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Detlef Neuß
"Der Eiserne Rhein ist doch längst da"

Detlef Neuß: "Der Eiserne Rhein ist doch längst da"
Um das Bahnfahren attraktiver zu machen, müsste die Bahn laut Detlef Neuß einen besseren Service bieten und mehr Personal einstellen. FOTO: Ilgner
Mönchengladbach. Der Gladbacher Chef des Fahrgastverbandes Pro Bahn spricht über zu wenig Bahnpersonal, fehlende Verbindungen und zunehmenden Güterverkehr.

Herr Neuß, Sie sind seit dem Frühjahr Bundesvorsitzender von Pro Bahn. Wie wird man das?

Neuß Ich bin fast drei Jahrzehnte lang mit der Bahn nach Düsseldorf gependelt. Natürlich ärgert man sich da auch. Irgendwann habe ich mir gesagt, dass man nicht immer nur meckern sollte, sondern sich auch aktiv beteiligen könnte. Deshalb bin ich bei Pro Bahn eingetreten und habe dann im Laufe der Jahre Positionen in der Bezirksgruppe, im Regionalverband und im Landesverband übernommen. Jetzt bin ich Bundesvorsitzender, gleichzeitig aber immer noch Schatzmeister im Landesverband.

Wie viele Mitglieder hat Pro Bahn? Und wie werden Sie von der Bahn wahrgenommen?

Neuß Wir haben 4000 Mitglieder, werden aber oft als größer wahrgenommen, weil wir viel Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Die Bahn sucht das Gespräch mit uns. Das geht bis hinauf zu Herrn Grube, dem Bahnchef. Er holt sich gern Anregungen von Fahrgästen.

Mönchengladbach wird bei den Planungen der Bahn oft links liegen gelassen? Woran liegt das? Nur an der Randlage der Stadt?

Neuß Ja, das liegt eindeutig an der Randlage. Es gibt ab Gladbach eine morgendliche IC-Verbindung nach Berlin, und das ist gut so. Aber wenn ich nach Berlin will, fahre ich lieber über Düsseldorf. Das geht trotz Umsteigen schneller.

Könnte Mönchengladbach nicht von der Randlage profitieren, indem die Verbindungen in die Niederlande über MG geführt würden?

Neuß Dann würde man auf den Halt am Knotenpunkt Düsseldorf verzichten. Das wollen aber viele Fahrgäste nicht, die zum Beispiel zum Flughafen wollen. Wenn gebaut wird, wird Mönchengladbach gern als Bypass genutzt. Ich würde es mir wünschen, aber ich habe keine Hoffnung, dass es in absehbarer Zeit deutlich mehr Fernverkehrsangebote für Mönchengladbach gibt. Krefeld und Mönchengladbach gehören tatsächlich zu den größten Städten ohne richtige IC-Anbindung.

Wird die Stadt denn etwas von dem neuen Rhein-Ruhr-Express haben?

Neuß Nur mittelbar. Der RE 4 von Aachen über Mönchengladbach und Düsseldorf nach Dortmund bekommt das neue Wagenmaterial. Außerdem wird der Bahnhof Rheydt aus RRX-Mitteln saniert. Er wird barrierefrei umgebaut.

Bis wann?

Neuß Bis 2023 wird das wohl umgesetzt sein. (lacht) Man lernt in diesen Dimensionen zu denken, wenn man mit der Deutschen Bahn zu tun hat.

Was muss bei den Bahnhöfen geschehen? Insbesondere Rheydt, aber auch Mönchengladbach sind wenig einladend für Fahrgäste.

Neuß Die großen Bahnhöfe in Düsseldorf oder Hannover sind inzwischen sehr ansehnlich, aber bei den kleineren ist noch viel zu tun. Sie sind alt und schmuddelig. Weil kein Personal vor Ort ist, haben sie sich zu Angsträumen entwickelt. Die Bahn will jetzt im Rahmen ihres Modernisierungskonzeptes 150 Bahnhöfe modernisieren, darunter übrigens auch Odenkirchen. Es gibt aber leider gar nicht so viele Unternehmen, die diese Arbeiten durchführen können, deshalb dauert es. Zur Modernisierung gehört natürlich auch Barrierefreiheit. Man muss dabei aber nicht überall Fahrstühle einbauen. In Wickrath wurde das elegant gelöst, indem man Rampen nutzt. Das hat den zusätzlichen Vorteil, dass man Rampen nicht so schnell außer Betrieb setzen kann wie Fahrstühle.

Gehen wir mal ein paar der gängigen Klischees durch. Erstens: Die Bahn ist immer unpünktlich.

Neuß Sie ist wirklich nicht immer unpünktlich. Das ist eine sehr subjektive Wahrnehmung. Wenn man mit dem Auto fünf Minuten später kommt als geplant, wird einem das meistens gar nicht bewusst. Bei der Bahn merkt man das direkt. Es ist natürlich auch ärgerlich, wenn die Reisekette reißt und man den Anschlusszug verpasst.

Wie viel Zeit planen Sie als geübter Bahnfahrer denn zum Umsteigen ein?

Neuß Bei größeren Bahnhöfen sollte man schon mindestens 15 Minuten zum Umsteigen haben. Da sind die Wege ja auch länger. Es ist übrigens so, dass man die Zugbindung, die bei günstigen Angeboten besteht, vom Schaffner im verspäteten Zug aufheben lassen kann, so dass man problemlos weiter reisen kann. Das habe ich auch schon gemacht. Aber im Großen und Ganzen habe ich selbst meist Glück und bekomme meine Anschlusszüge.

Klischee zwei: Eine Tarifstruktur, wie sie die Bahn hat, können sich nur Deutsche ausdenken. Sie ist viel zu kompliziert. Stimmt das?

Neuß Ja, sie ist wirklich sehr kompliziert. Sparpreise, Flex-Preise, das ist unübersichtlich. Es gibt eine Unzahl unterschiedlicher Angebote, manche gelten ausschließlich im Fernverkehr wie der 19-Euro-Sparpreis. Da dürfen die Reisenden die Regionalbahnen nicht benutzen und so weiter. In den Niederlanden gibt es ein wesentlich simpleres Preissystem, das auf einer Chipkarte basiert. Es wird dann immer der günstigste Preis abgerechnet. Das sehen in Deutschland aber noch viele kritisch, weil die Wege der Fahrgäste damit nachvollziehbar werden.

Klischee drei: Das Essen in den Zügen ist zu teuer und ungenießbar.

Neuß Also ungenießbar ist es wirklich nicht, aber die Bequemlichkeit kostet Geld. Der Aufwand ist schließlich hoch. Und ein Coffee to go im Bahnhof ist auch teuer. Was mich mehr ärgert, sind geschlossene Zugbistros.

Mönchengladbach bringt gerade sein Busnetz auf Linie. Wie sehen Sie die Bemühungen?

Neuß Die Politik hat erkannt, dass man tätig werden muss und das ist sehr positiv. Wir als Fahrgastverband sind auch in die Gespräche eingebunden. Die Schnittstellen zwischen den Verkehrsmitteln werden immer wichtiger. Wir brauchen einen abgestimmten Busfahrplan, aber auch Fahrradboxen an den Bahnhöfen und ausreichend Park-and-Ride-Parkplätze.

Der Eiserne Rhein ist in Gladbach ja immer ein großes Thema. Wie steht Pro Bahn dazu?

Neuß Der Eiserne Rhein ist längst da. Wir müssen uns überlegen, wie wir mit dem Hochwasser umgehen. Mit anderen Worten: Der Güterverkehr hat zugenommen und nimmt weiter zu. Dafür muss die Infrastruktur ausgebaut werden. Wir leben nun mal in einer Gegend, durch die alles hindurch fährt auf dem Weg nach Antwerpen oder Zeebrügge.

Was nervt Sie persönlich am meisten beim Zugfahren?

Neuß Am meisten nerven mich die Informationsdefizite während der Fahrt. Die Menschen haben ja Verständnis dafür, dass ein Zug anhält, wenn Kinder auf den Gleisen spielen, aber es muss ihnen gesagt werden. Ich bekomme über die Bahn-App mehr Informationen als der Zugbegleiter. Das geht doch nicht.

Was muss geschehen, damit mehr Menschen mit der Bahn fahren?

Neuß Man braucht besseren Service, mehr Personal vor Ort. Die Bahn denkt gerade über autonomes Fahren nach. Wenn das dazu führt, dass mehr Personal verfügbar ist, ist das gut. Wenn es zum Personalabbau führt, nicht. Es muss Leute in den Bahnhöfen geben, die bei Störungen auf Alternativstrecken hinweisen können, die Auskunft geben. Die Tatsache, dass zum Beispiel im Rheydter Bahnhof überhaupt kein Personal vor Ort ist, hält, meine ich, viele vom Bahnfahren ab.

Hat sich bei den Fahrgastrechten in letzter Zeit etwas getan?

Neuß Da hat sich vieles verbessert. Es gibt zum Beispiel keine höhere Gewalt mehr. Die Bahn übernimmt Taxi- oder Übernachtungskosten, wenn Reisende irgendwo nachts stranden. Allerdings muss das Geld vorgestreckt werden.

Wie stehen Sie zu den Fernbussen?

Neuß Wir sind ein Fahrgastverband und auch für die Fahrgäste in Fernbussen da. Fernbusse stellen eine gute Ergänzung dar, aber die Rahmenbedingungen sollten für alle gleich sein. Die Busse zahlen zum Beispiel keine Maut, die Bahn aber Trassengebühren.

Was würden Sie sich von der Bahn wünschen?

Neuß Unter anderem mehr Direktverbindungen in die Niederlande, zum Beispiel nach Roermond. Oder die Verlängerung der S-Bahn nach Rheydt. Aber da müssen wir wahrscheinlich in Jahrzehnten denken.

RALF JÜNGERMANN UND ANGELA RIETDORF FÜHRTEN DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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