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Serie Was Macht Eigentlich?
Der vollkommen übergeschnappte Macher

Serie Was Macht Eigentlich?: Der vollkommen übergeschnappte Macher
29. März 1974, Unterzeichnung des Gebietsänderungsvertrags. Hinten, von links: OB Wilhelm Wachtendonk (MG), OB Fritz Rahmen (Rheydt), BM Konrad Bäumer (Wickrath). Vorne: Oberstadtdirektor Dr. Wilhelm Elbers (MG), Oberstadtdirektor Helmut Freuen (Rheydt), Gemeindedirektor Wolfgang Krane (Wickrath), Stadtkämmerer Werner Raupach (Rheydt). FOTO: Nein
Mönchengladbach. Als Wolfgang Krane 1963 als Verwaltungschef kam, war das Wirtschaftswunder an Wickrath vorbeigegangen. Unter ihm aber blühte die 13.000-Seelen-Gemeinde auf und brachte bei der Kommunalreform zwölf Jahre später eine glänzende Mitgift ins neue Mönchengladbach. Von O. E. Schütz

15 Millionen Mark für Investitionen: Das war 1963 eine Summe, die die Vorstellungskraft so einiger Herren im Wickrather Gemeinderat zweifeln ließ, ob sie da wirklich den richtigen Mann geholt hatten. "Der ist vollkommen übergeschnappt - bei unserem Steueraufkommen", hieß es über den neuen Gemeindedirektor. Doch Wolfgang Krane, der Mann aus dem Warburger Land, weiß zu überzeugen: Er bekam die Zustimmung für seine ehrgeizigen, wohlüberlegt kalkulierten Pläne.

Von Mönchengladbach in die Welt: Daran arbeitete Flughafenchef Wolfgang Krane intensiv und zunächst erfolgreich. Aber weil es keine längere Start- und Landebahn gab, kam er doch nicht ans Ziel. FOTO: Berger, Jansen, Tressat, Stadtarchiv, KN

Keine zwölf Jahre später, als das Land NRW seine Städte und Gemeinden bei der Kommunalreform zum 1. Januar 1975 neu ordnete, brachte Wickrath eine begehrte Mitgift in die Ehe mit Alt-Gladbach und Rheydt zur neuen Großstadt Mönchengladbach. "Wäre die Kommunalreform fünf Jahre später gekommen, wir hätten noch besser dagestanden, denn vieles war 1975 noch in der Entwicklung", sagt Wolfgang Krane. Und blickt heute, mit fast 90 Jahren, zufrieden zurück auf das, was er erreicht hat: als Wickrather Gemeindedirektor und dann 16 Jahre als Chef des Flughafens Mönchengladbach, der 1983 als "bester Regionalflughafen in Deutschland" ausgezeichnet worden ist. Dass er heute unter anderem Aspekt zu sehen ist, dazu später.

Wolfgang Krane, im Dorf Welda bei Warburg im Kreis Höxter aufgewachsen, hat früh gelernt, mit Widerständen fertig zu werden. Der Vater wurde als Verwaltungsangestellter 1934 von den Nazis aus dem Amt gejagt. Da blieb dem Sohn das Gymnasium verwehrt. Mit 17 meldete er sich freiwillig zur Marine: "Wer genommen wurde, musste nicht zur Waffen-SS." Er erlebte nach der Ausbildung zum Seekadetten auf dem Segel-Schulschiff "Horst Wessel" die letzten Kriegsmonate aber nicht auf See, sondern an Land im Kampf um Berlin.

Schnell eingelebt: Wolfgang und Hildegard Krane beim Karneval 1966 FOTO: NN

Er kam in amerikanische und britische Gefangenschaft, zurück nach Peckelsheim im Kreis Warburg, wo er eine Lehre in der Kreisverwaltung machte und "nebenbei" an einer privaten Handelsschule die Mittlere Reife erwarb, die ein Studium an der Verwaltungsakademie Hagen ermöglichte. Nach sieben Jahren im Jugendamt Hagen und fünf als stellvertretender Amtsdirektor in Kürten im Bergischen Land bewarb er sich auf die Stellenausschreibung in Wickrath: "Meine Frau und ich haben zuerst mal im Schulatlas nachgesehen, wo das überhaupt war."

Was ihn erwartete, bekam er bei seiner Amtseinführung zu hören: "An uns hier ist das Wirtschaftswunder vorbeigegangen." Warum, das sah Wolfgang Krane sehr bald: "Damals gab es einen leistungswilligen Gemeinderat und eine nach total veralteten Regeln im Stil der 30er Jahre arbeitende Verwaltung." Der neue Chef kehrte gründlich mit hartem Besen, führte die Prinzipien moderner Verwaltung ein, besetzte Ämter neu, delegierte Aufgaben - und hatte Erfolg: Wolfgang Krane holte mit Mitarbeitern, die sich auf seinen Führungsstil einließen, das Wirtschaftswunder doch noch nach Wickrath. Weil er wie nur wenige wusste, wo bei Land und Bund welche Fördergelder zu holen waren: ein ausgewiesener Spezialist für kommunale Baumaßnahmen.

Hoher Besuch am Flughafen: Zweimal war Bundeskanzler Helmut Kohl in Mönchengladbach. "Es warten nette Gespräche mit ihm", sagt Krane. FOTO: Fotostudio Jansen

Eine seiner ersten Maßnahmen war (daher die "übergeschnappten", nur ersten 15 Millionen), sehr viel Ackerland zu kaufen: als Basis für das neue Industriegebiet, um das Wickrath im ganzen Umland beneidet wurde und das den Wegbruch der so lange prägenden Textilindustrie kompensierte. Als Glanzlicht stand dabei die Ansiedlung des C & A-Zentrallagers mit eigenem Gleisanschluss und 300 Arbeitsplätzen. Es gab ein enorm steigendes Gewerbesteueraufkommen für die Gemeinde und Investitionen, die direkt den Bürgern zugutekamen: eine Schule für jeden Ortsteil, die Kreisrealschule, das Volksbildungswerk und die Gemeindebücherei, ein kombiniertes Hallen- und Freibad, ein Freizeitzentrum im Schlossgelände.

Kein Wunder, dass die Wickrather sich wohlfühlten in ihrer Gemeinde. Und alles andere als begeistert waren, als das Land die Kommunalreform zum 1. Januar 1975 per Gesetz verordnete. "So lange wir Wickraths Selbstständigkeit verteidigen können, tun wir das", sagte Bürgermeister Konrad Bäumer, einig mit Wolfgang Krane und dem Rat. Hochneukirch und Jüchen warfen begehrliche Blicke auf das hohe Wickrather Steueraufkommen, Gladbach und Rheydt natürlich auch. "Wir waren bestens versorgt. Doch es wurde klar, dass die Kommunalreform nicht zu verhindern war. Und dann am besten mit Gladbach und Rheydt. Wir hatten ähnliche Strukturen, unsere Kinder gingen dort zum Gymnasium", sagt Krane. Der Versuch, mit einer landesweiten "Aktion Bürgerwille" den Zusammenschluss zu verhindern, scheiterte: Bei der Abstimmung gab es in Gladbach gerade mal 85 Stimmen gegen die Fusion, in Rheydt 7666 (das waren 10,8 Prozent). In Wickrath stimmten zwar 5516 Bürger dagegen (55,5 Prozent). Doch um ein Volksbegehren zu erreichen, hätten landesweit 2,4 Millionen Bürger unterschrieben müssen - tatsächlich taten es nur 720.000.

Das neue Mönchengladbach kam, und die Stadt brauchte einen neuen Posten für Wolfgang Krane. "Sie wusste zunächst nicht, wohin mit mir", sagt Krane. Dem Vorschlag, schon jetzt in den Ruhestand zu gehen, konnte er nichts abgewinnen: "Ich war doch gerade mal 49." Blieb der Posten als Geschäftsführer der neuen städtischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft und der Flughafengesellschaft. "Ich war nicht begeistert", gibt Krane zu. "Aber dann hat die Aufgabe mir doch bald viel Spaß gemacht."

Denn er konnte er dort ziemlich ungestört arbeiten. Es begann der Ausbau zum Regionalflughafen - ein Job mit Perspektive, das Richtige für "Macher" Krane. Und es lief gut, gab 1983 sogar die Auszeichnung "bester Regionalflughafen in Deutschland". Doch ein letztlich entscheidender Punkt war dann nicht durchzusetzen: Die Verlängerung der Start- und Landebahn scheiterte an Anwohnerprotesten, denen die Politik nichts entgegenzusetzen wusste. "Und ohne die große Startbahn gibt es keine Zukunft", sagt Wolfgang Krane.

Quelle: RP
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