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Serie Was Macht Eigentlich?
Der Hüter der Gladbacher Mundart

Mönchengladbach. Kurt Gietzen ist anerkannte Mönchengladbacher Autorität für die plattdeutsche Sprache. Seine Liebe dazu hat er in den einsamen Nächten als Bauingenieur in aller Welt entdeckt, dann Wörterbücher und Heimatbücher geschrieben, Gedichte und Geschichten - alles in Plattdeutsch. Von O. E. Schütz

Es ist die Geschichte eines Mannes, der zunächst sorgenfreie und unbeschwerte Kinderjahre in Neuwerk erlebte - bis der Zweite Weltkrieg begann. Da war Kurt Gietzen fünf, und auf einmal wurde es ganz anders: 1939 wurde nicht nur der Vater, sondern auch sein geliebter Schäferhund zum Wehrdienst eingezogen. Nur acht Wochen später kam die Nachricht, dass "Asta" für Volk und Vaterland gefallen war. Der kleine Kurt hat die Mönchengladbacher Bombennächte im Bunker erlebt, sein Vater Paul Mathias Gietzen ist am Ende nicht aus dem Krieg zurückgekommen. Großvater Peter Gietzen sen. übernahm zunächst die Rolle des Familienoberhaupts. "Er war mein Mentor bis zu seinem Tod im Jahr 1969", sagt Kurt Gietzen, heute 81.

Der Großvater hatte einen Baubetrieb in Neuwerk, der Vater war Bautechniker gewesen: Die Gietzens waren eine gutbürgerliche Familie, die Wert auf einen gewissen Lebensstil legte. Dazu gehörte auch die Sprache. "Sprich anständig": Dies hat Kurt immer wieder gehört, wenn er zu Hause mal so sprach, wie er es in der Schule, auf der Straße, auf den Feldern beim Sammeln von Kartoffeln und Ähren, beim nächtlichen Kohlenklau aus Eisenbahnwaggons oder später bei Borussia in seiner Jugendmannschaft hörte. Anständig sprechen: Das hieß bei den Gietzens Hochdeutsch und nicht Platt.

Die Baufirma Gietzen wurde nach dem Krieg nicht weitergeführt. "Es hatte zwar immer schon festgestanden, dass ich das Baufach lernen sollte", erzählt Kurt Paul Gietzen (so der Name im Stammbuch). "Doch weil mein Vater nicht aus dem Krieg zurückkam und mein Großvater nicht mehr der Jüngste war, wurde unsere Firma nicht mehr fortgeführt." Der Junior hat nach der Mittelschule zunächst bei Heinrich Weller Stahlbau Stahlbauschlosser und Technischer Zeichner gelernt und anschließend ein Studium zum Dipl. Ing. Bauwesen (FH) aufgenommen. Er wurde Statiker und Konstrukteur bei der Gladbacher Traditionsfirma, die auch die Tribünen für Borussias Stadion am Bökelberg gebaut hat. Und dann wurde Kurt Gietzen hinaus in die Welt geschickt: "Meine Arbeitsplätze wurden Autobahn, Bundesbahn, Flugzeug." Und Baustellen in, bis auf Australien, allen Kontinenten. Stahlbau Weller baute Autobahnbrücken in Deutschland, in der Schweiz und Venezuela, an Papierfabriken in Schweden, einer Brauerei in Uganda, beim Tower des Flughafens von Lagos in Nigeria, an großen Industrieanlagen in Spanien, Schiffshebewerken in Algerien, Malaysia und Oman, Anlagen in Polen, am Gardasee, in Marokko und Norwegen. Der Ingenieur Kurt Gietzen plante, kalkulierte und überwachte dann vor Ort. "Verständigt habe ich mich mit meinem Pidgin-Englisch und auch etwas Französisch, das ich ebenfalls auf der Knabenmittelschule gelernt hatte", erzählt Gietzen.

Abends saß er dann oft einsam in seinem Container oder im Hotel. Und fing an, sich wieder mit dem fast in Vergessenheit geratenen Gladbacher Platt zu beschäftigen: "Ich habe es zunächst fast wie eine Fremdsprache aus dem Gedächtnis heraus wieder erlernt." Er erstellte in Schulheften sein erstes "Wörterbuch" der plattdeutschen Sprache, wie sie in und um Mönchengladbach gesprochen wurde und - mit immer mehr abnehmender Tendenz - bis heute gesprochen wird: "Die Erinnerung an Freunde meiner Großeltern war dabei ganz wichtig. Die Familie Bend hat Platt gesprochen, und ich habe mich Wort für Wort daran erinnert."

Kurt Gietzen hat draußen in der Welt seine Liebe zur Heimatsprache entdeckt: "Die Mundart ist dort für mich zu einem Anker in die Heimat geworden. Ich hatte vorher Gedichte und Aufsätze geschrieben - in Hochdeutsch. Sie habe ich dann ins Platt übertragen." Aus dieser Beschäftigung mit der Sprache ist spätestens mit dem Eintritt in den Ruhestand 1997 eine Leidenschaft geworden - und Kurt P. Gietzen zur derzeit "höchsten Autorität" für Gladbacher Platt, das auch "Jlabacher" oder "Jläbecker" heißt.

Diese Liebe sorgte dafür, dass er als "Ruheständler" eines absolut nicht kennt: Langeweile. Wenn die Tage kürzer werden, im Garten seines Hauses in Hamern nichts mehr zu tun ist, nimmt er sich den Zettelkasten vor, den er im Sommer mit Ideen gefüllt hat. Er schreibt Gedichte und Aufsätze in der heimischen Mundart, beschäftigt sich mit Volks- und Heimatkunde, erforschte die Ahnenreihen von fünf Mönchengladbacher Familien. Er schrieb Heimatgeschichte, Mundartmessen, zwei kleine Bücher ("Das Kirchspiel Venn" und "Die Glocken von Venn"), plattdeutsche Geschichten und Gedichte, ein Mundart-Alphabet für die Rheinische Post - und, ganz auf der Höhe der Zeit, eine "Wetter-App" fürs Smartphone - in Plattdeutsch! Kurt Gietzen engagierte sich auch in der Initiative "Gegen das Vergessen" zur Errichtung von Gedenktafeln für die über 300 Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkriegs der Pfarre Venn. Als Mitglied des Heimat- und Geschichtsverein Mönchengladbach arbeitete Gietzen zunächst mit Michael Walter und nach dessen Tod alleine am im Stadtarchiv schlummernden Nachlass des Heimatforschers Johannes Noever. Herausgekommen sind "Das große Gladbacher Mundart-Wörterbuch", dazu Geschichten aus dem Gladbacher Alltagsleben und Erzählungen.

Kurt Gietzen ist auch seit mittlerweile 30 Jahren "Baas" der "Jlabacher" oder "Jläbecker" Mundart-Autoren, zu denen derzeit noch Margit Gärtner, Dieter Coenen und Johannes Ohlig aus Odenkirchen, Manfred Dülpers (Windberg), Käthi Herbertz (Wickrath), Horst "Hotte" Jungbluth aus Dahl, Georg Nowak (Rasseln), Rudolf Sous ( Pongs), Reiner Steppkes (Erkelenz), Irmgard van Wijk (Beckrath) und Tomas Werens aus Hamern gehören. Sie treffen sich einmal im Monat mit Heimatvereinen in der ganzen Stadt, veranstalten regelmäßige Plattdeutsch-Abende, bei denen sie ihre Gedichte, Prosastücke und Texte vortragen - ganz ohne Honorar. Zwischen 50 und 80 Zuhörer an solch einem Abend sind die Norm, in Odenkirchen werden es sogar zwischen 150 und 200.

Quelle: RP
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