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Mönchengladbach
Die Seele fährt Achterbahn

Mönchengladbach: Die Seele fährt Achterbahn
Wenn Beraterin Birthe Wenery fragt, wie sich der fünfjährige Luca gerade fühlt, dann sucht er zum Beispiel dieses fröhliche Monster aus. FOTO: Angela Rietdorf
Mönchengladbach. Mit einem speziellen Beratungsangebot lernen Kinder, über ihre eigenen Gefühle zu sprechen und die psychische Erkrankung der Eltern zu verstehen. Wie der fünfjährige Luca, dessen Mutter an Depressionen erkrankt ist. Von Angela Rietdorf

"Welches Gefühlsmonster passt heute zu dir", fragt Birthe Wenery den fünfjährigen Luca. "Heute bin ich fröhlich", sagt der Junge und sucht die bunte Karte mit der vor Freude in die Luft springenden bunten Fantasiefigur aus den Karten heraus, die vor ihm auf dem Tisch liegen. "Und ein bisschen müde", fügt er hinzu und nimmt die nächste Karte. Dann strahlt er, nimmt eine dritte Karte und sagt: "Ich liebe Mama von ganzem Herzen." Seine Mutter muss ein bisschen schlucken an dieser Stelle.

Der kleine Luca ist zusammen mit seiner Mutter Julia M. bei Beraterin Birthe Wenery vom Projekt KipE - Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern. Julia M. leidet seit einem Burn-out vor acht Jahren an Depressionen. Es dauert lange, bis überhaupt die Diagnose Depression gestellt wurde, noch viel länger, bis die heute 36-Jährige einen Therapieplatz bekommt. In der ersten schwierigen Krankheitsphase wird Julia M. schwanger. Sie schafft es, sich mit Unterstützung durch den Weißen Ring kurz vor Lucas Geburt aus einer schwierigen Partnerschaft zu lösen. Ihre Familie unterstützt sie sehr, aber es schließen sich nicht nur eine Wochenbettdepression, sondern auch immer neue depressive Phasen an. Ihre Seele fährt Achterbahn. Nach langer Wartezeit wendet sich alles zum Besseren: Sie bekommt einen ambulanten Therapieplatz, findet beim Reha-Verein ebenfalls ambulante Unterstützung in ihrem Alltag und nimmt schließlich für Luca und sich selbst Kontakt zum Beratungsangebot KipE und Sozialarbeiterin Birthe Wenery auf.

Jetzt kommen sie einmal in der Woche für etwa eine Stunde, damit Luca verstehen lernt, warum seine Mama manchmal traurig ist. Damit er über seine eigenen Gefühle reden kann. Damit er begreift, was es heißt, wenn die Seele krank ist. Begonnen wird meist mit den Gefühlskarten. Mit den bunten, kindgerechten Karten versucht Luca auch zu beschreiben, wie er glaubt, dass sich seine Mama gerade fühlt. Oder Birthe Wenery sieht gemeinsam mit ihm Bilderbücher an wie das vom Seelenvogel, in dessen Schubladen Gefühle, Träume und Wünsche stecken. "Manchmal klemmt eine Schublade und geht nicht wieder zu", erklärt sie Luca und der nickt wissend. Ja, das kann er sich vorstellen.

Es gehe immer darum, die richtigen Bilder und Worte zu finden, wenn man mit Kindern über die Erkrankungen der Seele spreche, sagt sie. Kinder entwickeln oft Schuldgefühle, weil sie glauben, sie seien der Grund für das Verhalten ihrer Eltern. Oder sie fühlen sich verantwortlich für ihre Eltern und wollen möglichst nicht mehr aus dem Haus gehen, um sie nicht allein zu lassen. Über all diese Dinge spricht die Beraterin mit den kleineren und größeren Kindern und Jugendlichen, die zu ihr kommen. Manchmal allein, manchmal zusammen mit den Eltern. Sie informiert auch über weitere Angebote wie den Elternkurs oder Spielangebote für die Kinder. "Wir sind gut vernetzt in Mönchengladbach", sagt sie, "und wir finden schon etwas, das zu der jeweiligen Familie passt."

Sind die Kinder schon älter, können sie auch die präventive Kindergruppe besuchen, die in Kooperation mit der evangelischen Jugend- und Familienhilfe umgesetzt wird. In einer Gruppe mit anderen betroffenen Kindern machen sie die Erfahrung, nicht allein zu sein und treffen auf andere, denen es ähnlich geht. "Die Kinder lernen, mit ,Traurigtagen' in der Familie besser umzugehen", stellen die Experten fest. Luca aber ist mit seinen fünf Jahren für diese Gruppe noch zu klein. Er arbeitet mit Birthe Wenery. Und mit Sam, dem jungen Labrador der Sozialarbeiterin. "Sam lockert immer die Stimmung auf", sagt Wenery. Zum Schluss darf Luca Sam noch ein Leckerli suchen lassen. Der Fünfjährige freut sich. Wie das fröhliche Monster auf der Karte.

Quelle: RP
 
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