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Serie 70 Jahre Weltkriegsende
Der Bunte Garten als Gemüseacker

Serie 70 Jahre Weltkriegsende: Der Bunte Garten als Gemüseacker
Ein US-Lazarett im Grenzlandstadion. FOTO: Stadtarchiv
Mönchengladbach. 1945 ist Gladbach zerstört und besetzt. Die Menschen kämpfen ums Überleben, die Versorgungslage ist schwierig. In öffentlichen Anlagen werden Kartoffeln und Gemüse gezogen und geerntet. Doch allmählich beginnt der Wiederaufbau. Von Angela Rietdorf

In den ersten Tagen und Wochen nach der Besetzung Gladbachs und Rheydts durch die amerikanischen Truppen kann von öffentlicher Ordnung kaum die Rede sein. Zwar setzten die Amerikaner rasch eine kommissarische Verwaltung ein, aber das Fehlen von Sicherheitskräften führt zu Vergewaltigungen, Raub und Diebstahl.

Plünderungen versetzen die Menschen in Angst und Wut: In Rheydt zum Beispiel schlagen amerikanische Soldaten die Fensterläden ein und brechen die Türen zur Wohnung des Küsters Morjan der evangelischen Kirchengemeinde Rheydt auf. Der kommissarische Oberbürgermeister Mönchengladbachs Wilhelm Elfes berichtet am 4. März von "zahlreichen Beschwerden." Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist wie fast überall eine Folge von Krieg und Besatzung. Ein Fall ist überliefert: Der Wickrather Lehrer Franz Otten kann eine aufgebrachte Menge nur mit Mühe von Vergeltungsaktionen abbringen, nachdem amerikanische Soldaten eine Frau auf der Wickrathhahner Straße vergewaltigt haben.

Vor allem aber die nach Deutschland verschleppten und ausgebeuteten Zwangs- und Fremdarbeiter nehmen jetzt Rache: Es kommt zu Plünderungen und Raub, wohl auch zu Morden. Banden terrorisieren noch monatelang die abgelegeneren Ortschaften und Bauernhöfe. Der Verwaltungsbericht der Stadt Mönchengladbach erwähnt auch die Plünderung von Lebensmittellagern. Die amerikanischen Soldaten dagegen nehmen Fahrräder, Uhren, Schmuck und Radios an sich. Die Polizei sei machtlos gewesen, stellt der Bericht fest. Das liegt vor allem daran, dass es zeitweise überhaupt keine Polizei gibt. Pfarrer Franz Rixen aus Odenkirchen berichtet in seinem 1960 erschienenen Rückblick, dass allein in Odenkirchen zwanzig Polizeibeamte von den Amerikanern verhaftet und in ein Gefangenenlager südlich von Marseille gebracht wurden, wo sie mehrere Jahre blieben. Es wurden zwar bald unbewaffnete deutsche Hilfspolizisten eingesetzt, die aber wegen der Ausgangssperre nachts nicht auf den Straßen sein durften.

Ein US-Truppen-Plakat (U. S. Army Theater 33rd Special Service) vor der Kaiser-Friedrich-Halle

Einige Zeit kümmern sich die Militärs nicht um die Sicherheitslage und die Beschwerden der Bevölkerung. Schließlich aber wird gehandelt, nachdem die Geistlichen beider Konfessionen, die regelmäßig beim Kommandanten zum Gespräch erscheinen müssen, wiederholt deutlich die Zustände kritisieren. Doch viele machen auch positive Erfahrungen mit den amerikanischen Soldaten. Fritz Thürnau aus Neuwerk berichtet in seinen Erinnerungen: "Meine Schwester Trude, damals blond und mit Zöpfen, war der Liebling der amerikanischen Soldaten, die zu uns sehr freundlich waren. Trude bekam häufig Schokolade, Obst oder andere Süßigkeiten geschenkt."

Auch die deutsche Bevölkerung versteht sich nun aufs Plündern. In Rheindahlen wird ein unversehrtes Versorgungsdepot der Wehrmacht gestürmt. Oberpfarrer Peter Micke prangert in seinen Predigten den Verfall der guten Sitten an.

Der zerstörte Kapuzinerplatz mit der Christuskirche

Die Versorgungslage ist schwierig. Die Amerikaner verlangen von der deutschen Bevölkerung, sich selbst zu versorgen. Daraufhin werden öffentliche Anlagen mit Kartoffeln und Gemüse bepflanzt. Das geschieht in Odenkirchen genauso wie in Mönchengladbach, wo der Bunte Garten zum Anbau von Nahrungsmitteln genutzt wird, wie der Verwaltungsbericht der Stadt Mönchengladbach erwähnt.

Der Wiederaufbau oder die Reparatur der zerstörten und beschädigten Gebäude ist problematisch, denn es fehlt an Baumaterialien. Aus den Trümmern Rheydts werden im Laufe des Jahres 100 000 Ziegelsteine gesammelt. Auch Bretter und Balken werden auf Wiederverwendbarkeit geprüft. Es mangelt jedoch dramatisch an Zement und Kalk. Hier haben die Menschen rings um Güdderath einen Vorteil: Im unvollendet gebliebenen Bunker finden sich 8000 Sack Zement, die jetzt eingesetzt werden, um die Häuser zu reparieren, wie Pfarrer Franz Rixen berichtet.

Quelle: RP
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