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Mönchengladbach
Dorf mit 14 Einwohnern und vier Häusern

Mönchengladbach: Dorf mit 14 Einwohnern und vier Häusern
Ab Mai blühen hier schöne Blumen. Wer will, kann sich bedienen. Das Geld fürs prächtige Gebinde wirft der Selbstpflücker in den Briefkasten von Bauer Pflipsen gleich gegenüber. FOTO: ISABELLA RAUPOLD
Mönchengladbach. Zu Familienfeiern ist in Grotherath immer auch die Nachbarschaft eingeladen. Belange des Dorfes werden gemeinsam ausgefochten. Für Elisabeth und Walter Pflipsen bedeutet dieser Zusammenhalt ein Stück Heimat. Von Angela Wilms-Adrians

In Grotherath kennt jeder jeden. Mit 14 Einwohnern ist die kleine Honschaft im Rheindahlener Land absolut überschaubar. Hier gibt es vier Häuser, ein immer ab Mai weithin sichtbares Blumenbeet und sogar ein Zentrum. Das liegt seitlich der Durchfahrtstraße, die zugleich die einzige Straße ist: Für den gemeinsamen Treffpunkt haben die Grotherather eine Sitzgruppe, bestehend aus einen massiven Tisch und zwei Bänken, eigenhändig gezimmert und aufgestellt. Hier stellen sie immer im Advent einen großen Weihnachtsbaum auf, den sie gemeinsam schmücken. "Bei der Sitzgruppe trifft man sich auch so immer wieder", sagt Walter Pflipsen. Für den 67-Jährigen und Ehefrau Elisabeth ist dieses Zugehörigkeitsgefühl ein Stück Heimat.

Gemeinsame Rituale haben in Grotherath ihren festen Platz: Im Frühjahr legen wieder alle Hand an beim Maibaum-Setzen, und Ende August wird eine riesige Strohpuppe als Kürbisfrau aufgestellt. Das sind die äußeren Zeichen des funktionierenden Zusammenhalts. Der ist aber auch gegeben, wenn Belange des Dorfes durchgefochten werden. Das funktioniert ebenso, etwa, als es Ärger wegen der Kanalgebühren gab. Als das Ortsschild verschwunden war, hatten die Grotherather immer wieder ein selbst gefertigtes Schild aufgestellt, bis die Stadt ein Einsehen hatte und erneut den Ortseingang kenntlich machte. Elisabeth und Walter Pflipsen sind sich einig: Wenn sich einer der Bewohner mit Sorgen oder Problemen vertrauensvoll an die Nachbarn wendet, wird ihm nach besten Kräften geholfen, soweit es irgend möglich ist. Als absolute Vertrauensperson, die 150-prozentigen Einsatz leistet, loben sie den Ruheständler Peter Rauschen.

Elisabeth und Walter Pflipsen auf dem Dorfplatz. FOTO: Ilgner

Der Bauernhof der Familie Pflipsen gehört zum "historischen" Ortsteil von Grotherath. Von den vier Kindern führt nun Sohn Andreas den Betrieb mit Milchvieh und Ackerbau in vierter Generation. Der Sohn wohnt mit seiner Familie in der früheren Wohnung der Eltern, die sich die ehemalige Scheune beim gemütlichen Innenhof wohngerecht hergerichtet haben. Elisabeth Pflipsen ist ihrem Mann zuliebe aus Nettetal zugezogen. "Heimat ist da, wo man sich wohlfühlt und nicht unbedingt da, wo man geboren ist", kommentiert sie ihre Verbundenheit mit der Honschaft, wo sie sich jetzt zuhause fühlt. Sie ist allerdings überzeugt, dass bei den erzwungenen Umsiedlungen durch Rheinbraun Dorfstrukturen wegbrechen.

Das Ehepaar pflegt die Blumenwiese, die einen kleinen Steinwurf entfernt vom Zentrum mit Sitzgruppe liegt und ihren Ursprung in einer Verlegenheitslösung hat. Ein Nachbar konnte die Parzelle nicht mehr beackern und hatte bei den Pflipsens angefragt, ob sie damit etwas anfangen könnten. Die hatten zunächst einige Sonnenblumen ausgesät. Irgendwann wurden sie von Passanten gefragt, ob die Blumen verkäuflich wären. So war bald die Idee geboren, Blumen zum Selberpflücken anzubieten. Eine Vorrichtung mit drei Lochgrößen und Preisangaben gibt Anhaltspunkte, welcher Betrag bezahlt und in den Briefkasten der Familie geworfen werden sollte. Die Erfahrungen mit der Ehrlichkeit der Kunden sind nicht durchweg positiv. Doch solange viele Menschen am Blumenbeet ihre Freude haben, für die Mühen ein kleines Salär bleibt und sie es körperlich leisten können, wollen die Pflipsens ihr Beet weiter bestellten. "Leute, die daran Spaß haben, zahlen korrekt", sagt Walter Pflipsen gelassen, und über die anderen mag er sich nicht ärgern. Seine Frau weiß, dass das Blumenfeld für etliche Menschen Entspannung und ein wenig Erholung bedeutet.

Alfred Schneider wohnt zwar jenseits des Ortsschildes an der Grotherather Straße, wurde aber eingemeindet. Und das ist gut so, denn er ist in den Augen der Pflipsens ein profunder Heimatforscher. Schneider berichtet denn auch aus dem Handgelenk, dass der Dorfname als große Rodung im Wald zu übersetzen ist, die Honschaft ursprünglich ein Ritterlehen war und im 14. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt ist. Er kennt ebenso die Geschichte des Geschwisterpaares, dass für die Ortserweiterung verantwortlich ist. Die Geschwister hatten 1909 ein Grundstück geerbt, zu gleichen Teilen bebaut und ausgelost, wer in welches Haus ziehen sollte. "Da war Grotherath mit einem Schlag um Hundert Prozent größer", erzählt Schneider vergnügt. Vergnügen bereitet ihm bis heute der Aprilscherz eines "Heinzelmännchens", das die von Voosen kommende Straße in "Elisabeth-Pflipsen-Allee" und die andere Seite in "Walter-Pflipsen-Allee" umbenannte. Die Geschichte habe sogar im "Landboten" gestanden, sagt Schneider. Mit Tochter Barbara hat er drei Jahre in Folge einen Grotherather Kalender herausgegeben. "Das ist auch Heimat", sagt Elisabeth Pflipsen, die die Kalender als kleinen Schatz hütet und nicht missen mag. Die Seite vom November 2015 zeigt zum Beispiel alle Bewohner. Festgehalten sind ebenso Impressionen und Aktionen, wie der gemeinsame Weihnachtsbaum und die Kürbisfrau.

Quelle: RP
 
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