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Mönchengladbach
Die Liebe - ein Traum

Mönchengladbach: Die Liebe - ein Traum
Kairschan Scholdybajew gibt Katjas (Izabela Matulas) willensschwachen Ehemann Tichon. FOTO: Matthias Stutte
Mönchengladbach. Helen Malkowsky inszeniert Leos Janaceks Oper "Katja Kabanowa" als Seelenbild einer verzweifelt Liebenden. Izabela Matula beeindruckte bei der Premiere am Wochenende in der Titelpartie. Bravi fürs gesamte Team. Von Armin Kaumanns

Leos Janacek ist nun nicht gerade für seine Leichtigkeit berühmt. Dem Werk des mährischen Komponisten klingt die Erfahrung und Last eines langen Lebens aus jedem schwermütigen Akkord, jeder Melodie, jeder Orchesterfarbe. In seiner Oper "Katja Kabanowa" porträtiert der da schon fast 70-Jährige eine junge (verheiratete) Frau, der die Liebe geschieht. Wie eine Urgewalt schlägt sie ihr die Füße weg und reißt sie hinein in einen Strudel der Selbstzerstörung, der schnurstracks in die Wolga führt. Ein Drama.

Das Ensemble des Musiktheaters stemmt zum Ende der Spielzeit diese in vieler Hinsicht anspruchsvolle Aufgabe unter der Regie der Dresdnerin Helen Malkowsky, der ein sehr stimmiger, bedrückend und berückend intensiver Opernabend gelingt. Das Premierenpublikum zeigte sich begeistert.

In der Figur der "Katja" liegt viel autobiografisches Herzblut. Der endlich berühmte und überaus produktive Janacek hatte sich wenige Jahre vor der Opern-Niederschrift 1921 in eine 40 Jahre jüngere Kamilla verliebt, die mit der Titelheldin nicht nur den Anfangsbuchstaben gemein hat. Entsprechend differenziert zeichnet Janacek mit seiner überaus originellen, persönlichen Tonsprache die tragische Protagonistin, deren sehr anspruchsvolle Partie er in eine hochemotionale, innerliche Klangwelt gießt. Mihkel Kütson hat mit den Niederrheinischen Sinfonikern im Graben eine engagierte Truppe zur Hand, die am Premierenabend zu großen Taten willens und in der Lage ist, auch wenn diverse Trübungen in Holz und hohen Streichern den Gesamteindruck beeinträchtigen.

Auf der Bühne jedoch herrscht Wohlklang pur. Das liegt zuvorderst an Izabela Matula, deren brodelnder Sopran scheinbar nach Belieben in die Abgründe der Titelheldin leuchtet. Derart glühende, differenzierte, wunderbare Töne hat man lange nicht gehört in Mönchengladbach. Es scheint, der Matula sei die Katja auf Herz und Kehle geschrieben. Großen Effekt macht auch die Altistin Satik Tumyan, deren perfide herrisches Gehabe in der Partie des "Schwiegermonsters" Kabanicha von großer Leidenschaft und Können getragen ist. Tenor Michael Siemon als Geliebter Boris gelingt ebenfalls der Zugang zu Janaceks Welt, die so eng Melodie und Sprache verzahnt und dabei hochemotionalisiert ist. Tadellos singen (und spielen) des Weiteren: Eva Maria Günschmann die libertinäre Barbara, Kairschan Scholdybajew Katjas willensschwachen Ehemann Tichon, Tenor Markus Heinrich den Dorflehrer Wanja. Hayk Dèinyan poltert wunderbar als Kaufmann Sawjol.

Dass diese "Katja Kabanowa" zum Bühnen-Erlebnis wird, ist dem weiblichen Produktionsteam zu danken. Regisseurin Helen Malkowsky hat offenbar ein Händchen für die Charaktere dieses Dramas. Alle Sänger füllen wie authentisch ihre Figuren; Posen und Plattitüden weichen einer großartigen Bühnenpräsenz, die jeder Solist nach seinen Möglichkeiten ausfüllt. Eingebettet ist diese Personenregie in das Raumkonzept von Kathrin-Susann Brose, das die abgerissene dörfliche Fassade mit dem Naturort Wolga als Grenze (per Projektion) und dem Traum einer Brücke über den Fluss in eine freiere Welt verknüpft. Per Drehbühne und mit mobilen Wänden gelingen frappierend organische Ort- und Stimmungswechsel, die Alexandra Tivig mit einer schlichten und ungemein charakterisierenden Garderobe im Stil der 60er Jahre unterstreicht.

Der Opernchor hat nicht viel, aber Wichtiges zu tun, schließlich ist die Welt, die die Titelheldin (nach einem ganz und gar nicht reinigenden Gewitter) ins Wasser treibt, von moralischer und religiöser Enge geprägt. Das packt, reißt mit, begeistert.

Quelle: RP
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