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Mönchengladbach
Der Nachbar, mein Feind - ein Fall für Schlichter

Mönchengladbach: Der Nachbar, mein Feind - ein Fall für Schlichter
Die Ursache für einen Nachbarschaftsstreit liegt oft Jahre oder sogar Jahrzehnte zurück. Das müssen Schiedsleute bedenken. FOTO: Keystone/Schulz
Mönchengladbach. Sie kommen zum Einsatz, wenn ein erbitterter Kampf über Heckenzäune entbrennt, wenn durchs Treppenhaus Schimpfwörter hallen, oder wenn es Kopfnüsse hagelt. Schiedsleute sind sehr gefragt. Von Gabi Peters

Früher war es ein klassisches Amt für die Honoratioren am Ort: das des Schiedsmannes. "Wenn Gemeindemitglieder sich stritten, traf er sich mit den verfeindeten Parteien in der Kneipe. Dort kriegten sich dann alle an die Köppe. Schließlich gab man sich die Hand, und alles war wieder gut", sagt Gaby Trippen. Das ist natürlich vereinfacht dargestellt. Hinter Streitschlichtungen steckt viel Geduld, Empathie, ein gesundes Maß an Autorität und die Fähigkeit, auch zwischen den Zeilen lesen zu können. Gaby Trippen hat dies alles. Sie ist seit fünf Jahren ehrenamtliche Schiedsfrau für Wickrath und hat schon etliche Fälle gelöst - auch wenn sie sich wie alle Schiedsleute heute mit ihren "Kunden" nicht mehr in der Kneipe trifft, sondern meistens in von der Stadt zur Verfügung gestellten Räumen.

"Sie glauben ja gar nicht, welche Befriedigung es bringt, wenn man zwei Streithähne nach jahrelangem Zwist wieder zusammenbringt. Wenn man gemeinsam die Ursache des Zanks findet, und plötzlich auf beiden Seiten wieder Verständnis für einander da ist", sagt Gaby Trippen. Das ist auch der Grund, weshalb die selbstständige Mediatorin das ehrenamtliche Amt der Schiedsfrau annahm und auch für fünf weitere Jahre ausüben will, obwohl es dafür nur eine kleine Aufwandsentschädigung gibt.

Schiedsleute sind neutrale Vermittler und Streitschlichter, die unter anderem nachbarschaftliche Streitigkeiten und bestimmte Straftaten, bei denen kein öffentliches Interesse vorliegt, schnell und kostengünstig bearbeiten. Mehr als 50 Euro Gebühren werden pro Streitfall nicht fällig. Schiedsleute sind per Eid zur Verschwiegenheit verpflichtet, ihre Verhandlungsergebnisse sind rechtsverbindlich und erzielte Vergleiche bis zu 30 Jahre gültig.

Viele Anzeigen, die Bürger erstatten, landen nie vor Gericht, weil Schiedsleute vorher eine Einigung herbeibringen. Ein Beispiel aus Gaby Trippens Erfahrung: Da kneift ein Zwei-Meter-Mann einen kleinen Jungen heftig in die Wange. Die Mutter des Jungen ist empört und verlangt Schmerzensgeld. Die Schiedsfrau holt beide Parteien an einen Tisch. Es stellt sich heraus, dass der Junge immer mit seinen Freunden vor dem Haus des Mannes tobt. Als der Mann eines Tages genervt von der Arbeit nach Hause kommt, und schon wieder eine Horde vor seiner Tür lauthals herumschreit, greift er sich den Erstbesten, um selbst mal Dampf abzulassen. Konfrontiert mit den Folgen seiner Tat zeigt sich der reuig, entschuldigt sich beim Jungen per Handschlag und zahlt anstandslos das Schmerzensgeld. Der Junge versteht jetzt, dass der Mann nach der Arbeit Ruhe braucht, und verspricht zu anderen Zeiten auf der Straße zu spielen und dabei leiser zu sein. Die Mutter ist so gerührt, dass sie von dem Schmerzensgeld eine Party für beide Familien schmeißt.

Oft helfe es schon, wenn man die Ursache des Konflikts erkennt und versteht, sagt Gaby Trippen. Der Streit um die Höhe der Hecke habe manchmal einen ganz anderen Ursprung, als zunächst gedacht. "Manchmal hört man dann: Als ich 1974 vom Schützenfest nach Hause kam, säbelte mein Nachbar gerade in der Dunkelheit meine Tanne ab", sagt die Schiedsfrau. Das könne eine Feindschaft auslösen, die sich schließlich an der Gartenbegrenzung entflammt. Gaby Trippen: "Solche Feindschaften können sogar vererbt werden - von einer Generation auf die nächste."

Quelle: RP
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