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Serie Denkanstoss
Der Feriendreiklang

Mönchengladbach. Nur Mut! Wir müssen nicht verzagen! Natürlich sind die Fahnen und Wimpel schon lange weggeräumt, natürlich müssen wir auf die Olympiade noch eine kleine Weile warten, natürlich sind mit Ferienbeginn viele in die weite Welt gezogen, doch auch für uns Daheimgebliebene gibt es gute Möglichkeiten, die Sommertage zu nutzen. Von Klaus Hurtz

Vielleicht sollten wir uns die Europameisterschaft zum Vorbild nehmen und wieder einmal mit dem "Spielen" beginnen. Dabei muss es nicht immer Fußball sein, es gibt unzählige Spiele für drinnen und draußen, für Sonne und Regen, für Junge und Ältere! Denn wo immer wir zu Spielenden werden, da können wir im Mit- und Gegeneinander Gemeinschaft erfahren, und das tut der Seele gut. Zudem schenkt uns jedes Spiel, das wir ernst, aber nicht verbissen führen, eine innere Leichtigkeit, und hilft uns damit, manchen Herausforderungen des Lebens mit einer größeren Gelassenheit, eben "spielerisch" zu begegnen. Sollten gerade keine Spielpartner vorhanden sein, dann könnten wir zu einem Buch greifen.

Es ist für mich immer schon ein schöner Hinweis unserer Sprache, dass "Lesen" und "Leben" sich nur durch einen Buchstaben unterscheiden. Lesen ist unauslotbar mit Leben verbunden. Es kann das Leben verändern und erweitern, ihm helfen und es bereichern, strukturieren, motivieren, mobilisieren. Jede Lektüre hinterlässt Spuren, weil es unser Denken, Entscheiden, Reden und Handeln beeinflusst; Lesen öffnet uns die Augen! Und kurz vor dem Gehen hilft es, sie auf natürliche Weise zu schließen.

Und wenn wir genug gespielt und gelesen haben, dann könnten wir uns auf das "Begegnen" verlegen. Menschsein ist nichts anderes, als der Gesamtwirklichkeit entgegenzutreten; doch in unserem Alltag dringen diese Begegnungen oft nicht bis in unser Inneres. Wir kreisen um unsere Sorgen, Entscheidungen, Termine, letztlich um uns selbst, und nehmen deshalb nicht wahr, was oder wer uns begegnet. Wissen wir nach einem Spaziergang, welche Blumen am Wegrand blühten? Haben wir gemerkt, an welchen Gebäuden und Kunstwerken wir beim Gang durch die Stadt vorbeigekommen sind?

Mit wacher Aufmerksamkeit der Natur oder der Kunst in all ihren Facetten zu begegnen, das gleicht einer wahren Schatzsuche, die den Finder immer reich belohnt. Erst recht bewahrheitet es sich, wenn wir dem Du begegnen. In einer Stadt ist der Gruß selten, im Strom der Passanten tritt der Einzelne zurück, wir gehen achtlos am anderen vorbei. Dabei brauchen wir alle den Austausch, das Gespräch, die Begegnung; das Ich findet nur durch das Du zu sich selbst. Vor allem und gerade gilt dies für die Begegnung mit Gott; wo wir uns für Gott Zeit nehmen, da kann das eigene Ich an dem Du wachsen, welches selber die Fülle ist. Und an dieser Fülle will Gott jeden verschwenderisch teilhaben lassen.

Das Wort "Ferien" ist aus dem Lateinischen in unsere Sprache gekommen und meint ursprünglich: die Festzeit. Der Schriftsteller Ernst Jünger notierte einmal: "Jedes Fest, soweit es den Namen verdient, meint Annäherung an das Mysterium." Im Dreiklang "Spielen, Lesen, Begegnen" kommen wir dem Mysterium des Lebens schon recht nah; und dafür brauchen wir nicht in die Ferne zu schweifen.

DER AUTOR IST KATHOLISCHER PFARRER IN RHEYDT.

Quelle: RP
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