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Redaktionsgespräch Dr. Peter Blättler
Die Rolle des Pfarrers muss heute neu erfunden werden

Mönchengladbach. Der neue Propst der Münsterkirche spricht über die Bedeutung des interreligiösen Dialogs und die Rolle der Frau in der Kirche.

Sie sind seit Februar 2016 neuer Propst des Münsters und Pfarrer von St. Vitus. Was hat Sie nach Mönchengladbach gebracht?

Dr. Peter Blättler Ich war vorher für die Priesterausbildung im Bistum Aachen verantwortlich und kannte Mönchengladbach von verschiedenen Besuchen her, die ich mit Priesterkandidaten hier gemacht habe. Wir waren im Münster auf dem Abteiberg und sogar im Borussia-Park. Aber wir waren auch zweimal im TaK, dem Treff am Kapellchen, den Eddi Erlemann gemeinsam mit den Steyler Schwestern aufgebaut hat. Mönchengladbach hat eine große sozialkatholische Tradition, das fand ich ansprechend. Mich reizt auch die sehr facettenreiche Arbeit im städtischen Milieu mit sehr unterschiedlichen Menschen und die Frage, wie ein achtsames Zusammenleben gehen kann.

Wie nehmen Sie die Stadt jetzt wahr? Und was bedeutet Ihr Mönchengladbach-Bild für Ihre Arbeit?

Blättler Ich nehme mir bewusst viel Zeit, Mönchengladbach kennenzulernen und zu entdecken. Ich bin als Lernender gekommen. Ich habe gemerkt, dass Mönchengladbach neben dem Zentrum rund um Münster, Abteiberg und dem Alten Markt aus vielen einzelnen Ortschaften besteht, die ein starkes Eigenbewusstsein haben. Das Lebensgefühl der Gladbacher ist dezentral. Die Pfarre St. Vitus umfasst sechs ehemalige Pfarreien, die jetzt in drei Gemeinden aufgeteilt sind. Das ist räumlich gesehen die halbe Innenstadt. Wir müssen einerseits Dienstleistungen der Kirche zentralisieren, aber wichtiger ist es, das Lokale und die Ortsnähe zu betonen. Die Pastoral muss darum dezentral organisiert sein.

Durch die Zusammenlegungen der Gemeinden gehört immer mehr Verwaltungsarbeit zu den Aufgaben eines Pfarrers. Kommt dabei nicht die Seelsorge zu kurz?

Blättler Das ist in der Tat eine spannende Frage. Die Rolle des Pfarrers muss heute neu erfunden werden. In der Priesterausbildung habe ich darüber doziert und freue mich, dies jetzt ausprobieren zu können. Ich bin mit Leib und Seele Seelsorger und weiß aber genau, dass dies flächendeckend nicht mehr geht. Daher teile ich mir die Aufgabe des Pfarrers mit Pater Wolfgang. Froh bin ich über viele ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und über unser Pastoralteam, das zwölf hauptamtliche Mitarbeiter umfasst. Als Pfarrer können wir nicht überall präsent sein. Deshalb übernehmen viele im Pastoralteam leitende Verantwortung für bestimmte Bereiche und sind Ansprechpartner vor Ort. Ich könnte das gar nicht leisten. Insgesamt bedeutet das, dass sich das Priesterbild ändert.

Auch die katholische Kirche verliert Mitglieder. Wie wollen Sie die Menschen erreichen?

Blättler Ja, es gibt einen Wandel. Spätestens 2025 werden die Katholiken im Bistum Aachen nicht mehr in der Mehrheit sein, sondern ihr Anteil wird unter 50 Prozent liegen. Und das liegt nicht an einer zunehmenden Zahl von Muslimen, wie es rechte Gruppen suggerieren wollen, sondern weil die Zahl der Menschen ohne Konfession zunimmt. Hier stellt sich die entscheidende Frage: Was glauben die, die als Konfessionslose anscheinend an nichts glauben? Menschen, die an gar nichts glauben, gibt es eigentlich nicht. Deshalb gilt es, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und ihren Lebensglauben kennenzulernen. Die Kirche hat durch die Auflösung der traditionellen Milieus den Kontakt zum Lebensglauben vieler Menschen verloren. Wir brauchen neue Formen der Kontaktnahme, und wir müssen von dem hohen Ross runter, dass wir den Glauben erst bringen. Selbst Jesus hat in seiner Zeit nicht den Glauben gebracht, sondern angeknüpft am Glauben von Menschen. Wie oft hat er einzelne Menschen konkret angeschaut und gesagt: Steh auf, dein Glaube hat dir geholfen.

Es gibt immer weniger Priesternachwuchs. Wie wird sich das auswirken?

Blättler Der Priester hat in der katholischen Kirche immer eine wichtige Rolle gespielt, und auch hier in Mönchengladbach gab es immer sehr starke Persönlichkeiten, die prägend wirkten. Aber das wird sich ändern. Es gibt in der ganzen Region Mönchengladbach derzeit nur vier Priester unter 50 Jahren, in zehn Jahren haben wir spätestens ein Problem. Deshalb wird stärker auf die Gläubigen vor Ort gesetzt werden müssen. Der Priester der Zukunft ist in erster Linie Subsidiar beziehungsweise Ermöglicher.

Es gab in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene Bewegungen in der Liturgie? Wie leben Sie Liturgie? Was ist Ihnen heilig?

Blättler Heilig ist mir das Volk Gottes und seine Beteiligung. Liturgie wird schräg, wenn sich mehr ausgeladen als eingeladen fühlen. Die Liturgie sollte daher einladend sein für alle und Zugang bieten für Menschen mit unterschiedlicher Spiritualität. Ich stehe da ganz in der Volk Gottes Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils. Allerdings ist zu merken, dass sich da etwas zwischen den Generationen ändert. Die jüngere Generation sucht liturgisch wieder andere Formen und legt mehr Wert auf eine eher klassische Liturgie.

Sucht die jüngere Generation vielleicht ein stärker katholisches Profil?

Blättler Profildebatten mag ich gar nicht. Das kommt modern daher und trifft vielleicht den momentanen Zeitgeist. Aber das Gerede von Profil oder Identität meint mir in Europa, in der Politik und in den Kirchen zu oft schlicht nur Abgrenzung. Ich finde wichtiger, aufeinander zuzugehen. Ich halte es für richtiger, zu integrieren, statt sich zu profilieren. Wer sich in der Heilsgeschichte auskennt, der weiß, dass Gott zusammenführt und nicht auseinander treibt.

Wie erleben Sie die Ökumene in Mönchengladbach? Sie scheint sehr weit vorangekommen zu sein.

Blättler Ja, das empfinde ich auch so. Die Ökumene ist in Mönchengladbach vielen eine echte Herzensangelegenheit. Ich bin sehr froh über das ökumenische Miteinander. Die Teilnahme der Protestanten an der letzten Heiligtumsfahrt war ein starkes Zeichen. Ebenso werden zum Lutherjahr 2017 gemeinsame Aktionen und Gottesdienste vorbereitet. Ökumene gehört zu Mönchengladbach und den Ortskirchen.

Wie schätzen Sie den interreligiösen Dialog in der Stadt ein?

Blättler Ich kenne die konkrete Situation in der Stadt im Augenblick leider noch zu wenig. Aber ich halte den Dialog zwischen den abrahamitischen Religionen des Judentums, Christentums und Islams theologisch wie weltpolitisch für unerlässlich. Denn ohne diesen Dialog verlieren wir den biblisch bezeugten Gott aus dem Blick und zugleich auch den Weltfrieden. Denn der wirkliche Gott, der Abraham losgeschickt hat, ein neues Land zu entdecken, der ist in allen drei Religionen am Werk. Dieser Gott ist heute nur zu finden, wenn ernsthaft miteinander zwischen den Religionen gesprochen und auch gerungen wird.

Wie sehen Sie das Verhältnis zum Islam?

Blättler Das Gespräch mit dem Islam ist ausgesprochen wichtig. Bei Kontakten zu Moscheegemeinden in Aachen habe ich festgestellt, dass die Moscheen mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben wie wir. Auch in vielen Moscheen liegt der Gottesdienstbesuch weit unter 20 Prozent. Auch bei ihnen fehlt die junge Generation, vor allem die jungen Frauen, und es versammeln sich nur ältere Männer. Wir stehen in der säkularen Gesellschaft vor der gleichen Herausforderung. Die katholische Kirche und der Islam haben da ähnliche Probleme. Auch die katholische Kirche hat sich erst sehr spät mit den Fragen der individuellen Freiheit und der Rolle der Frau beschäftigt. Das sind aber die Kernfragen eines modernen Lebensstils in Westeuropa. Mir bereitet es Sorge, dass jungen Frauen keine interessante Berufsbiografie in der Kirche offensteht und sie sich daher abwenden. Es ist zu wenig, wenn Frauen sich nur ehrenamtlich in der Kirche verwirklichen können. Dem Islam in Europa wird es ähnlich ergehen, wenn er sich nicht mit der Rolle der Frau und der individuellen Freiheit beschäftigt.

Sehen Sie mehr Verbindendes oder mehr Trennendes zwischen Weltreligionen?

Blättler Es ist ein großes Drama, dass die drei monotheistischen Weltreligionen nicht in der Lage sind, in Würde miteinander zu sprechen. Wir bewohnen alle ein religiöses Haus. Die absolute Wurzel ist das Judentum. Jesus war Jude, und wenn wir als Christen kein Verhältnis zum Judentum entwickeln, entwickeln wir kein Verhältnis zu uns selbst. Das Gleiche gilt für den Islam, der aus der gleichen Wurzel stammt. Dass sich die drei Religionen so schwertun, miteinander zu leben, macht nachdenklich und traurig. Denn dies ist ein Hinweis, dass wir Gott nicht ernst nehmen. Aber im konkreten Miteinander in Mönchengladbach ist da vieles anders. Das konnte ich etwa in Eicken erleben. Eicken ist kulturell und religiös gesehen bunt, und es passiert viel von Mensch zu Mensch. Ich habe zum Beispiel viel Achtsamkeit auf Muslime in unseren Kitas oder bei der Hausaufgabenhilfe erlebt. An der Basis geschieht sehr viel Gutes im interreligiösen Miteinander, und manchmal sind eben die Menschen vor Ort mit ihrem Lebensglauben den offiziellen Vertretern der Religionen und Kirchen eine Nasenlänge voraus. Das freut mich und darin erahne ich das Wirken Gottes. Er hat sich noch nicht von der Menschheit verabschiedet und schon gar nicht aus Mönchengladbach.

Ralf Jüngermann und Angela Rietdorf führten das Gespräch.

Quelle: RP
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