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Tag der Deutschen Einheit
Die Geschichte der Einheit in zwei Porträts

Tag der Deutschen Einheit: Die Geschichte der Einheit in zwei Porträts
Katrin Hoppen lernte ihren Mann Ralf in Warnemünde kennen. Heute lebt sie in Gladbach. FOTO: Detlef Ilgner
Mönchengladbach. Heute ist Tag der Deutschen Einheit. Wir erzählen dazu die ganz unterschiedlichen Geschichten von zwei Mönchengladbachern: Der eine verließ die Stadt, die andere kam aus Warnemünde an den Rhein.  Von Christian Lingen und Dieter Weber

Es gibt zwei Wörter, die ziemlich exakt beschreiben können, warum jemand seine Heimat verlässt und sich eine neue schafft. Diese Wörter sind schlicht, aber kompromisslos: Es ist - die Liebe.

Und wenn Katrin Hoppen davon erzählt, wie sie im Ostseebad Warnemünde ihren Ralf kennenlernte und ihm nach Mönchengladbach folgte, dann kann man am Ende feststellen: Ja, so ist es. Aber so einfach ist es nicht. Es ist sogar recht kompliziert, weil es eine deutsch-deutsche Begegnung ist, die unter unterschiedlichen Vorzeichen stattfand und die bis heute viel Sensibilität einfordert - von der Ostdeutschen Katrin Sibila und dem Westdeutschen Ralf Hoppen. Es ist eine Geschichte aus der Zeit, als Deutschland zur Einheit wurde.

Katrin Sibila wird 1966 in Warnemünde geboren. Der Vater arbeitet auf einer Werft, die Mutter leitet eine Kinderkrippe. Direkt vor ihren Augen hat sie ein Paradies - die Ostsee: "Wir Kinder brauchten keinen Spielplatz, wir hatten den Strand. Ich hatte immer Seesand in den Schuhen." Sie lernt Bürokauffrau, bekommt ein Stipendium und startet danach voller Elan in das Studium der "Sozialistischen Planungsökonomie". Nach einigen Semestern bricht sie es ab. Ein Bruch. Ein unverzeihlicher für Anhänger des politischen Systems der DDR. "Das war ein politisches Studium. Und das wollte ich nicht", sagt sie.

Die junge Frau stellt sich daraufhin in einem Hotel vor. Mit Arafat-Tuch, hautengen Jeans, langen, offenen Haaren und weißen Turnschuhen aus dem Westen. Sie wird gar nicht erst vorgelassen. Vier Wochen später versucht sie es erneut: im Rock von der Jugendweihe und in einer lachsfarbenen Bluse. Sie bekommt den Job - vor allem, weil sie gut Englisch spricht. Katrin fängt im Empfang an, kurze Zeit später ist sie Assistentin der Geschäftsführung.

Da kommt Anfang der 1990er Jahre Ralf Hoppen. Er hat eine Firma für Innenausbau in Gladbach. "Ralf war ein Goldgräber", sagt sie und lacht. Goldgräber nannte man nach der Einheit die Menschen, die wirtschaftliche Chancen in den neuen Bundesländern witterten. Ralf Hoppen soll das Hotel umbauen, in dem Katrin Sibila arbeitet. Sie verhandelt deshalb mit ihm. Sie verlieben sich. Sie heiraten. Und als sie vor 24 Jahren mit Sohn Max schwanger ist, da verlässt sie Warnemünde und kommt mit an den Niederrhein. "Wir haben überlegt, beide in Warnemünde zu bleiben. Aber da kann man kein Geld verdienen", sagt sie. In Gladbach fängt sie neu an.

Zwar heißt Katrin Sibila jetzt Hoppen. Und sie hat einen zweiten Sohn: Tom (14). Sonst sie ist so geblieben, wie sie war: selbstbewusst, eigenwillig, kritisch, mit einem starken Hang zur Selbstständigkeit, die sie in ihrer DDR-Erziehung vermittelt bekam. Das Hausfrauen-Dasein ist nichts für sie. Schnell sucht sie sich eine berufliche Aufgabe, macht bei der Handwerkskammer in Abendform einen Abschluss nach und steigt in das Geschäft der Familie Hoppen ein. Warnemünde steuert sie nur im Urlaub und bei Familienfeiern an. Und was ist anders zwischen Ost und West? Katrin Hoppen schüttelt den Kopf. Sie unterscheide nicht mehr Ost und West, sagt sie. Dieter Weber

Aus Gladbach über Erfurt nach Schwerin

Andreas Paesler hatte als Balletttänzer Engagements in zahlreichen Ländern. Heute lebt der Mönchengladbacher in Schwerin. FOTO: Detlef Ilgner

Andreas Paesler kennt sich in Mönchengladbach nicht mehr so richtig aus. Schon zu lange wohnt er nicht mehr in der Stadt. Das Minto hat er noch nie betreten. Viele Straßenzüge sehen heute ganz anders aus als in seiner Kindheit. "Ich bin an der Fliethstraße aufgewachsen und habe 17 Jahre in der Stadt gelebt", erzählt er. Danach zog es ihn quer durch Europa.

Inzwischen spricht er sechs Sprachen. Das liegt an seinem Beruf. Andreas Paesler war Balletttänzer. "Theater hat mich schon immer fasziniert. Das habe ich von meinem Vater geerbt", erzählt der 58-Jährige. Begonnen hat seine Karriere als Statist am Mönchengladbacher Stadttheater. Nach dem Mauerfall arbeitete er am Theater in Erfurt. Inzwischen lebt er in Schwerin. Das Tanzen hat er längst aufgegeben. Heute arbeitet er als Tanzpädagoge - auch mit Menschen, die eine Behinderung haben.

Als Kind hat Andreas Paesler die DDR erlebt. "Wir hatten Verwandte in einem kleinen Ort bei Dresden, die wir oft besucht haben. Für uns Kinder war das immer ein großes Abenteuer, zum Beispiel bei den Kontrollen an der Grenze", erinnert er sich. Weil der Wechselkurs beim Geldtausch für Westdeutsche so günstig war, habe er im DDR-Urlaub vieles bekommen, was es sonst nicht gab. "Es gab dann fast jeden Tag ein Eis oder andere Dinge", erinnert er sich.

Fremd oder in einem anderen Land habe er sich nie gefühlt. Auch nicht, als er kurz nach der Wende am Theater in Erfurt arbeitete. Das habe vielleicht auch an der Mentalität von Künstlern gelegen, meint er. Handwerklich sei die Qualität am dortigen Theater sehr hoch gewesen. "Nur die Stoffe von den Kostümen waren nicht gerade toll", erzählt er.

Einen großen Unterschied habe es dann aber doch gegeben. "In der DDR wurden Theaterleute von staatlicher Seite Stellen zugewiesen. Im Westen mussten wir uns darum selber kümmern, wenn ein Arrangement nicht verlängert wurde. Das ist im Osten heute auch so. Nicht jeder kann damit umgehen", erzählt Paesler. Den Hang nach Schwerin habe er schon lange gehabt. "Ich kann mir nicht vorstellen, in einer großen Stadt zu leben", sagt er. Schwerin sei keine typisch ostdeutsche Stadt. Vielmehr sei man dort norddeutsch geprägt. Die Natur sei sehenswert.

Die Wende wirke jedoch nach. Und das nicht immer positiv. "Viele fanden nach der Wende keine Arbeit. Ihren Kindern geht es heute ähnlich. Das fördert Unzufriedenheit. Die Wende brachte für die Menschen im Osten Deutschlands auch negative Dinge. Als der Kapitalismus den Kommunismus ablöste, änderte sich das Leben vieler. Damit konnte nicht jeder umgehen", beschreibt Paesler die Situation einiger Ostdeutscher. Irgendwo anders möchte Andreas Paesler nicht mehr leben. "Außer in Mönchengladbach habe ich in keiner Stadt länger gelebt. Aber ich war in meinem Leben schon in so vielen Städten, da kann man nichts wirklich ausschließen", sagt er lachend. Diesen Dienstag feiert seine Mutter ihren 85. Geburtstag - in Mönchengladbach. Christian Lingen

 

Quelle: RP
 
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