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Mönchengladbach
Die Marktlücke

Mönchengladbach. Nach fast 30 Jahren hört Marktbeschicker Dieter Verjans Ende des Monats auf. Er müsste sich neue elektronische Kassen nach Vorschriften der Finanzverwaltung zulegen. Zu teuer, sagt der Obst- und Gemüsehändler, und tritt lieber ab. Von Andreas Gruhn

Für einen Moment wirkt die Melone in der kräftigen Pranke schwerer als sonst. Dieter Verjans wiegt sie in den Händen, die sein ganzes Leben Gemüse und Obst hin- und hergereicht haben. Dann legt er die Frucht auf die elektronische Waage. So wie er es immer getan hat. Aber bald ist das vorbei, eine Tafel an seinem Obst- und Gemüsestand auf dem Rheydter Markt verkündet das Aus für den 27. August. Zwei Wochen noch. "Watt?", krakeelt eine rüstige Kundin, als sie die Schrift fertig studiert hat. "Unn wo krisch isch dann min Muhre her? Bessere jibbet nit." Eine andere Kundin mit Blumenkohl in der Tüte murmelt: "Traurig, aber wahr."

Es ist nicht so, als würde es künftig kein Obst und Gemüse mehr auf dem Rheydter Marktplatz geben. An diesem Mittwoch waren es immerhin sechs Stände, samstags sind es eher noch mehr. Was vielen auf dem Markt fehlen wird, ist Verjans selbst, dessen Großmutter vor mehr als 70 Jahren erstmals mit dem Stand auf dem Rheydter Markt vertreten war. In der Folge übernahm Verjans' Mutter das Geschäft, und der Junior selbst, der an einem Samstag zwei Stunden nach Marktschluss zur Welt kam, stand im Kinderwagen jeden Mittwoch und jeden Samstag mit am Stand. "Man kann mit Recht sagen, dass ich hier großgeworden bin", sagt der heute 60-Jährige, als er das Stück Melone fertig abgewogen hat. Seit 1987 führt er die Familientradition weiter, die nun endet - und die eine buchstäbliche Marktlücke hinterlässt. Dass die geschlossen wird, ist sehr unwahrscheinlich. Die Zahl der Beschicker in der Stadt ist in den vergangenen Jahren um etwa 15 Prozent gesunken. Allein in Rheydt haben in den letzten vier Jahren zehn Beschicker aufgegeben. Erst vor einem Monat hatte Fleischer Ulrich Tokloth nach 23 Jahren das Ende seines Stands für diesen Sommer auf dem Rheydter Markt verkündet.

"Es tut mir unheimlich leid für die Kunden, die schon Jahrzehnte bei uns einkaufen", sagt Verjans. "Aber so eine Entscheidung fällt man nicht leichtfertig." Der Grund ist eigentlich banal: Verjans darf seine fünf elektronischen Kassen am Marktstand ab dem kommenden Jahr nicht weiter benutzen.

Hintergrund ist eine Vorschrift der Finanzverwaltung in NRW. Ab dem 1. Januar 2017 müssen elektronische Registrierkassen sicher vor Manipulationen sein, sie müssen die Daten zehn Jahre lang unverändert speichern, und Betriebsprüfer müssen sie problemlos per Datenstick herunterladen können. Sonst drohen Strafen oder Steuernachzahlungen aufgrund geschätzter Einnahmen - was selten zugunsten des Händlers ausgeht. Verjans' Kassensystem, das er 2003 angeschafft hat, kann das alles nicht. Wenn er den Bon druckt, wird alles gelöscht. Er müsste also neue Kassen kaufen. "Für meinen 18 Meter langen Stand müsste ich bei fünf Kassen ungefähr 25.000 Euro investieren", rechnet er vor. "Und weil ich glaube, dass ich meinen Stand in ein paar Jahren, wenn ich eigentlich in Rente gehen wollte, nicht so einfach verkaufen kann, lasse ich es ganz." Und geht lieber in den Vorruhestand, als viel Geld zu investieren oder auf ein uraltes Kassensystem umzusteigen: Denn die offene Kasse mit Buchführung per Hand ist weiter auch nach 2016 erlaubt - wenn sie penibel und auf den Cent genau bleibt und hohe Anforderungen der Prüfer erfüllt.

Wie sehr die Aufgabe Verjans' die Stammkundschaft in Wallung bringt, zeigen wütende Protest-Anrufe beim für die Märkte zuständigen städtischen Ordnungsamt. Die Käufer vermuteten fälschlicherweise Auflagen der städtischen Behörde als Grund für das Ende. Verjans betont: "Mit der Stadt hat immer alles sehr gut geklappt." Nur wie sein letzter Markttag klappt, darüber hat er sich noch keine Gedanken gemacht: "Ich mag es mir gar nicht vorstellen."

Quelle: RP
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