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Denkanstoß
Des Glückes Unterpfand

Mönchengladbach. Wir brauchen eine größere europäische Einigkeit, schreibt unser Auto Klaus Hurtz. Von Klaus Hurtz

Vor genau einer Woche rief uns die Rheinische Post ins Gedächtnis, dass unsere Nationalhymne ihren 175. Geburtstag feiern konnte. Und wie wichtig das Erinnern ist, dies unterstrich der Künstler Bert Gerresheim bei seinem Besuch am vergangenen Sonntag: "Erinnern schafft dem Erinnerten Dauer und in dieser Dauer Gegenwärtigkeit."

Und es lohnt, sich an das bewegte Leben unseres Hymnendichters August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (2.4.1798 bis 19.1.1874) zu erinnern; zeigt es einmal mehr Größe und Grenze des Menschseins! So war er bereit, für die Freiheit den Beruf (Germanistikprofessor) und die Karriere zu opfern, Bespitzelung und Flucht auf sich zu nehmen. Auf der anderen Seite blieb er dem Zeitgeist verhaftet mit seinen Ressentiments gegenüber Franzosen und Juden, aber gleichzeitig wurde er zum Begründer der niederländischen Philologie. Er war befreundet mit Hegel, Uhland und Liszt, pflegte die Gegnerschaft mit Rothschild und Heine. Er schrieb komplizierte wissenschaftliche Werke, doch ohne ihn wüsste kein Kind, dass alle Vögel schon da sind und welches Männlein im Walde steht.

Erst recht lohnt es, sich mit dem Text unserer Hymne auseinander zu setzen. In den Nachwehen der 68er Jahre war es verpönt, sie zu singen, geschweige denn über sie zu reden. Dabei hat sie keinen geringeren Anspruch, als die Grundlagen dafür zu benennen, was wir uns alle ersehnen: Glück! Diese Sehnsucht ist in jedem Menschen und in jeder Gesellschaft gegenwärtig, und so sollten wir genau hinschauen, was "des Glückes Unterpfand" ist. Hoffmann von Fallersleben verweist auf den Dreiklang "Einigkeit und Recht und Freiheit". Was Letzteres meint und wie fragil sie ist, das erleben wir in Zeiten der Terrorbedrohung in atemberaubender Weise. Freiheit darf nie nur konsumiert und damit aufgebraucht werden, sie braucht wehrhafte Verbündete, Menschen, die sich täglich für sie einsetzen, mit ihrem Mut, mit ihrer Tatkraft und ihrer Überzeugung! Hierbei hilft uns das Recht, das auch in schwierigen Zeiten die Grenzen markiert, die nie überschritten werden dürfen. Es bleibt falsch, dass der vermeintliche oder tatsächliche gute Zweck alle Mittel heiligt. Manche Mittel zerstören das, was sie vorgeben zu verteidigen.

Und was meint von Fallersleben mit "Einigkeit"? Er hatte sicherlich damals das zerrissene, in viele kleine Herrschaftsbereiche zersplitterte Deutschland im Sinn. Wenn wir heute einen größeren Maßstab anlegen, dann müssen wir feststellen, dass der Befund für und damit die Forderungen an Europa ähnlich sind. Wir brauchen eine größere europäische Einigkeit; und sie sollte uns doch gelingen! Besitzen wir doch mehr als das Trennende viele Gemeinsamkeiten, hier muss man die Geschichte nennen, im europäischen Haus leben wir in uralten Nachbarschaften. Auch unsere Kultur verbindet uns, Romanik und Gotik, Impressionismus und Surrealismus, Kunst und Künstler kennen keine Grenzen. Doch vor allem vereint uns der gemeinsame Glaube, das christliche Europa ist mehr als ein Etikett. Christentum war und ist der Humus, auf dem unsere Werte wachsen und in deren Glanz Europa blühen kann.

DER AUTOR IST KATHOLISCHER PFARRER AN ST. MARIEN RHEYDT.

Quelle: RP
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