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Mönchengladbach
Die Werksfeuerwehr der Textilindustrie

Mönchengladbach: Die Werksfeuerwehr der Textilindustrie
Rebecca Hessing (oben) ist am Reststrauch als Näherin für IQS tätig. Unten: Semih Thomas (v.l.), Aynur Thomas, Schwester Hiltrud, Yasar Thomas und Schwester Hildegarde beim Fest zum 20-jährigen Bestehen. FOTO: Detlef Ilgner, IQS
Mönchengladbach. Ja, sie nähen noch - in Gladbach: IQS Textilservice ist auf Aufbereitung und Reparatur von Kleidung spezialisiert, bevor sie in die Läden kommt. Von Jan Schnettler

Mit der klassischen, produzierenden Textilindustrie nicht nur, aber auch in Mönchengladbach ging es bergab, sobald die Arbeit massenhaft ins billige Ausland verlagert wurde. Wilhelm Thomas kann ein Lied davon singen: Sein ehemaliges Textilunternehmens, Thomas Tuche mit Sitz an der Erzbergerstraße - dort, wo heute Poco steht -, wurde schon 1975 liquidiert. "Aber hochwertige textile Dienstleistungen wie Reparatur und Aufbereitung, die kann man nicht nach China oder Indien verlagern", sagt der 78-Jährige. "Da muss man schließlich schnell und flexibel reagieren können."

So schnell und flexibel, wie es sich das Unternehmen IQS Textilservice GmbH auf die Fahnen geschrieben hat zu sein. "Wir sind ein Lösungsfinder, so etwas wie die Feuerwehr der Textilindustrie", sagt Wilhelm Thomas' Sohn Yasar (60), der die Geschäfte leitet. Das Geschäftsmodell geht so: Die Neuware, die im Container aus Fernost in Europa ankommt, wird von IQS auf ihre Qualität hin untersucht und so aufbereitet, dass sie später im Laden knitter- und auch anderweitig einwandfrei am Bügel hängt. Damit ist man um einen Schritt denjenigen Unternehmen vorgeschaltet, die am Ende den Einzelhandel bestücken.

Ferner sei IQS darauf spezialisiert, Ware, die die Qualitätskontrolle aus verschiedensten Gründen nicht überstehen würde - etwa wegen loser Knöpfe, feucht gewordener Reißverschlüsse, zu langen Bündchen an Kinder-Jogginghosen oder Flecken auf einer gesamten Charge - zu reparieren und oftmals sogar zu verbessern, sagt Ugur Erol, Schwager von Yasar Thomas. Gerade im Bereich der Lederbearbeitung sei man extrem spezialisiert und führend. Er nennt ein konkretes Beispiel: "Vor anderthalb Jahren haben kurz vor Weihnachten mehrere tausend rote Velourslederjacken, für die schon Werbung geschaltet war, kurzfristig mit einem Spezialüberzug beschichtet, damit sie nicht länger abfärben."

Vor genau 20 Jahren als Wasch-, Näh- und Bügelunternehmen gegründet, hat IQS (die Abkürzung steht für International Quality Service) mittlerweile fünf Azubis und rund 85 Mitarbeiter. Und einige davon nähen tatsächlich noch immer - ein durchaus zukunftsträchtiges Relikt der "alten" Textilindustrie? "Es wird immer schwieriger, Näherinnen zu finden", sagt Yasar Thomas.

Viele der Kräfte seien schon so lange dabei, wie es die Firma gibt, seit 1996. Wenn der Transport wirtschaftlich sei, müsse man diese Arbeiten deswegen gelegentlich nach Osteuropa auslagern. Und weil gleichzeitig der Bereich der klassischen Textilaufbereitung - Bügelfalten, Krawatten, gestärkte Hemden - gesellschaftlich an Bedeutung verliere, werde man sich in Zukunft sicherlich noch mehr auf Themen wie Retourenmanagement, Kommissionierung und Onlineverkauf setzen. Außerdem berate man immer mehr Textilunternehmen schon vor der Produktion, wie man Fehler vermeiden kann. "Der Textilsektor ist ein schnelllebiges Geschäft", sagt Yasar Thomas. Nicht zuletzt daher sei er 2008 im allerletzten Moment davon abgerückt, eine bis zu zehn Millionen Euro teure, große Firmenzentrale am Reststrauch zu errichten.

Dort ist der Hauptsitz von IQS, die Lager befinden sich an der Kar- und der Süchtelner Straße. Die Verwaltung sitzt an der Hehner Straße; bis zu drei Millionen Einzelteile durchlaufen die vier Standorte pro Jahr insgesamt. Die Kunden sind zum Großteil namhafte Retailer, "mit 60 bis 70 Prozent arbeiten wir seit mehr als zehn Jahren zusammen", sagt Ugur Erol. Schon wer an der Hehner Straße durch die Hallen geht, kommt nicht umhin zu staunen, wie groß die Bandbreite der angebotenen Dienstleistungen ist. Hier hängen zu prüfende Männerlederjacken, die es im Winter in einem großen Bekleidungsunternehmen zu kaufen geben wird. Dort werden Blusen auf "Dämpfpuppen", Beinkleider im "Hosentopper" und Jacken im "Tunnelfinisher" knitterfrei und schick gemacht. Ein Dorn im Auge ist den Textilexperten, dass es - trotz entsprechender Gespräche mit der Hochschule Niederrhein in der Vergangenheit - kein Textilprüfinstitut in der Stadt angesiedelt habe. "Wenn wir chemische Prüfungen machen, etwa um Schadstoffbelastungen festzustellen, müssen wir das weit weg schicken", so Erol.

2002 wurde für den Film "SuperTex", die Kinoversion des gleichnamigen Romans von Leon de Winter, bei IQS gedreht. 2005 bereitete IQS binnen kurzer Zeit 4500 Messgewänder für den Weltjugendtag auf. Und 2016? Vor Kurzem wurde das 20-jährige Firmenbestehen gefeiert. "Ich wollte keine Geschenke, lieber etwas spenden", sagt Yasar Thomas, der seinen 60. Geburtstag gleich mit feierte. Dabei kamen rund 3000 Euro für die Nepalhilfe und die Rumänienhilfe der Franziskanerinnen Salzkotten zusammen.

Quelle: RP
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