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Serie 70 Jahre Weltkriegsende (5)
Der Kapo und der Philosoph

Serie 70 Jahre Weltkriegsende (5): Der Kapo und der Philosoph
Hans Jonas (r.) bekommt von Oberbürgermeister Heinz Feldhege am 16. November 1989 die Ehrenbürgerschaft verliehen. Vier Jahre später stirbt Jonas in New York. FOTO: KN
Mönchengladbach. Die beiden jüdischen Fabrikantensöhne aus Mönchengladbach, Hans Jonas und Paul Raphaelson, treffen sich 1945 in der zerstörten Stadt. Der Journalist Holger Hintzen hat ihre unterschiedlichen Lebenswege 2012 in einem Buch dargestellt. Von Angela Rietdorf

Stadtteile Ihre Herkunft ist ähnlich, aber ihre Lebenswege könnten unterschiedlicher kaum sein. Hans Jonas, international renommierter Philosoph, und Paul Raphaelson, als Handlanger der SS in der Tschechoslowakei hingerichtet, stammen beide aus wohlhabenden jüdischen Textilfabrikantenfamilien aus Mönchengladbach. Sie gehören der gleichen Generation an und sind sich nachweislich nach Kriegsende 1945 in Mönchengladbach begegnet. Der Journalist Holger Hintzen hat ihre Geschichte 2012 in einem Buch dargestellt.

Der spätere Philosoph Hans Jonas wird am 10. Mai 1903 als Sohn des Textilfabrikanten Gustav Jonas und seiner Frau Rosa in Mönchengladbach geboren. Sein Vater ist ein geachtetes Mitglied der Jüdischen Gemeinde. Hans Jonas wächst in Mönchengladbach auf, entwickelt sich vom kriegsbegeisterten Jugendlichen während des Ersten Weltkriegs zum Zionisten und damit zum schwarzen Schaf der Familie. "Es war übrigens in Mönchengladbach auch später völlig aussichtslos, in der höheren jüdischen Gesellschaft für die Zwecke des Zionismus zu sammeln", schreibt Hans Jonas in seinen Erinnerungen.

Er studiert in Freiburg Philosophie, sieht den Wahnsinn des Nationalsozialismus heraufziehen, geht 1934 nach London und später nach Palästina. Er wird schließlich als Mitglied der Jewish Brigade Group Soldat in der britischen Armee. Etwa anderthalb Monate nach Kriegsende kommt Hans Jonas wieder in seine Heimatstadt Mönchengladbach. Sein Vater ist 1938 gestorben, seine Mutter in Auschwitz ermordet worden. Während seines Aufenthalts in Mönchengladbach trifft er Paul Raphaelson, der einen völlig anderen Lebensweg hinter sich und vor sich hat.

Auch Raphaelsons Vater ist ein erfolgreicher Textilfabrikant in Mönchengladbach. Louis Raphaelson ist so wohlhabend, dass er ein Orchester gründen und jahrelang maßgeblich finanzieren kann, bevor es von der Stadt übernommen und schließlich zum Vorläufer der Niederrheinischen Sinfoniker wurde. Doch er stirbt früh, und sein Sohn Paul verlässt jung die Schule. Ausbildungsversuche scheitern, er verbringt mehrere Monate in Fürsorgeanstalten, arbeitet als Fuhrmann oder Kohlenlader, sogar als Diener bei jenem Orchester, das sein Vater gegründet hat. Dass er zweimal mit christlichen Frauen verheiratet ist, trägt ihm den Vorwurf der "Rassenschande" ein, als die Nazis die Macht übernehmen. Er wird polizeilich vorgeladen und das antisemitische Hetzblatt "Der Stürmer" prangert ihn in einem besonders bösartigen Artikel an. 1942 wird Paul Raphaelson nach Theresienstadt deportiert. Im Ghetto wird er der Arbeitsverwaltung zugeteilt. Später ist er in einem Arbeitskommando in Wulkow in Brandenburg.

Hier wird er zu einem der leitenden Häftlinge, zu einem Kapo, und macht sich bei seinen Mithäftlingen sehr verhasst. Die Mitgefangenen nennen ihn "Raffke" und erklären später vor Gericht, Raphaelson habe sie bespitzelt, denunziert, geschlagen und schikaniert. Bei Kriegsende nehmen die Häftlinge Rache am verhassten Kapo und prügeln ihn halb tot. Holger Hintzen zitiert in seinem Buch "Jonas und Raphaelson" einen Mithäftling namens Scheurenberg: "Erst als Raffke mehr tot als lebendig da lag, war der Krieg für uns zu Ende." Raphaelson überlebt und kehrt am 31. Mai 1945 nach Mönchengladbach zurück. Hier beginnt eine erstaunliche Karriere: Er wird zum Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Mönchengladbach und von der Militärregierung zum Ratsherrn bestimmt. Er wird Leiter einer Betreuungsstelle für ehemalige Lagerinsassen und sitzt in zahlreichen Ausschüssen. Irgendwann im Sommer oder Herbst 1945 treffen sich Hans Jonas und Paul Raphaelson in Mönchengladbach zum Essen. Jonas hatte Gerüchte über Raphaelsohn gehört, wusste aber nichts Definitives. Über das Treffen schreibt er in seinen "Erinnerungen": "Es gab bei Raffaelson ein vortreffliches Mittagessen, wie man es sonst nirgends hätte bekommen können. (...) Aber immerhin habe ich seine Gastfreundschaft und das beste Essen genossen, das ich in Deutschland überhaupt bekommen hatte."

Am 18. April 1946 holt Paul Raphaelsohn seine Vergangenheit als Kapo ein. Die Mitgefangenen hatten nicht geruht, ehe sie ihn nicht ausfindig gemacht hatten. Die Briten inhaftieren ihn zunächst in Neuengamme bei Hamburg, dann wird er an die Tschechoslowakei überstellt. Vor Gericht belasten ihn sämtliche Zeugen schwer. Er wird schuldig gesprochen, zum Tode verurteilt und am 30. April 1947 in Prag gehängt. Hans Jonas sagt dazu: "Es ist unmöglich zu sagen, ob das gerecht oder nicht gerecht war, denn die Kapos haben ja gewissermaßen um ihr eigenes Leben gekämpft, wenn auch unter Opferung des Lebens anderer." Hans Jonas schreibt in den 1970er Jahren sein berühmtestes Buch "Das Prinzip Verantwortung". 1989 nimmt er die Ehrenbürgerwürde der Stadt Mönchengladbach an. Er stirbt 1993 in New York.

Quelle: RP
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