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Serie Was Macht Eigentlich?
Die Erfinderin des Altensports

Serie Was Macht Eigentlich?: Die Erfinderin des Altensports
Freundin und Unterstützrein war Annemarie Renger, Vizepräsidentin des Bundestags. Rechts: Marcell Strötges. FOTO: Udo Dewies
Mönchengladbach. Der Gladbacher Verein "Sport für betagte Bürger" wurde 1968 gegründet und acht Jahre später vom Kultusministerium als Modellfall anerkannt. Initiatorin ist Käthe Strötges. Ursprung 1965: Sie wollte Rentnern helfen, die kein Geld hatten, einen Platz bei Borussia zu bezahlen. Von O. E. Schütz

Wie kommt eine 33-Jährige, die selbst nie Sport getrieben hat, dazu, sich sehr, fast schon extrem zu engagieren, sich um alte, ihr noch fremde Menschen zu sorgen und der Generation der Alten eine Perspektive für ein Leben in der Gemeinschaft des Sports zu öffnen? Dass Käthe Strötges' Mann 24 Jahre älter war, aber noch lange nicht zum alten Eisen gehörte, ist keine ausreichende Erklärung. Eher Marcell Strötges' lebenslanges Engagement in der katholischen Kolpingbewegung. Und dass Käthe Strötges schon als Jugendliche ein Herz für die Alten hatte, Geld zum Beispiel für deren Weihnachtsfeiern sammelte. Und dann einen Ehemann, der ihren Weg mitging.

Ein Weg des Inhabers einer kleinen Hosenfabrik in Holt und seiner Frau, die nach dem Krieg in der Holter Traditionsgaststätte Haus Mankertz gelernt und gearbeitet hatte, führte an Wochenenden regelmäßig zum Bökelberg, wo Borussia Mitte der 60er Jahre zu ihrem großen Höhenflug ansetzte. Käthe Strötges erlebte dort immer wieder alte Menschen, die vor der Kasse standen und das Geld in ihren Portemonnaies zählten. "Ich habe meinen Mann gefragt, warum sie nicht hineingingen. Er sagte, ich solle sie doch einfach fragen", erzählt die heute 81-Jährige. Die Antwort: Diese Menschen konnten nicht fast zwei Stunden auf dem abschüssigen und rutschigen Hang der alten "Kull" stehen. Und sie hatten kein Geld, sich eine Sitzplatzkarte zu kaufen.

Mit den Größen der Stadt, hier Oberbürgermeister Heinz Feldhege und Stadtdirektor Günther Buhlmann (rechts). FOTO: Werner Tressat

"Da muss doch etwas getan werden", sagte Käthe Strötges. Und ging am nächsten Tag in Borussias Geschäftsstelle. "Doch Geschäftsführer Helmut Grashoff war nicht bereit, Freikarten zu spendieren. "Dann sammle ich eben dafür", sagte die resolute junge Dame. Und rang Grashoff das Zugeständnis ab, dass sie und ihre Mitstreiter auch im Stadion sammeln durften, "was sonst verboten war". Sie gewann Borussenspieler wie Berti Vogts, die mit der Sammelbüchse in die Stadt gingen. Oder später sogar Stars des FC Bayern wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller oder Sepp Maier, die ihren Namen für die gute Sache in Mönchengladbach gaben.

Es war der Anstoß zu einer Entwicklung, die Vorbild für ganz Deutschland und darüber hinaus werden sollte: des organisierten, sozialen Altensports. Der 1976 vom NRW-Kultusministerium anerkannte Mönchengladbacher "Modellfall Sport für betagte Bürger" wurde im Lauf der Jahrzehnte bundesweit hundertfach kopiert, abgewandelt und bis nach Japan und die USA beachtet. Mönchengladbach ist auch Sitz des 1976 gegründeten und bis heute von Käthe Strötges geführten NRW-Altensport-Verbandes.

Richtfest des Fünf-Millionen-Mark-Baus "Betreutes Wohnen im Alter" mit OB Heinz Feldhege und Käthe Strötges. FOTO: Ilgner Detlef

Über das Sammeln für Sitzplatzkarten am Bökelberg kamen 1968 Treffen mit den alten Menschen hinzu. Die Strötges' öffnen das Schwimmbad in ihrem Haus in Holt für die Rentner, unternahmen Spaziergänge und Wanderungen mit ihnen. Und gründeten am 20. Dezember 1968 zusammen mit sechs weiteren Bürgern den Verein "Sport für betagte Bürger e. V. Mönchengladbach". "Es wurden immer mehr, die zu uns kamen. Unser kleines Schwimmbad reichte nicht mehr. Wir brauchten Zuschüsse, um den Eintritt in die städtischen Bäder zu bezahlen", erzählt Käthe Strötges, "oss Kätt", wie sie von den Alten genannt wurde. Erste Vorsitzende des Vereins wurde sie, Oberbürgermeister Wilhelm Wachtendonk war Schirmherr, Bürgermeister Heinz Rieken Beisitzer.

Käthe Strötges, kommunikativ, überzeugungsstark, schwer abzuwimmeln, charmant, doch auch schon mal nervenaufreibend, gewann nicht nur Mönchengladbacher, sondern auch bundesweite Politprominenz für die gute Sache: "Bundestags-Vizepräsidentin Annemarie Renger wurde zu unserer Förderin und meiner Freundin. Viele Ministerinnen besuchten uns im Lauf der Jahre und unterstützten uns." Mönchengladbachs Altensport kam immer wieder ins Fernsehen, in den Rundfunk, in die überregionalen Zeitungen.

Gelernt ist gelernt: Käthe Strötges kennt die Gastronomie. FOTO: Lothar Strücken

Der Verein wuchs auf bis zu 3200 Mitglieder quer durch alle Schichten (heute sind es 2000, um die sich 85 Mitarbeiter kümmern). Er erweiterte das Angebot seiner Kurse und Gruppen so, dass in der Spitze bis zu 86 Stunden Sport am Tag gab, abgestimmt auf die sich verändernde Leistungsfähigkeit der Mitglieder. Gymnastik, Schwimmen, Wasser-und Wirbelsäulengymnastik, Kegeln, Radfahren, Volleyball, Tanzen, Yoga, Qi Gong, Basteln, Sprachkurse, Singen, eine Rentnerband, Stricken sind bis heute im Angebot. Schwerpunkt wird mehr und mehr die Rehabilitation - die meist von den Krankenkassen bezahlt wird. "Ein buntgefächertes Programm unter professioneller Betreuung zu erschwinglichen Preisen", will der Verein bieten. Mitglieder zahlen 60 Euro im Jahr, hinzu kommen Gebühren für einzelne Kurse. Der Verein mit seinem Altensportzentrum an der Aachener Straße in Holt ist aber auch geselliger Treffpunkt, in dem Freundschaften gepflegt werden: alleine oder in der Gruppe, bei Grillfesten, Modenschauen, beim Oktoberfest oder Trödelmarkt. Dazu gibt es Reisen, per Bus, Bahn, einen Tag lang oder mehrere, auch Flusskreuzfahren. "Es gibt viele, die keinen Sport mehr machen können, aber immer noch Mitglied bei uns sind und nicht austreten, um dabei zu bleiben", sagt Käthe Strötges

Sie ist seit fast 50 Jahren dabei. Sie und ihr Mann haben die Idee gehabt, sie steht seit der Gründung an der Spitze. Zunächst ehrenamtlich, dann seit dem Bau des Altensportzentrums hauptamtlich. Das ist nicht immer reibungslos gegangen, es hat schon Auseinandersetzungen mit der selbstbewussten "Chefin" gegeben: mit der Stadt ums Geld, im wechselnd besetzten Vorstand. Doch Käthe Strögtes blieb, bis heute "Ich bin eine Kämpferin, aber immer fair", sagt sie. Und wie lange macht sie weiter? "So lange ich fit bin und Freude daran habe." Und setzt hinzu: "Diese Aufgabe erfordert hundertprozentigen Einsatz, sehr viel Herz. Der Verein braucht einen starken Motor." Der ist sie seit fast einem halben Jahrhundert, vielfach ausgezeichnet. Ihre herausragenden Ehrungen: 1976 bekam sie das Bundesverdienstkreuz, 1985 wurde sie Deutschlands "Breitensportlerin des Jahres", bekam 1997 der Landesorden NRW, überreicht von Ministerpräsident Johannes Rau. Und die Arbeit "ihres" Vereins wurde in einer vom Bund in Auftrag gegebenen, zweijährigen wissenschaftlichen Langzeituntersuchung anerkannt - die größte Auszeichnung für Käthe Strötges' Arbeit?

Quelle: RP
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