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Mensch Gladbach
Der klitzekleinste gemeinsame Nenner

Mönchengladbach. Nur weil das altehrwürdige Haus Westland an Stephen "The Heuschrecke" Schwarzman verkauft wurde, hat sich dort gestern zu nachtschlafener Zeit eine Bürgerwehr eingefunden. Was sagen Sie? Die beiden Ereignisse haben gar nichts miteinander zu tun? Ich bitte Sie! Ursache und Wirkung darf doch längst jeder verwursten, wie es ihm in sein höchstpersönliches Weltbild passt.

Lemmy Kilmister, David Bowie und Alan Rickman sind tot, was sicher höchst bedauerlich ist, aber nicht so folgenreich wie das zu frühe Ableben der skandinavischen Erkenntnistheoretikerin Astrid Lindgren. Die fasste in einem ihrer Bücher das Spannungsfeld von Kausalzusammenhängen und Korrelationen so zusammen: "Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune. Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt." Da kommt Freude auf. Denn wer alles durchblickt, muss nichts mehr hinterfragen, schon gar nicht sich selbst. Muss deshalb anderen auch nicht mehr zuhören. Und lebt frank und frei nach der schönen niederrheinischen Attitüde "Ich weiß nix, kann aber alles erklären" aggressiv-gehemmt vor sich hin.

Fangen wir mal vorsichtig an. Wenn ich einen Stein gegen eine Fensterscheibe werfe und die kaputt geht, ist der Stein die Ursache und das kaputte Fenster die Wirkung. Und wenn eine 15-jährige in Gladbach vergewaltigt wird, kurz nachdem in Köln Frauen von Asylbewerbern und/oder Ausländern befummelt und ausgeraubt wurden? Dann ist das beides widerwärtig, für die Betroffenen unsagbar schrecklich und gehört angemessen bestraft. Ende des Zusammenhangs. Schlechte Nachricht für Verschwörungstheoretiker und Hobby-Zündler hüben wie drüben: Nein, bisher gibt es nicht das geringste Anzeichen dafür, dass Gladbach durch Asylbewerber unsicherer geworden ist. Ja, auch Asylbewerber können kriminell sein. Die Tatsache, dass man selber in Not geraten ist, macht einen nicht automatisch zu einem guten Menschen. Und ja, Asylbewerber in dieser Zahl zu integrieren, ist eine Herkulesaufgabe. Da wird viel schief gehen.

Ich für meinen Teil wäre schon glücklich, wenn wir uns auf diesen klitzekleinsten, gemeinsamen Nenner einigen könnten: Wer sich nicht an unsere Gesetze hält, wird bestraft, wo immer er herkommt. Wem Fremde Angst machen, ist nicht automatisch ein Nazi. Wer versucht Menschen in Not zu helfen, hat es nicht verdient, als naiver Gutmensch diskreditiert zu werden. Die Menschen, die zu uns kommen, sind weder Teufel noch Engel. Sie sind weder alle Professoren noch Hilfsarbeiter. Sie werden deswegen weder all unsere Probleme, die wir ohne sie hatten, lösen, noch uns vor vollkommen unlösbare neue stellen. Darum tun wir gut daran, auf die Chancen zu schauen, auf die viele verweisen und gleichzeitig die Risiken, die die andere Seite benennt, zu erkennen und ernst zu nehmen. Beides gibt es, und beides braucht Raum. Wir müssen keine Angst haben, dass es all den Obdachlosen, Alleinerziehenden und Rentnern - um die wir uns sonst nie groß scheren - nun schlechter gehen wird. Wir müssen auch nicht alle Feministen werden.

Wir brauchen Feuerwehren, aber sicher keine Bürgerwehren. Dieser Staat ist zwar oft verdammt bräsig, aber er funktioniert. Wir brauchen keine Rechtspopulisten, wir haben schon genug gravierende Probleme. Und wir brauchen genauso wenig einen schrillen Dauerwarnton vor Nationalsozialismus. Wir müssen keine Karnevalszüge abzusagen. Wir müssen keine kruden Regeln für Schwimmbäder zu erlassen. Es reicht fürs Erste vollkommen, wenn wir nicht dauernd Ursachen und Wirkungen konstruieren. Weitere Anweisungen folgen.

Quelle: RP
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