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Serie Was Macht Eigentlich?
Die Idee vom Christkindlmarkt

Mönchengladbach. Renate Gliemeroth und Ruth Walter haben 1973 etwas ins Leben gerufen, das bundesweit beispiellos war: einen Weihnachtsmarkt - ganz ohne Kommerz. Der gesamte Erlös ist für Behinderte und Kranke in der Stadt bestimmt - bisher 2,6 Millionen Euro. Nächsten Samstag ist der 45. Markt. Von O. E. Schütz

Es waren immer drei sehr stressige Monate, bei denen die Klagen der schon mal vernachlässigten übrigen Familienmitglieder ab und zu etwas lauter wurden. "Da wurden ja auch mal Knöpfe nicht angenäht, Schuhe nicht geputzt, war der Esstisch nicht immer gewohnt pünktlich gedeckt", geben Renate Gliemeroth und Ruth Walter zu. Denn sie hatten in dieser Zeit vor allem eins im Kopf: organisieren, basteln, backen, kochen für behinderte und kranke Menschen. Aber dann halfen auch die Ehemänner und Kinder mit, und alle waren am Ende mächtig stolz auf das Ergebnis - den Christkindlmarkt, immer am Samstag vor dem ersten Advent in der Gladbacher Innenstadt.

1973 gab es ihn zum ersten Mal, ins Leben gerufen von den beiden Hausfrauen aus alteingesessenen Familien. Ihre Idee wurde vom Start weg ein Riesen-Erfolg. "Es gab bis dahin in Deutschland nichts Vergleichbares", sagen Ruth Walter und Renate Gliemeroth. "Das Besondere: Jeglicher Kommerz ist bis heute ausgeschlossen, alles geschieht ehrenamtlich, ohne dass ein Cent - oder damals Pfennig - in privaten Taschen verschwindet. Verkauft werden ausschließlich Sachen, die gespendet, in Eigenarbeit hergestellt oder bereits benutzt worden sind. Bezahlt werden lediglich Gebühren, etwa für den Strom." Und so weist die Bilanz des "Christkindlmarkt Mönchengladbach e. V." in den Jahren 1973 bis 2016 einen Gewinn von 2,6 Millionen Euro aus, der komplett gespendet wurde. Am kommenden Samstag wird der Erfolg hoffentlich weitergehen: Dann ist die 45. Auflage, von 9 bis 17 Uhr auf dem Kapuzinerplatz.

1973 kam Renate Gliemeroth - beziehungsweise damals Klüttermann - die Idee zu einem eigenen Markt beim Besuch eines Trödelmarktes in der Kaiser-Friedrich-Halle, bei dem sie mit großen Erfolg Haushaltsgegenstände, Lampen usw. aus dem elterlichen Haus verkaufte: "Allerorten taten sich damals solche Basare und Trödelmärkte auf, warum sollte es nicht gelingen, die verschiedenen Schulen und Kindergärten zu einem großen Markt zusammen zu bringen! Mit meiner Freundin Ruth Walter war ich einig, so etwas zu organisieren. Wir waren jung, hatten Familien mit kleinen Kindern, waren voller Tatendrang und wollten etwas für Menschen tun, denen es nicht so gut geht. Und, was sehr wichtig war, wir waren handwerklich geschickt und konnten unsere Ideen auch umsetzen."

Urige bis edle Trödelschnäppchen sammelte Leni Newiger fast drei Jahrzehnte für den Christkindlmarkt. Freunde und wildfremde Menschen füllten ihr immer wieder den Keller. FOTO: Udo Dewies

Sie machten sich auf den Weg, fragten einfach in Schulen, Kindergärten und auch bei der Stadt an, ob sich Mitstreiter fänden, ob sich gar ein Wille zu einem gemeinsamen Markt bilden könnte. Schnell fanden sie heraus, "wie wichtig es ist, etwas für Menschen mit Behinderung zu tun, die sich leider allzu oft sehr ausgeschlossen fühlen". So stießen sie unerwartet gleich auf offene Türen: Sieben Einrichtungen waren bereit, unter dem Namen "Christkindlmarkt" an einem gemeinsamen Markt teilzunehmen.

Es war, wie sich schnell herausstellte, eine Riesen-Aufgabe: "Wir betraten großes Neuland. Immer neue Fragen und Probleme traten auf: Wo soll der Markt sein, wer will noch teilnehmen, woher bekommen wir Stände oder Buden, woher Strom, welche Auflagen der Stadt gibt es, wer baut alles auf und später ab?" Doch die beiden ließen sich nicht abschrecken. Vor allem das Technische Hilfswerk, die Aktion "Freizeit behinderter Jugendlicher" und die Heil- und Pflegeanstalt Hepata sorgten, neben Familienmitgliedern und Freunden, für Unterstützung und sind auch bis heute eine ganz große Hilfe geblieben.

Und dann kam der mit großer Nervosität erwartete 1. Dezember 1973. Ruth Walter erzählt: "Eine herrlich provisorische Budenstadt mit 18 Ständen, die zum großen Teil aus Tapeziertischen mit Schirmen und Planen als Wetterschutz bestanden, war auf dem Theatervorplatz entstanden, wo heute das Minto ist. Die Teilnehmer hatten so viel Werbung gemacht, dass vieles bald ausverkauft war. Wir packten am Ende das ganze Geld in doppelte Plastiktüten, nahmen es mit nach Hause, zählten es auf dem Küchentisch. Glühweingeld, Grillwürstchengeld, Waffelgeld, alles glitt klebrig durch unsere müden, sortierenden und zählenden Finger - 18.000 Mark, mit denen wir nie gerechnet hatten."

Der Christkindlmarkt ist eine Institution, von sehr vielen Mönchengladbachern Jahr für Jahr fest eingeplant. Man trifft Freunde und Bekannte, trinkt hier ein Glas Glühwein, Sekt oder auch Champagner, dort Nicht-Alkoholisches. Man isst ein Würstchen oder einen Eintopf, frische Waffeln, Gebäck, Lachs-Spezialitäten, Wildpastete - fast alles selbst gemacht. In den Ständen wird gebastelter Weihnachtsschmuck verkauft, Adventskränze, Marmeladen, Bücher, gebrauchtes Spielzeug, Trödel ... und es gibt ein großes Angebot an Second-Hand-Kleidung, für die es im Menge Haus an der Fliethstraße schon ab Anfang November einen Vorverkauf gibt. "Gise la Reis mit dem Zonta-Club bringt damit fast ein Viertel der Einnahmen des Christkindelmarkts", sagt Renate Gliemeroth. 118.000 Euro ist der Einnahmerekord, etwa 80.000 der Schnitt.

50 "Buden" werden am Samstag aufgebaut. Auch die acht Einrichtungen und Schulen, die am Ende den Erlös des Marktes erhalten, sind von jeher fest in die Organisation eingebunden und mit einem Stand auf dem Markt vertreten: Aktion Freizeit behinderter Jugendlichere (AFbJ), Evangelische Stiftung Hephata, Förderschule Dahlener Straße, Herman van Veen-Schule, LVR -Förderschule Rheindahlen, Menschen im Zentrum e. V., Paul-Moor-Schule und Reha-Verein. Außerdem sind immer ein oder zwei andere Institutionen dabei, in diesem Jahr das DRK-Haus Am Volksgarten und die Gesamtschule Stadtmitte.

Renate Gliemeroth und Ruth Walter haben sich aus der aktiven Vereinsarbeit ("einen offiziellen Vorstand hatten wir nicht") zurückgezogen. 1990 hatten sie Anka Reiners hinzugewonnen, die von Anfang an mit einem Stand dabei war. Sie leitete später mit Eva Fink, Uta Schmölder-Hermann und Edda Schürenkrämer bis 2013 den Verein. Nachfolgerin ist seither ihre Tochter Charlotte Lorenz.

Quelle: RP
 
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