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Serie Was Macht Eigentlich?
Der wilde Kinny - eigentlich ein Netter

Mönchengladbach. Jazz-Urgestein, Sportschwimmer, Leichtathlet, Kraftfahrzeug-Sachverständiger, Autorennfahrer, Südsee-Abenteurer, Kneipier, TV 1848-Chef, Vermieter von Motor- und Segeljachten - und schließlich OB-Kandidat: Christoph Hagmanns Leben war immer sehr abwechslungsreich. Von O. E. Schütz

Die einen haben seinen Mut bewundert, andere den Kopf geschüttelt über Christoph Hagmann, den Mann, der 2014 "allein gegen alle" spielte: Mit 71 Jahren trat er an, als Mönchengladbach einen neuen Oberbürgermeister wählte. Gegen neun andere Kandidaten, die alle eine Partei hinter sich hatten. Hagmann, war der schillerndste Kandidat, hatte aber als Unterstützer nur ein paar Bürger aus der gehobenen Mittelschicht, die frischen Wind in der Kommunalpolitik wünschten und ihn in einer fröhlichen Runde für diese unmögliche Mission gewonnen hatten. Einen Mann, der als "Kinny" schon früh den Ruf eines etwas wilden Jungen hatte, der alles Mögliche ausprobierte - nicht alles, aber vieles mit Erfolg.

"Kinny" hat Dorothea Hagmann ihren 1943 geborenen Jungen gerufen statt Christoph Johannes, wie es im Stammbuch steht. Kinny nennen ihn bis heute seine Freunde und Bekannten. Als Kinny ist er groß geworden in der Innenstadt. Und früh in "ganz Gladbach" bekannt. Als Schwimmer und Leichtathlet im TV 1848 schon zu Schülerzeiten. Als blutjunger Jazzmusiker, der in der legendären Altstadt-Jazzkneipe "Bügeleisen"oder in der "Budike" mit der Mister-Felix-Brassband spielte. Der später zu Bob Keues New Orleans-Jazzband und zur Climax Jazzband gehörte und noch mit etlichen andern Gruppen auftrat. Kinny ist schon 1966 mit "Mister Felix" in New York, Rio und Tokio gewesen, Ende der 50er bis Anfang der 80er Jahre - das war ihre Zeit.

1985 hat Christoph J. Hagmann, wie er sich nun nennt, Schluss gemacht mit der Musik. "Da trat ich als Vereidigter Sachverständiger für Kraftfahrzeuge vor Gericht auf. Da passte es nicht, wenn ich vorher bis in den frühen Morgen in Kneipen aufgetreten war", sagt er. Kraftfahrzeuge, damit ist Kinny groß geworden: Der Vater hatte eine renommierte Opel-Vertretung und -Werkstatt in Gladbach, die Söhne Peter und Christoph lernten das Handwerk von der Pike auf, machten ihre Meisterprüfung. Peter ist der ältere, gesetztere der beiden Brüder, Kinny der "wildere", der aber mit seiner fröhlichen Art Menschen für sich gewinnen kann.

Stichwort gewinnen: Gewonnen oder ziemlich weit vorne gelegen hat Christoph Hagmann nicht nur als Schwimmer, Leichtathlet und Wasserballer ("Da waren wir mit dem TV 1848 sogar Deutscher Meister im Deutschen Turner-Bund"), sondern später auch als Automobilrennfahrer in der Tourenwagen-Klasse mit seinem Opel Kadett Rallye. 1964 bis 68 war seine Zeit. Einmal hat er es zwar nicht in, aber nah ran an die Formel 1 geschafft: "Wir sollten auf dem Nürburgring als Vorlauf zum Großen Preis von Deutschland starten. Aber dann war auf einmal der Nebel da. So dicht, dass unser Rennen ausfiel."

Pech für einen Mann, der von sich sagt: "Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt. Dazu gehört aber auch Disziplin. Ohne die kann man mit Glück nichts anfangen." Der "wilde Kinny" als Mann mit Disziplin - eine Seite, die nicht jedem auf Anhieb klar ist. Doch für ihn selbst passt es halt: "Ich teile mein Leben in Abschnitte von zwei Jahrzehnten. Und jeder hat am Ende gepasst. Ich bin guter Dinge, dass es so bleibt."

Er hat seine Spuren in Mönchengladbach hinterlassen: als Jazzer, schon früh in der Politik, als Kraftfahrzeug-Experte, bei seinem Verein, dem TV 1848, wo 1985 unter ihm als Vorsitzenden ein neues Klubheim gebaut wurde. Und wo Kinny Hagmann zum "Kneipier" wurde: 1980 hat er ein Eckhaus nahe der Hochschule gekauft, renoviert, das Restaurant "Richard Wagner" eröffnet, fünf Jahre selbst betrieben, dann verpachtet und 2004 verkauft.

20 Jahre ist er nicht in Mönchengladbach gewesen, seiner Heimatstadt. "1992 ist meine Mutter gestorben. Erst da konnte ich wirklich loslassen." Mit seiner zweiten Frau Kirsten, die aus einer Hamburger Reederfamilie kommt, lebte er in Düsseldorf und Palma de Mallorca, betrieb die Firma "Navigators International Marine Services GmbH": eine Gesellschaft, die auf die Vermittlung von Luxusjachten, wenn gewünscht mit Crew, spezialisiert ist. "Da war ich, der frühere Schwimmer und Wasserballer, wieder auf dem Wasser angekommen. "

Und erlebte sein größtes Abenteuer: 2008 war er dabei auf der "Lapita-Expedition": Der deutsche Segler und Abenteurer Klaus Hympendahl wies dabei in einer halbjährigen 4000-Seemeilen- Fahrt mit zwei traditionellen polynesischen Katamaranen von den Philippinen zum Archipel der Santa Cruz-Inseln Anuta und Tikopia, nach, dass die Besiedlung Polynesiens, einer der größten Inselgruppen der Welt und östlichste Kulturregion Ozeaniens, über diese Route erfolgt war. "Es war eine unglaubliche Erfahrung für mich", sagt Christoph Hagmannn. Für ihn war sie allerdings nach zwei Monaten zu Ende: Ein Mitglied der achtköpfigen Crew aus Wissenschaftlern und Abenteurern war so krank geworden, dass er in ein Krankenhaus musste. Hagmann hat ihn dorthin gebracht und ist nicht mehr zurück zur Expedition gekehrt: "Zwei Monate waren genug."

2013 ist er zurück nach Gladbach gekommen, mit Brigitte, seiner dritten Frau. Jetzt arbeitet er wieder als Kfz-Sachverständiger, kümmert sich um seine Immobilien und lässt alte Freundschaften aufleben. Ihm und mit ihm ist es nie langweilig. Man muss ihn mögen, und das tun viele. Ein bisschen ist er auch mit 73 noch der "wilde Kinny" - und eigentlich ein Netter.

Quelle: RP
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