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Serie Denkanstoß
Die alljährliche Krippenfrage

Mönchengladbach. Alle Jahre wieder fragt sich unsere Autorin, ob es denn diesmal eine neue Krippe sein muss. Und immer wieder ist die Diskussion darum überflüssig, auch wenn die Figuren inzwischen kränkeln. Von Martina Wasserloos-Strunk

Alle Jahre wieder geht um den 1. Advent die Diskussion los: Sollten wir nicht endlich mal eine richtig schöne Weihnachtskrippe kaufen? Was Modernes vielleicht... oder schön wäre ja auch eine, die den Kindern Spaß macht... - es wäre auch noch zu beachten, dass man die Krippe vielleicht irgendwann vererben will. So, als Erinnerung an vergangene Familienzeiten.

Ehrlich gesagt: Alle Jahre wieder ist das eine überflüssige Diskussion. Denn wir haben längst eine Krippe. Vor Jahren im Pappkarton auf dem Flohmarkt erstanden! Gipsfiguren. Unglaublich kitschig. Aber sooo schön. Das Problem ist, dass die Figuren etwas kränkeln. Der König hat im Lauf der Zeit den Kopf verloren, der Esel hat nur noch ein Ohr, der Mantel der Muttergottes leidet stark an Farbverlust und der schwarze König ist leider im Lauf der Zeit etwas erbleicht. Schließlich ist der ganzen Heiligen Familie im letzten Jahr auch noch um ein Haar die Hütte abgebrannt, weil irgendwer ein Teelicht in den Stall gestellt hatte.

Alles in allem also gute Gründe, das Ganze jetzt mal richtig künstlerisch wertvoll, teuer und gediegen zu erneuern. Auf dem Weg in die Stadt - Internet kann man da echt vergessen - stellen sich erste Zweifel ein. Ist es wirklich nötig? Wir sind im Laufe der Jahre ja sozusagen "per Du" geworden mit den Darstellern der Geschichte. Wir haben viele Weihnachtsfeste zusammen gefeiert - andächtig geguckt, Gänseduft gerochen, entzündete Adventskränze gelöscht, Familienkräche unter dem Tannenbaum ausgefochten! Man trennt sich ja auch nicht einfach so von einer alten Tante. Also: Wir gucken mal, ob da nicht was zu machen ist. Wie alle Jahre pinseln wir also um den ersten Advent der Muttergottes den Mantel wieder königsblau. Wir streichen bei der Gelegenheit auch mal eben über die purpurrote Hose des Königs - ist diesmal etwas pink geworden, aber egal. Das appe Ohr vom Esel wird wie immer angeklebt und das Dach des Stalls oben rechts etwas nachgebessert - leider ohne Stroh, dafür mit einem Stückchen alten Küchenhandtuch. Sieht aus, wie eine Flüchtlingshütte in Marokko - kann also nicht so ganz falsch sein.

Der erbleichte schwarze König kriegt einen Anstrich mit Kajalstift - färbt zwar etwas ab, ist aber in Ordnung. Wie alle Jahre wird auch in diesem Jahr noch zu klären sein, wie die Szenerie am Ende aufgestellt wird. Die proletarische Krippe hatten wir schon - da standen die Hirten ganz vorne und Joseph und der Esel mussten leider ausziehen. Wir hatten natürlich auch schon die Tierschutzkrippe, mit den Schafen beim Christuskind und Ochs und Esel. Im letzten Jahr haben wir die Flucht- und Migrationskrippe aufgestellt: Alle waren da wie immer, aber eben auch eine Menge Lego-Männchen, die das biblische Wort "Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen" sichtbar darstellten. War echt schön. Ein bisschen ungewohnt, aber das ist es ja immer, wenn es mal anders ist als sonst. Gelacht haben wir lange darüber. Advent: Zeit der Besinnung und Vorfreude? Mit unserer Krippe geht das!

DIE AUTORIN IST LEITERIN DER PHILIPPUS-AKADEMIE DES EVANGELISCHEN KIRCHENKREISES.

Quelle: RP
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