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Redaktionsgespräch Andreas R. Graf Und Christian Jäger
Der Tourismus muss wachgeküsst werden

Mönchengladbachs Architektur
Mönchengladbachs Architektur FOTO: Eventhangar GmbH
Mönchengladbach. Kreisgruppenleiter und Regional-Geschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) sprechen über Hotelmarkt, Bettensteuer und Gastroszene. Und sie sagen, warum Gladbach beim Thema Tourismus eine Überschrift fehlt.

Es ist viel in Bewegung: Minto, Junkers-Hangar, Monforts-Quartier, Sparkassenpark. Ist es an der Zeit, das Thema Tourismus anzupacken?

Andreas R. Graf Tourismus ist ein Thema, in das man langfristig einsteigen muss. Die Städte, die heute die Touristen anziehen, haben sich lange damit beschäftigt und Angebote geschaffen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, in Gladbach das Pflänzchen Tourismus zu entwickeln. Um in der Fußballsprache zu sprechen: Die Flanke ist da, man muss sie jetzt aufnehmen und verwerten. CHRISTIAN JÄGER Gladbach hat so viel Entwicklungspotenzial. Aber man muss die Anstrengungen mehr bündeln, gerade, was Tourismus angeht. Die Stadt muss sich innerhalb der Region Niederrhein vermarkten. Das empfiehlt auch die gerade vorgestellte IHK-Studie zum Tourismus. Diese Region lässt sich so verankern wie das Bergische Land oder das Sauerland. Dort wurde beim Tourismus vieles richtig gemacht.

Die Stadt, namentlich die MGMG, hat in erster Linie den Geschäftstourismus im Blick. Ist das falsch?

Jäger Mit dem Minto existiert ein starker Ansatz für Tagestouristen. Das Museum und der gesamte Abteiberg sind sehr interessant. Aber man muss auch noch breiter denken: Die Niederlande sind vor der Tür, es gibt Radwege, zwei Metropolen sind auch in der Nähe. Gladbach ist ein schönes Fleckchen Deutschland und eine wunderbare Ausgangsbasis für etwa einen mehrtägigen Radurlaub. Man muss die Stärken der eigenen Stadt sehen, aber auch die Einwohner mitnehmen. Bürger und Besucher müssen beide angesprochen werden. GRAF Mönchengladbach hat viel zu bieten. Man muss jetzt die passende Überschrift finden, das Thema für den Tourismus. Da gibt es mehr, als man denkt. Die Kombination Großstadt und Grün ist zum Beispiel sehr attraktiv. Wir hatten gerade zwei Reisebusse voller Gartenfreunde da, die kamen, um sich die Gärten bei Schloss Wickrath und Schloss Rheydt anzusehen. Der Tourismus muss jetzt wachgeküsst werden.

Eine Bettensteuer erschiene da eher kontraproduktiv.?

Jäger Das Thema polarisiert natürlich. In Wuppertal gab es eine ähnliche Diskussion bei vergleichbarer Ausgangslage. Dort ist die Bettensteuer, Infrastrukturförderabgabe genannt, inzwischen beerdigt. In Gladbach taucht sie wieder auf, weil sie im Haushaltssicherungskonzept steht. Die erneute Diskussion schadet dem Standort.

Die Stadt bezieht sich bei den möglichen Erträgen aus der Bettensteuer auf Zahlen des Landes, die auf Gladbach heruntergerechnet wurden.

Jäger Dabei wäre es nicht schwierig gewesen, an die tatsächlichen Zahlen zu kommen. Wir haben bei den Hotelbetrieben nachgefragt und die durchschnittlichen Zimmerpreise ermittelt sowie die Anteile von Geschäfts- und Privatkunden. Das Problem bei der Bettensteuer ist der Arbeitsaufwand in den Hotels. Da wird Arbeitszeit verbrannt, ohne dass sie den Gästen zu Gute kommt. Ein Teil der Einnahmen soll in die Tourismusförderung fließen. Ich kann nur sagen: Die beste Tourismusförderung ist ein angenehmer Aufenthalt - und nicht eine Zwangsabgabe. GRAF Vor allem sind die Gäste heute so mobil, dass sie einfach in die Nachbargemeinden ausweichen. Es gibt auch nur noch drei Kommunen in Nordrhein-Westfalen, die das Thema Bettensteuer noch verfolgen: Köln, Dortmund und Hürtgenwald in der Eifel.

Eine neue Studie bezeichnet den Gladbacher Hotelmarkt als besonders schwierig, es gebe nur Potenzial für Billighotels. Wie sehen Sie das?

Graf Es gibt immer Kunden, die auf Qualität Wert legen. Daneben braucht man ein Angebot für ein schmaleres Budget. Beides hat seinen Platz. Es gibt einen natürlichen Entwicklungsprozess. Der Hotelmarkt verändert sich, man muss auch investieren. Wer keine Veränderungen will, bekommt Probleme.

In Gladbach gibt es wenige Kettenhotels, sie stellen nur 40 Prozent der Betten. Woran liegt das?

Graf Ehe Großinvestoren in eine Stadt kommen, werden Expertisen erstellt. Die Gewinnerwartung muss stimmen. So etwas kann sich in Zukunft ändern. Die größte Veränderung, die ansteht, betrifft aber die mittelständischen Familienbetriebe. Hier ist einiges im Wandel, weil es oft in den Familien keine Nachfolger gibt. Auch haben diese Betriebe mehr Probleme mit dem veränderten Buchungsverhalten der Kunden, die heute wenig zum Telefon greifen und alles online machen. Wenn einige dieser Hotels schließen, entstehen Lücken, in die Ketten- oder Franchisehotels stoßen werden.

Das Lindner-Hotel, das Borussia baut, erhöht die Zahl der Betten weiter, ist aber im oberen Segment angesiedelt. Wie sehen Sie dieses Projekt?

Jäger Ich bin über jede Hotelansiedlung glücklich. Ein attraktives Haus, ein attraktiver Standort, wunderbar. GRAF Ich habe da auch keine Sorgen. Jeder Hotelier muss sein eigenes Produkt kennen und auf den Gast zuschneiden. Für ein Hotel am Borussiapark gibt es Potenzial. Die Fußballfans weichen ja heute noch ins Umland aus. Künftig wird sich das alles stärker in der Stadt zusammenziehen.

In der Gastroszene ist viel in Bewegung, es gibt viele neue Restaurants und Konzepte. Wie bewerten Sie das?

Jäger Die vielen jungen Konzepte sind sehr erfreulich. Diese interessante gastronomische Infrastruktur braucht man auch für die Ansiedlung neuer Firmen. Das ist alles sehr positiv, und wir sind auf einem wirklich guten Weg hier. GRAF In zehn Jahren werden wir einen wirklich großen Schritt gemacht haben. Inzwischen wird auch aus dem Umland wieder gewürdigt, was sich in Mönchengladbach getan hat. Es kommen wieder viele aus Heinsberg, Viersen oder Erkelenz.

Sehen Sie in Rheydt ein Potenzial für Studentenkneipen, wenn hier Wohnheime entstehen und der Campus- charakter verstärkt wird?

Jäger In Rheydt entsteht viel Neues, Rheydt wird viel attraktiver. Vielleicht wird dort genau diese Infrastruktur entstehen.

Wie stehen Sie zu einer einheitlichen Gestaltungssatzung für Rheydt, wie sie jetzt im Gespräch ist?

Jäger Das ist ein spannendes Thema. Es ist nachvollziehbar, dass die Stadt nach den großen Investitionen einen billigen Eindruck auf dem Markt verhindern will. Aber es ist auch eine große Einschränkung der unternehmerischen Freiheit. Gerade die Gastronomen hatten es schwer während der Bauzeit und sollen jetzt wieder für andere Schirme Geld in die Hand nehmen. Ein Rahmen ist nötig, aber es müssen auch die nötige individuelle Freiheit und Vielfalt gewährleistet werden. Eine attraktive Innenstadt sollte gelebt werden, nicht vorgeschrieben.

RALF JÜNGERMANN, ANGELA RIETDORF, JAN SCHNETTLER UND DIETER WEBER FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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