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Mönchengladbach
Die Hüter der Gladbacher Mundart

Das sind die Jläbäcker Mundart-Autoren
Das sind die Jläbäcker Mundart-Autoren FOTO: Andreas Gruhn
Mönchengladbach. Seit 25 Jahren besteht der Freundeskreis Jläbäcker Mundart-Autoren. Wie eine illustre Runde heimatverbundener Menschen versucht, eine Sprache zu pflegen und weiterzugeben, die sonst in Vergessenheit zu geraten droht.

Als Johannes Ohligs sein Gedicht vom Findelkind erzählt, das sie dem Generalvikar unterschieben, da hauen sich alle auf die Schenkel. "Dat ess joot", entfährt es einer Seniorin in der letzten Reihe, ihr Sitznachbar hälz sich den Bauch vor Lachen. Es ist ein gemütlicher Abend im Pfarrheim in Hehn, an dem sich ein paar Dutzend Herrschaften im Pfarrheim zusammengefunden haben und sich einer Sprache hingeben, die nicht mehr viele verstehen. Die deshalb auszusterben droht. Und die aber viele Menschen doch so lieben: das Jlabbacher Platt, in Fachkreisen mitunter auch Jläbäcker Platt genannt. "Platt ist für mich Heimat, ich liebe diese Sprache", sagt Kurt P. Gietzen.

Gietzen ist der Vorsitzende, oder der Baas, der Jläbäcker Mundartautoren. Sie sind die Hüter des Gladbacher Platt, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die ureigene Sprache zu erhalten und weiterzugeben. Sie sind ein illustrer Kreis Heimatverbundener, die sich regelmäßig treffen um Platt "ze kalle", und dem Publikum von der alten Sprache zu künden. Sie erzählen "Dönekes" aus der eigenen Feder - meistens sind das Witze und gesammelte Heiterkeiten, mitunter auch spitzbübische Fröhlichkeitslyrik. Mit gesprochenem Wort oder Gesang wie etwa von Mundart-Barde Hotte Jungbluth oder Thomas Wehres bringen sie jeden Saal zum Toben. Und einmal im Monat, jeden zweiten Dienstag, treffen sie sich in der Gaststätte "Zum Landwehrritter" an der Ohlerkamp Straße zum Stammtisch: "Merr kallt övver Jott on de Welt, Politik, Alldachsjeschenn, över Nü-et on Sorje, on wie kann et angersch senn, övver Platt." (Man spricht über Gott und die Welt, Politik, Alltagsgeschehen, über Neues und Sorgen, und wie könnte es anders sein, über Platt.) Und in diesem Jahr feiern sie ihr 25-jähriges Bestehen im Dienst an der Sprache, die auszusterben droht.

Denn kaum jemand mehr unterhält sich heute außerhalb spezieller Anlässe auf Platt. Der Grund ist ganz einfach: Es war lange Zeit verpönt als Sprache der einfachen Leute, von der Straße. Wer Platt sprach, galt als ordinär. "Ich habe mir Platt im Teenie-Alter mühsam erarbeiten müssen", sagt Bärbel Dülpers, deren Eltern zwar immer miteinander Platt sprachen, mit den Kindern aber nur Hochdeutsch.

Dabei hat es sich auf dem Land entwickelt, bei den einfachen Leuten, bei Handwerkern und Bauern, deren Redensarten und Bauernregeln elementarer Bestandteil der überlieferten Sprache sind. Bis ins 19. Jahrhundert wurde auch in Volksschulen Platt gesprochen, erst 1825 verboten es die Preußen, weil diese Volkssprache konspirativ war. Auch in Kirchen, wo vorher die Pfarrer nur auf Platt predigten, musste nun Hochdeutsch gesprochen werden. Zunächst überlebte Platt als Umgangssprache bis zu denjenigen, die heute Senioren sind, bis zu unseren Großeltern. Und heute ist es eine Seltenheit, abgesehen von "euradialektischen Sprachfetzen", wie "dat" und "wat". Das richtige Südniederfränkisch, das ist das Gladbacher Platt, wird selten gesprochen.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum Mundart als von gestern empfunden wird, warum Jungbluth von der "jo-e, jo-e alde Tied" singt. Dabei kann Platt auch modern. Der Kreis hat sich etwa auf Begriffe für Neuheiten, "vör nöje Technik" verständigt. Seitdem gibt es Fummelprint (Smartphone), Kwasselprint (Telefon), Söökmaschiin (Google), nohkicke (googlen), Hüülbässem (Staubsauger) und Knatterbüx (Leichtmotorrad). ANDREAS GRUHN

Quelle: RP
 
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