt an das Original zu halten. Nur der Weg dorthin - da muss ich nicht selten kreativ sein. Die Kunst liegt nicht im Ergebnis, sondern in der Problemlösung." Die Ausbildung habe daran nur bedingt Anteil, Vieles habe er sich im Laufe der Jahre selbst erarbeitet.

Bei der Frage nach dem Wert alter Möbel gerät der Restaurator ein wenig ins Philosophieren: "Der Wert eines Schrankes lässt sich nur schwer materiell abbilden. Entscheidend ist der Wert, denn das Möbel für den Besitzer hat. Denn jedes Stück erzählt ein Stück Alltags- und Familiengeschichte." Die meisten Möbelstücke, die auf seinem Tischler-OP-Tisch landen, stammen aus der Zeit um die Wende zum 20. Jahrhundert, so der vereidigte Sachverständige, "weil es noch viel gibt und die Verarbeitung gut ist".

Und dann verrät Peter Buschmann doch noch die Sache mit der Spritze: "Damit habe ich Leim unter Kirschholzplatte injiziert. Das Furnier hatte sich an einigen Stellen abgelöst." Um die Oberfläche nicht zu beschädigen, habe er von unten Löcher für die Nadel gebohrt. Wie ein Operateur. Er hätte auch einfach den Knochenleim mit einem Bügeleisen runterdämpfen können, da sich der Leim mit Wärme und Feuchtigkeit regeneriert: "Mein Großvater hätte das so gemacht. Aber ich habe mit meiner Lösung bessere Erfahrungen gemacht."

In der Werkstatt treffen nicht nur die Stilepochen aufeinander. Moderne Maschinen ergänzen sich mit historischen, die immer noch ihren Dienst tun, so wie die uralte Formatkreissäge. Peter Buschmanns Kapital ist nicht allein sein Wissen. Über eine Wand verteilt stapeln sich in einem Raum Kasten über Kasten: "Alte Profilstücke. Furnierblätter. Ornamente. Füße. Mooreiche, Linde, usw. Manche Hölzer sind mehr als 300 Jahre alt." Der Rheydter ist nicht nur Chirurg für manch ramponiertes Möbel, er ist auch so etwas wie der Archivar unserer Wohnkultur.

www.restaurator-buschmann.de

Quelle: RP
 
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