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Mönchengladbach
Die Leihbücherei im Vorgarten

Mönchengladbach: Die Leihbücherei im Vorgarten
Jürgen Reimann hat die Vorgartenbücherei selbst gebaut. Der Kasten ist immer gut gefüllt. FOTO: Isabella Raupold
Mönchengladbach. Birgit und Jürgen Reimann bieten vor ihrem Haus Bücher zur Ausleihe - und das rund um die Uhr. Von Arnold Küsters

Es regnet in Strömen. Und doch. Jürgen Reimann packt ein paar Bücher unter den Arm, schnappt sich einen Schirm und geht hinaus in seinen Vorgarten. Dort steht so etwas wie ein Vogelhäuschen. Robust gebaut, langbeinig, beleuchtet. Er öffnet die kleine Tür mit dem eingelassenen Glasfenster und packt das frische Lesefutter zu den anderen Romanen. Der Kasten an der Dohler Straße, schräg gegenüber der Schule, ist eine Vorgartenbücherei. Betrieben wird sie seit gut zweieinhalb Jahren von Jürgen und Birgit Reimann.

Der Buchkasten mit Platz für etwa 30 Bücher, hat rund um die Uhr geöffnet. Jeder kann sich bedienen. Das Konzept ist einfach, erklärt Jürgen Reimann: "Man kann sich, natürlich kostenlos, ein Buch ausleihen, es wieder zurückstellen, weitergeben oder aber auch gegen ein anderes austauschen." Von den bisher rund 600 Büchern, die er über die Monate in die "Bücherei" geräumt hat, seien "vermutlich um die 500 irgendwo in der Welt verstreut."

Das freut den 47-Jährigen. Denn ein Buch lebe davon, gelesen zu werden. Am besten von möglichst vielen Menschen. Dahinter steckt der Gedanke des seit einigen Jahren populären Bookcrossing.

Zunächst hatte er sich noch die Mühe gemacht, die eingestellten Bücher mit einem Code zu versehen, der es ermöglicht, den Weg des Buches nachzuverfolgen. Das hat sich aber als wenig praktikabel erwiesen, weil zu wenig echte Bookcrosser auf die Vorgartenbücherei der Reimanns zurückgegriffen haben. Zum anderen war das Ganze doch zu zeitaufwendig. Nun tragen die Bücher wenigstens einen Stempel: Ich bin ein Gladbuch - lass mich wieder frei. Außerdem ist der Hinweis in deutscher und englischer Sprache aufgestempelt "Freies Buch - kein Verkauf". "Damit wollen wir verhindern, dass professionelle Händler den Kasten ausräumen und die Bücher weiterverkaufen."

Die literarische Qualität der eingestellten Bücher ist durchaus hoch, darauf legen die beiden Bücherfreunde großen Wert. So befindet sich Edith Kneifls "Kinder der Medusa" in bester Gesellschaft mit Tommy Jauds "Hummeldumm", Anna Zierhuts "Carla kocht" oder dem Roman "Belgische Riesen" von Burkhard Spinnen. Ramschware oder alte Bücher, die längst niemand mehr liest, bzw. müffeln, haben keine Chance. "Auch nicht Konsalik oder Simmel. Ansonsten nehmen wir Krimis, Thriller, ab und an aber auch so genannte Chick Lit, also Frauenromane." Die Mischung müsse stimmen, die Titel aktuell sein. Für den Nachschub steht eigens ein volles Bücherregal im Flur, um Lücken schnell wieder füllen zu können. Kinder- und Jugendbücher finden sich in dem Kasten nicht - noch nicht: "Der Pflegeaufwand ist höher als bei der Erwachsenenliteratur", weiß Reimann. Man habe doch eher Laufpublikum.

Und das sei äußerst interessant zu beobachten. "Wenn wir die Tür gehen hören, gucken wir schon mal aus dem Fenster. Frauen trauen sich eher in unseren Vorgarten als Männer", sagt der Hausmann. Manche kämen sogar noch schnell spätabends, um sich mit Lesestoff einzudecken. Zu Anfang hätten sich die Nachbarn sehr gewundert, was er denn da so baut. "An eine Bücherei haben sie dabei nicht im Entferntesten gedacht." Eher selten kommt er mit den Nutzern seines Angebots ins Gespräch. Dann aber seien es stets nette Unterhaltungen. Die Freude der Bücherfreunde sei ihm Lohn genug: "Aber vielleicht sind wir in unserem Viertel auch ein wenig so etwas wie ein Leuchtturm." Und das meint er ohne jeden pädagogischen Zeigefinger.

Ganz bewusst haben die Reimanns ihre kleine Bücherei nicht direkt an die Straße gestellt, weil sonst die Gefahr des Vandalismus groß sei: "Wir haben zu Anfang erlebt, dass sich Kinder ein paar Bücher geschnappt und dann über den Zaun des nahen Autohandels geworfen haben." Durchgeweicht habe er sie zurückbekommen.

Zu Anfang haben die Reimanns noch ihr eigenes Buchregal ausgeräumt, um für Nachschub zu sorgen. Mittlerweile finden sie im Schnitt alle vier Wochen Kartons und Säcke voller Bücher vor ihrer Haustür - meist anonym dort abgestellt.

Zum Lesen und zum Buch ist Jürgen Reimann erst vergleichsweise spät gekommen, bekennt der gebürtige Bergheimer freimütig: "Das hat sich erst während der Vorlesezeit für unseren Sohn geändert." Er hat über die Zeit lernen müssen, dass er nicht alle Bücher aufbewahren kann: "Das tut schon weh, aber es hilft ja nichts. Man kann einfach nicht jedes Buch verwerten." Bücher seien nun mal Gebrauchsgegenstände und sollten einem ständigen Kreislauf unterliegen. Wenn es keinen Sinn mehr macht, müssten Bücher halt auch mal zum Papiercontainer gebracht werden.

Quelle: RP
 
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