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Mensch Gladbach
Die letzte queere Kolumne vor dem CSD

Mönchengladbach. Sommer, wir müssen reden! Beleidigte Homosexuelle. Balzende Pfauen. Störende Gaffer. Überflüssige Ratssitzung. Und jetzt noch Lettow-Vorbeck. Was hast du noch vor mit uns in den nächsten Wochen?

Sommer, das war früher die Zeit, in der die Sonne schien, alle wegfuhren und Wochen später braun gebrannt und gut gelaunt zurückkamen. Sommer, das ist heute der wärmere November, in der alle schlecht gelaunt Facebook-Posts absetzen und noch mehr am Rad drehen als im Rest des Jahres. Was sich der CDU-Ratsherr Christoph Dohmen da über Homosexuelle zusammen schwadroniert hat, wäre auch mit Sonnenbrand nicht vollends zu erklären. Die Sache ist doch erschreckend einfach: Ob ein Mensch im 21. Jahrhundert einen Menschen des anderen oder des gleichen Geschlechts liebt, geht einen aufgeklärten und freiheitlichen Staat nix an. Schon gar nicht hat er darüber zu richten. Der Paragraf 175 war ein zu langer Schatten auf der jüngeren deutschen Rechtsgeschichte. Muss man Menschen, die unter ihm gelitten haben, entschädigen? Nein, muss man nicht. Es würde aber von Souveränität zeugen.

Das sieht Christoph Dohmen anders. Auch das ist in einem aufgeklärten und freiheitlichen Staat ausdrücklich so vorgesehen. Man kann diese Meinung achselzuckend oder auch kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. Und im allseitigen Respekt voreinander weiterleben. Nein, kann man nicht. Im Sommer 2016 in Deutschland muss man erklären: Man fühle sich in seinem Sein getroffen (allen Ernstes!). Die CDU müsse Herrn Dohmen ausschließen. Sich erklären (vor allem die Gladbacher CDU zu einer rechtspolitischen Frage, die aus gutem Grund in Berlin entschieden wird). Man müsse sich auf Facebook von ihm entfreunden. Die richtigen, meint: die queeren Begriffe verwenden. Kurz und gut: Mittelalter geht auch im digitalen Zeitalter. Sogar besonders gut. Respekt? Ja, aber doch nicht vor so einem!

Willkommen in der komplett individualisierten Gesellschaft! Jeder darf auf seine Art glücklich werden. Wird er aber nicht, weil alle anderen halt anders sind. Komplett anders. Und gar keine Zeit haben, sich um meine Individualität zu kümmern. Wie hält man das aus? In dem man das andere schlechtmacht. Also: Motzen gegen das Balzen! Ich meine das der echten Pfauen im Tierpark. Oder gegen das Kühlaggregat der Eisbahn auf dem Alten Markt. Andere sind fröhlich, ausgelassen? Will ich nicht! Und wie kann ich wenigstens einmal Erster sein, wo es doch jeden Jeck mindestens schon einmal gibt? Na klar: indem ich hinter den Martinshörnern herdüse, als Erster Fotos und Videos bei Facebook hochlade und den Rettern im Weg stehe.

Selbst so eine staubgraue Stadtverwaltung kämpft mit allen Mitteln um Individualität. Wenn Viersen die Sonderratssitzung vor den Ferien hinbekommt, machen wir sie halt mitten in den Ferien. Bam! Ja aber, da müssen doch alle für 20 Minuten extra aus den Ferien zurück? Den jämmerlichen Soundtrack der Individualisierung hat Xavier Naidoo schließlich ja so genölt: Dieser Weg wird kein leichter sein.

Nun also auch noch Lettow-Vorbeck! Den bekommt man doch auch noch zum hundertsten Mal durch den parteipolitischen Fleischwolf gedreht. Und schnell noch andere, wie das großartige Ehepaar Wilbertz, dafür in Geiselhaft genommen.

Wann wird's mal wieder richtig Sommer?

Quelle: RP
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