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Serie Was Macht Eigentlich?
Die Weltrekord-Schwimmhalle

Serie Was Macht Eigentlich?: Die Weltrekord-Schwimmhalle
Kunst am Bau war die Front-Plastik Hubert Lönekes, der eingeschossige Eingangs- und Kassentrakt samt Milchbar und Frisör war die Verbindung zum alten Kaiserbad. FOTO: Stadtarchiv Mönchengladbach
Mönchengladbach. Es war die größte Investition, die M. Gladbach bis dahin getätigt hatte: Zwei Millionen D-Mark hatte die neue Schwimmhalle gekostet, die 1957 eröffnet wurde. Seit 2005 ist das Bad am Berliner Platz geschlossen. Statt Wassersport gibt es hier heute den Krieg der Sterne. Von O. E. Schütz

Es war eine Attraktion, die 1957 weit über die Stadt hinaus Aufsehen erregte. M. Gladbach, wie es damals noch hieß, hatte trotz stark angespannter Kassenlage (so was gab es also schon damals) Mut bewiesen und zwei Millionen Deutsche Mark, rund eine Million Euro, in den Bau einer neuen Schwimmhalle investiert: an der Ecke Lüpertzender- und der damaligen Viktoriastraße, die heute Berliner Platz heißt.

Am 23. März 1957 wurde die Schwimmhalle eröffnet, die später den Namen "Bad am Berliner Platz" bekam. Sie stand direkt neben dem alten "Kaiserbad". Das war 1889 eröffnet und im Zweiten Weltkrieg durch Bomben so schwer zerstört worden, dass es mehrere Jahre geschlossen blieb. Erst ab 1948 wurde es etappenweise wieder aufgebaut - und erwies sich schon bald als zu klein für die wachsende Besucherzahl. Zudem entsprach es mit seiner Beckengröße von 22 mal 11 Metern und einer Tiefe von 60 Zentimetern bis 2,50 Meter nicht den Anforderungen für offizielle Rekordzeiten.

Platz für 300 Zuschauer auf zwei Tribünen (unten und oben), fünf Bahnen für Schwimmer und fünf Sprungbretter, von einem bis 7,50 Metern Höhe. FOTO: Stadtarchiv

Die gab es dann in der neuen Schwimmhalle, die erste gleich am Eröffnungstag: Die Holländerin Tineke Lagerberg verbesserte ihre eigene Bestmarke über 200 Meter Schmetterling um mehr als drei Sekunden auf 2:42,3 Minuten. Es war der sportliche Höhepunkt der drei Eröffnungs-Veranstaltungen - die alle restlos ausverkauft waren. "Welche der drei wir auch nehmen wollen, es war eine einmalige Schau erstklassiger Wettkämpfe, schöner Schwimmkunst und hoher Springkunst", schrieb die RP damals.

Fast 90 Jahre hat das alte Kaiserbad überdauert, bis es geschlossen und abgerissen wurde. Seine Nachfolger haben dies bei Weitem nicht erreicht. Nach der Eröffnung des Zentralbades 1975 (16 Millionen D-Mark teuer und das erste "Wellenbad" am Niederrhein) wurde das Bad am Berliner Platz bald nur noch für den Schul- und Vereinssport genutzt. Für das Zentralbad aber kam das Aus schon nach gerade mal 26 Jahren: Am 23. Juli 2001 brannte es durch ein bei Schweißarbeiten am Dach verursachtes Feuer bis auf die Grundmauern nieder. Doch auch dies konnte die komplette Schließung des erst 1989, u. a. wegen seiner Asbestbelastung für sechs Millionen D-Mark sanierten Bades am Berliner Platz nicht mehr verhindern. Auf mehrere Millionen Euro wurde eine Erneuerung des Dachs und der 12.50 Meter hohen Fenster des nun als "marode" eingestuften Bades nach energetischen Anforderungen geschätzt. Eine Sanierung wäre nicht zu verantworten, argumentierte sie. Und baute, mit den Millionen, die sie von der Versicherung für das abgebrannte Zentralbad erhielt, für 22 Millionen das Vitusbad an der Breitenbachstraße. 2006 wurde es eröffnet, das Bad am Berliner Platz endgültig geschlossen - bis heute aber nur für den Wassersport. Wann es abgerissen wird, ist immer noch unklar - siehe unten.

Viel Licht und eine wunderbar blaue Wasserfläche. FOTO: : NEW

1957 hatte die "Schwimmhalle" Maßstäbe gesetzt, "Ein bemerkenswerter Baublock, der zur Verschönerung des Stadtbildes beiträgt", schrieb unter anderem die RP. Er trägt die Handschrift des Düsseldorfer Architekten Herbert Blokesch; die noch heute auffallende Plastik an der Außenfront mit fünf ins Wasser purzelnden Figuren hat der Düsseldorfer Bildhauer Hubert Löneke geschaffen.

Drinnen gab es ein sport- und rekordgemäßes Becken: mit fünf 25-Meter-Bahnen, einer Wassertiefe von 1,10 bis 4,10 Metern, zwei Einmeter-Sprungbrettern, einem hydraulischen Dreimeter-Sprungturm und einen Turm mit Plattformen in fünf und 7,50 Metern Höhe. Die Zuschauertribünen mit Platz für 300 Besucher waren auf zwei Ebenen verteilt, von der Straße aus über einen verglasten Treppenturm verbunden. Der war auch Zugang zu den im ersten Obergeschoss liegenden Umkleiden, Duschen und Toiletten für Damen - die der Herren waren auf Höhe des Bades.

Kunstausstellung im ehemaligen Bad: Die Französin Elsa Tomkowiak gestaltete eine Farbstreifen-Installation. FOTO: Detlef Ilgner

Besonderer Komfort: Die unter den Fenstern durchlaufenden Sitzbänke für die Schwimmer waren geheizt. Und die 1000 Quadratmeter messenden Fensterflächen sorgten für immer wieder wechselnde Lichtreflexe. In der Eingangshalle, die zunächst noch das alte Kaiserbad mit der neuen Schwimmhalle verband, waren die Kassen, ein Frisörladen - und eine Milchbar, wie sie damals in Mode war. Die junge Frau hinter dem Tresen kam von der "Sonnenmilchbar" im Sonnenhaus - in der man häufiger auch den jungen Fußballstar Günter Netzer sah.

Quelle: RP
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