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Serie Was Macht Eigentlich?
Der einst mächtigste Mann der Stadt

Serie Was Macht Eigentlich?: Der einst mächtigste Mann der Stadt
Alfred Bohnen konnte stundenlang reden, um andere zu überzeugen und Mehrheiten für Entscheidungen zu bilden. Rechts: Reiner Brandts. FOTO: los
Mönchengladbach. Alfred Bohnen hat wie kaum ein anderer Politiker die Entwicklung Mönchengladbachs von den frühen 70ern bis Ende der 90er Jahre beeinflusst. Machtbewusst, verlässlich, treu zu Zielen und Personen. Aber nicht unumstritten, weil er als Unternehmer profitierte. Von O. E. Schütz

Eigentlich wollte er Förster werden. Doch weil der Vater im Krieg vermisst war und die Mutter kein Geld hatte, ihn aufs Gymnasium zu schicken und der Beruf sofort nach dem Krieg keine Zukunft bot, wurde Alfred Bohnen wie der Vater Raumausstatter, machte sich nach der Meisterprüfung 1956 als Dekorateur und Raumausstatter selbstständig. 1969 wurde er Kommunalpolitiker der CDU - ein Mann, ohne den lange kaum etwas lief in Mönchengladbach. 1979 stieg Bohnen in ein Bau- und Immobilienunternehmen ein, das sehr viel in dieser Stadt bewegte. Fragen, ob die Firma Jessen denn nicht allzu sehr von Kontakten und Einfluss ihres Gesellschafters Bohnen profitiere, begegnete der mit der Gegenfrage, ob es am Ende der Stadt genutzt habe. Es hat genutzt, meistens jedenfalls.

"Ich wollte nie politisch abhängig sein", sagt der heute 81-Jährige: "Das Leben ist ein Kampf, den man bestehen muss." Er macht aber keinen Hehl daraus, weshalb er am 1. Januar 1969, wie etliche selbstständige Handwerker auch, in die CDU eingetreten ist: "In der Kreishandwerkerschaft waren viele unzufrieden mit der Stadt, in der alles im alten Trott lief. Wir wollten dies ändern, indem wir uns in der Politik engagierten." Bei Alfred Bohnen wurde es ein Engagement, das häufig einen 16-Stunden-Arbeitstag erforderte und mal knapp bis an die Substanz seines Raumausstatter-Geschäfts ging - auch daher seine "Rats-Pause" 1975 bis 1979: "Ich musste den Laden erst wieder ans Laufen bringen." Danach aber ging es richtig los mit der Karriere - im Rat und bei Jessen.

In derselben Klasse gewesen: die Strippenzieher Winfried Eßer und Bohnen. FOTO: NN

Verkaufstalent, bienenfleißig, unermüdlich, aber auch, sagen wir: unbürokratisch, wenn es dem Ziel diene - so beschrieben Beobachter, wohlwollende wie kritische, seinen Einsatz. Und eines galt als unumstößlich: "Auf Alfred Bohnens Wort kann man sich immer verlassen."

Er wurde kein Jahr nach seinem CDU-Eintritt 1969 Ratsherr, dann Vorsitzender etlicher Ausschüsse und Gremien, vor allem "Chef" des mächtigen Finanzausschusses und 15 Jahre Fraktionsvorsitzender im Stadtrat. Dies alles wurde er nicht zuletzt als "Königsmacher". In der CDU oder über sie in Rat und Verwaltung einen einflussreichen Posten zu bekommen, das ging schwer ohne Alfred Bohnen. Den Mann, der im Vorfeld der kommunalen Gebietreform zum 1. Januar 1975 in der Sechser-Runde der CDU saß, die die Pflöcke für den Weg des neuen Mönchengladbach einschlug, bei Sachfragen wie Personaldingen. Die sechs waren Hans-Wilhelm Pesch (später Bundestagsabgeordneter), der Handwerker Kurt Schiffer und Fraktionsgeschäftsführer Werner Wolf für Rheydt, Theodor Bolzenius (der erste Oberbürgermeister der neuen Stadt wurde), Helmut Harbich. Landtagabgeordneter und Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, und eben Alfred Bohnen für Alt-Gladbach.

Alfred Bohnen mit zwei Jahren und seinem damals besten Freund FOTO: NN

Ein Mann, der Macht suchte, aber nicht selbst im Blickpunkt stehen, sondern am liebsten im Hintergrund taktierte und andere die Lorbeeren für das ernten ließ, was er gesät hatte. Strippenziehen nennt man so etwas. Für Alfred Bohnen hat dies keinen Beigeschmack.

Er sagt mit entwaffnender Ehrlichkeit seine Wahrheit, von der er andere beredt zu überzeugen versucht. Er spricht offen über seine Art, Politik zu machen: "Man muss Ziele haben, feststellen, ob man sie erreichen kann und daran glauben, über Jahre hinaus planen, geduldig, verlässlich und beharrlich sein. Zuhören, sich sehr gut vorbereiten, Vertrauen schaffen - und andere überzeugen, um Mehrheiten für Entscheidungen zu bilden." Sein Wahlspruch: "Sehen - erkennen - handeln."

Macher in der Großen Koalition CDU-SPD: (von links) Hermann Jansen, Alfred Bohnen, Reiner Brandts. FOTO: NN

Wobei Alfred Bohnen dann gegebenenfalls "rheinische Lösungen" suchte. Deren Prinzip lautet: etwas geben, um etwas zu bekommen. Was nicht nur beim "Interessenausgleich" für das neue Mönchengladbach häufig funktionierte, im Nachhinein aber nicht immer die beste Lösung war - siehe das Überangebot an Schwimmbädern.

Alfred Bohnen hat geholfen, Mönchengladbach umzukrempeln, die Stadt, in der er lebt und die er liebt. Er hat die Sanierung Eickens, in dem er aufgewachsen ist und sein Geschäft hatte, auf den Weg gebracht, die Sanierung des Abteibergs mit dem Bau des Museums durchgesetzt und die Fusion der städtischen Energieversorger Stadtwerke, NLK und RWE betrieben, um die größten Projekte zu nennen. Vieles, auch im Kleinen, lief für den einen oder anderen verdächtig reibungs- und geräuschlos, aber im Miteinander mit anderen Parteien: Mal war es die FDP, dann etliche Jahre die Große Koalition mit der SPD, in der Bohnens Eickener Schulfreund Winfried Eßer die Strippen zog und der Landtagsabgeordnete Hermann Jansen den Nutzen für die Stadt abwog. Und schließlich nach der Spaltung der SPD gab es die Zusammenarbeit mit der USD (Unabhängige Sozial-Demokraten) mit Winfried Eßer.

Die Erfolge als Politiker machten auch Mut für neue berufliche Herausforderungen und Chancen: 1979 kaufte sich Bohnen zusammen mit seinem CDU-Freund, dem Architekten Eberhard Palm, in die Firma Jessen von Günter Dürselen und Volkmar Müllges ein, die Bohnens organisatorische und durchbeißende Fähigkeiten zu schätzen wussten. 1987 übergab er seine Raumausstatter-Firma mit den Geschäften am Eickener Markt und an der Gracht seinem Sohn Dietmar.

1999, nach einem schon 1995 geplanten aber doch noch nicht vollzogenen Rückzug, war dann wirklich Schluss mit der Politik. 2001 verkauften Alfred Bohnen und Eberhard Palm ihre Jessen-Anteile an die Gebrüder Uli und Jochen Bücker und konzentrieren seither das Engagement auf ihre Firmen DPBS Gewerbe- und Wohnbau und BT Baubetreuungsgesellschaft. Beide haben ihren Sitz im Marienhof, dem "Flaggschiff" nahe des Alten Markts.

Quelle: RP
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