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Mönchengladbach
Die Gefühle der Verfolgten verstehen

Mönchengladbach: Die Gefühle der Verfolgten verstehen
Die Schüler der Gesamtschule haben sich zwei Monate mit dem Thema Holocaust befasst. FOTO: Andreas Baum
Mönchengladbach. In der Gesamtschule Rheydt-Mülfort beschäftigen sich die Zehntklässler mit Interviews von Holocaust-Überlebenden. Von Angela Rietdorf

Das Thema Holocaust im Geschichtsunterricht zu behandeln ist und bleibt eine Herausforderung. Die Herausforderung wächst noch mit dem zeitlichen Abstand zu den Verbrechen. Mit Zeitzeugen konnte man lange die zeitliche Kluft überbrücken, doch ihre Zahl wird immer geringer. Die Shoah Foundation, von US-Starregisseur Steven Spielberg gegründet, hat deshalb tausende von Interviews mit Überlebenden aufgezeichnet. Diese Interviews bilden die Grundlage für das computergestützte Lernmaterial, mit dem jetzt Zehntklässler der Gesamtschule Rheydt-Mülfort Erfahrungen machen konnten. Ihr Fazit: ein berührender Zugang zu einem wichtigen Thema.

Die Anregung kam von der Universität Duisburg-Essen. Stipendiatin Dr. Katalin Morgan wollte herausfinden, wie Schüler mit dem DVD-Material, insbesondere mit den Interviews, arbeiten können. Tullio Maggiore, Geschichts- und Klassenlehrer einer zehnten Klasse der Gesamtschule, war interessiert. "Der Ansatz verbindet ein wichtiges historisches Thema mit einer medialen Umsetzung, die es ermöglicht, die Schüler dort abzuholen, wo sie sind", erklärt der Pädagoge. Außerdem können die Schüler ihr Lerntempo selbst bestimmen und entweder allein oder zu zweit arbeiten - ideal für die Gesamtschulpädagogik.

Rund zwei Monate hatten die Schüler Zeit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Form hat alle angesprochen. "Das ist ein guter Weg, der mir sehr viel gebracht hat", sagt Maurice. Die Schüler haben nicht nur die Interviews angesehen, sie haben auch fiktive Briefe an die Interviewten geschrieben. Und da wird deutlich, dass die DVDs mehr bewirkt haben als die durchschnittlichen Quellentexte. "Ich bin sehr berührt durch das Interview", schreibt Kaja in ihrem Brief an einen der Interviewten. "Ich bewundere Ihren Mut und Ihre Fähigkeit, über das Erlebte zu reden." Und sie stellt Fragen: Ob er mit dem Wissen von heute damals anders gehandelt hätte? Ob es einen Zeitpunkt gegeben hätte, an dem man die Verbrechen noch hätte stoppen können?

Die Schüler haben sich offensichtlich intensiv mit den Einzelschicksalen auseinandergesetzt und davon berühren lassen. Die Geschichten haben sich eingeprägt. "Es ist mehr hängen geblieben, weil man mitfühlt", sagt Kim. "Man kann die Gefühle nacherleben, weil man auch Mimik und Gestik sieht", ergänzt Chantal. Und schließlich Eva: "Sonst wird immer nur über die Taten berichtet, nicht über die Gefühle der Verfolgten."

Und offensichtlich erreicht dieses Projekt auch das, was für Lehrer Tullio Maggiore guten Geschichtsunterricht ausmacht: Es wird der Bogen zur Gegenwart geschlagen. Die Schüler übertragen, was sie im historischen Kontext gelernt haben. Sie schildern erlebten Rassismus, erkennen, dass das Thema nicht abgeschlossen ist, gerade auch im Hinblick auf die Flüchtlingsproblematik. "Es geht um mehr Respekt gegenüber anderen", fasst Kim zusammen. Tullio Maggiore ist von dem Lernmaterial überzeugt. "Das werden wir sicher weiter einsetzen, auch für die Oberstufe ist es sehr geeignet", stellt er fest.

Quelle: RP
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