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Serie" Gladbacher Lesebuch" (14)
Deutsch-englische Freundschaft war Alltag

Serie" Gladbacher Lesebuch" (14): Deutsch-englische Freundschaft war Alltag
Heike Szopinskis Vater arbeitete bei der Royal Air Force. Hier ist er mit den Piloten der legendären Red Arrows zu sehen. FOTO: Heike Szopinski
Mönchengladbach. Drei Autoren erzählen von ihrer Kindheit in Hardt, Rheydt und im Schmölderpark. Sie erlebten die 1950er und 1960er Jahre unbeschwert. Lesen Sie hier die Geschichte aus Hardt. Von Heike Szopinski

Mein Vater lebte nach dem Zweiten Weltkrieg sieben Jahre in England, bis er 1952 zurückkam und eine Arbeitsstelle bei den britischen Streitkräften in Niedersachsen fand. Als das JHQ im Jahr 1955 fertiggestellt war, zog er mit seiner frisch angetrauten Ehefrau nach Mönchengladbach. Ab diesem Zeitpunkt arbeitete er die nächsten 40 Jahre im HQ, zuerst als Fahrer, später als Dolmetscher und Pressesprecher bei der Royal Air Force.

Meine Eltern bezogen eine kleine Wohnung in der neuen "Siedlung" in Hardt. Dieses Wohngebiet wurde zeitgleich mit dem HQ errichtet und bot Wohn- und Lebensraum für die deutschen Zivilbeschäftigten bei den Briten. Hier wurden meine Geschwister und ich geboren, wir wohnten "Am Aschenkrug". Unsere Schule lag mitten im Wald, es war die kleine Hardter-Waldschule. Den Schulweg absolvierten wir täglich locker zu Fuß. Die alte Schule steht heute noch und ist Teil des Wilhelm-Kliewer-Hauses. Schulausflüge zu der damaligen Zeit gingen zum Hariksee. Oder auch mal "weiter weg" in die Eifel! 1966 wurde die neue Schule am Karrenweg in Hardt fertig (heutige Gesamtschule), in die wir stolz mit der vierten Klasse einzogen. Dort gab es eine Turnhalle mit darunter liegendem Schwimmbad, in dem wir das Schwimmen erlernten. Das war praktisch.

Zur Weihnachtszeit wurde im HQ eine deutsch-englische Nikolausfeier für uns Kinder ausgerichtet. Wir wurden von englischen, tarnfarbenen Bussen abgeholt, es gab Kakao und Kuchen, Knecht Ruprecht machte uns Angst, und "Stille Nacht" wurde auf Deutsch und auf Englisch gesungen. Mit großen Tüten voller Leckereien wurden wir wieder zurückgebracht. Im Sommer fuhren mein Bruder und ich nach der Schule manchmal ins HQ zum Schwimmen, dort gab es ein sehr schönes Freibad. Unser Vater wartete auf uns, er hatte Mittagspause. Wir gingen oft mit der Familie in die Oase, ein großer, flacher Bau, der für die Beschäftigten als Kantine diente. Dort gab es die leckersten Hähnchen, zubereitet von Chefkoch Onkel Heinz, unserem Nachbarn. Als junge Erwachsene war ich öfter auf den englischen Partys in der Offiziersmesse, sehr beliebt war dort das deutsch-englische Oktoberfest.

Für meinen Vater und seine englischen Kollegen gab es jeden Freitag nach Dienstschluss die "Happy Hour", da kostete ein Glas Whiskey zehn Pfennig. Man trank auf die Chefin: Das war die Queen. Manchmal fuhr Vater schick angezogen zur Arbeit, in Schlips und Kragen. Dann wurde wieder ein hoher Gast erwartet, etwa Prinz Charles. Einmal machte er sich besonders schick: Er war an diesem Tag der Übersetzer für die eiserne Lady - Premierministerin Maggie Thatcher.

Das Symbol der Royal Air Force (rechts unten) findet sich auf der Grabplatte der Eltern von Heike Szopinski. FOTO: Heike Szopinski

Das Leben in der "Siedlung" war sehr angenehm. Die Kinder hatten Freiraum, alle kannten sich untereinander, jede Wohnung hatte einen Garten, die Waschküche wurde zum Partyraum umfunktioniert. Schön war die Nähe zu meiner Freundin Petra, die ihr Kinderzimmer neben meinem hatte. Da die Wände sehr dünn waren, kamen wir auf die Idee, ein Loch zu bohren, um abends besser quatschen zu können. Leider waren wir keine guten Tunnelbohrer, jeder bohrte an einer anderen Stelle - wir trafen uns nie. Die Nachbarn neben uns hatten früh einen Fernseher und wegen der dünnen Wände konnten wir gut hören, wann das Fernsehprogramm losging. Dann rief der Nachbarsjunge: "Fäängt aaaan!" Und das jeden Tag.

Im Frankenfeld gab es einen Bereich mit Geschäften: Metzger, Bäcker, eine Drogerie, eine Kneipe und einen Zeitungsladen mit Süßkram. Das war auch für uns Kinder sehr praktisch. Diese Geschäftszeile gibt es heute noch. Ein Kindergarten war da, besagte nagelneue Schule und das Albert-Schweitzer-Haus, in dem wir getauft und konfirmiert wurden (falls evangelisch). Wollte man in die Stadt, fuhr man mit der wilden 13. Es gab auch Leute dort, die keine laut spielenden Kinder mochten, und sie beschwerten sich schriftlich bei unserem Vermieter, einer Mönchengladbacher Wohnungsbaugesellschaft. Diese wurde ein paar Jahre später mein Arbeitgeber. Eines Tages kam ein Kollege zu mir und sagte: "Hier hat sich jemand über dich beschwert!" Er zeigte mir den alten Brief - ich amüsierte mich köstlich: Alle Namen der früheren Spielkameraden waren fein säuberlich aufgelistet.

Anfang der 1970er Jahre kaufte mein Vater ein Grundstück im Nachbarort und baute ein Haus für die fünfköpfige Familie. Jeder bekam ein eigenes Zimmer. Der Nachbarort war Hehn und wurde für meine Brüder und später für meine Tochter zur Heimat. Für die Kinder aus der Hardter Siedlung gehörte das HQ zum alltäglichen Leben, es war schon da, bevor wir auf die Welt kamen. Die Beziehungen zwischen den englischen und deutschen Erwachsenen wurden freundschaftlich. Mein Vater starb im Mai 2013 und genau zwei Monate später war ich das letzte Mal im HQ: Es wurde im Juli 2013 mit großen Feierlichkeiten offiziell geschlossen.

Wenn ich heute zu Fuß unterwegs bin, laufe ich von Hehn über Hardt bis Onkel Gustav, blicke zum HQ und komme durch den Hardter Wald zurück. Man könnte sagen: Das ist meine Heimat.

Quelle: RP
 
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