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Mönchengladbach
Drei Jahre Martyrium: Wenn eine Frau aus Angst bleibt

Mönchengladbach: Drei Jahre Martyrium: Wenn eine Frau aus Angst bleibt
Reden hilft: Marie sitzt mit Sozialarbeiterin Larissa Büchel (l.) zusammen. Ihr kann sie sich anvertrauen, über das sprechen, was sie erlebt hat. FOTO: isabella raupold
Mönchengladbach. Marie wurde von ihrem Freund verprügelt. Immer wieder. Bis sie es nicht mehr aushielt. Von Nicole Scharfetter

Es war an einem Montag, als Marie nach Gladbach kam. Kein schöner Tag damals - es regnete aus Kübeln, nichts zu spüren vom Spätsommer. Aber das interessierte Marie nicht. Und viel mehr weiß sie auch nicht mehr von jenem Montag. Marie war einfach froh, in Sicherheit zu sein. Marie, deren Namen wir zu ihrem Schutz geändert haben, ist geflohen. Vor ihrem Freund. Sie ging zuerst in ein Frauenhaus im Ruhrgebiet - dort fand ihr Ex sie. Dann kam sie nach Gladbach, in die Einrichtung des Sozialdienstes Katholischer Frauen (SKF), wo Sozialarbeiterin Larissa Büchel und Erzieherin Annette Nolten sich um Marie kümmerten.

Drei Wochen sind vergangen, die Wunden geheilt. Zumindest die sichtbaren in ihrem Gesicht. Marie scheint eine typische 25-Jährige zu sein, die ihre Haare zu einem wilden Dutt hochgesteckt hat, mit getuschten Wimpern und Rouge auf den Wangen und die gern im Minto shoppen geht. Marie kann sogar wieder lachen - zumindest oberflächlich. Tief in ihr drin sieht es vermutlich ganz anders aus. Marie ist eine junge Frau, die wie so viele andere Frauen auch, Opfer häuslicher Gewalt geworden ist. Dabei schien doch erstmal alles so gut zu sein, als Marie den Mann kennenlernte, der sie später immer wieder erniedrigen, schlagen, verprügeln sollte.

Marie ging auf den Strich. "Ich bin da irgendwie reingeraten", sagt sie. Zwar wussten die Eltern von Maries Arbeit - dass ihre Tochter das Ganze anfangs nicht freiwillig machte, davon erzählte Marie nie etwas. Marie wurde von einem Zuhälter gezwungen, als sie 19 Jahre alt war. Natürlich hätte sie die Polizei einschalten können, natürlich hätte sie sich an Streetworker wenden können. Aber Marie war erst 19. Und sie hatte Angst. Angst davor, dass der Zuhälter ihr etwas antun könnte. Angst davor, dass er ihrer Familie schadet.

Irgendwann floh Marie vor ihm, fing in einem Puff an, weit weg von dem Ort, wo alles begann. Wo sie fair bezahlt wurde und man auf sie geachtet hat. Dort lernte sie ihren Ex-Freund kennen - den Prinzen, der ihr das Leben rettete, den Prinzen, der sie von der Straße holte. Fast wie in Pretty Woman. Anders als in Hollywood gehen solche Geschichten im wahren Leben meistens nicht mit einem Happy End aus. Obwohl Marie das immer gehofft hat.

Als Marie schwanger wurde und ihrem Freund davon erzählte, schlug er sie zum ersten Mal. "Er hat mir eine Backpfeife verpasst", sagt sie. Für Marie ein Ausrutscher - sie blieb bei ihm. "Er hat auch seine guten Seiten", sagt Marie auch heute noch. Die meisten Frauen glauben das. "Häufig sagt er, er ändert sich", weiß Larissa Büchel. Irgendwann überwogen aber die schlechten Seiten, die nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes immer mehr zum Vorschein kamen. Von da an schlug er Marie immer wieder, mal verprügelte er sie mit dem Staubsagerrohr, mal schlug er ihr das Gesicht blutig - "und das vor dem Kind", sagt Marie. Die Gründe für seine Ausraster wurden immer absurder. Das letzte Mal hatte Marie den falschen Reiniger benutzt, als sie das Sofa schrubben wollte.

Schon einmal war Marie soweit, ihren Peiniger zu verlassen. Sie zeigte ihn sogar an. "Das war im Februar 2014", erinnert sich die 25-Jährige. Er drohte ihr damals mit einem Messer. Doch Marie zog die Anzeige zurück, weil sie fürchtete, der Freund würde ihr das Kind wegnehmen, sich mit dem Sohn in die Türkei absetzen. "Ich bin aus Angst geblieben." Und weil sie kein Geld hatte: "Er nahm mir immer meine Bankkarte weg." Genau diese Abhängigkeit ist oft der Grund für Frauen, dass sie bleiben oder zurückgehen, sagt Annette Nolten. "Wenn man vor einem Leben ohne Partner steht, kann das genauso beängstigend sein", ergänzt Büchel. Deshalb würde die Sozialarbeiterin auch nie urteilen über Frauen, die wieder nach Hasue gehen. "Wir hoffen nur, dass die Frauen dann wissen, wo sie Hilfe bekommen, wenn es wieder passiert", sagt Larissa Büchel.

Für das Frauenhaus-Team ist die Geschichte von Marie eine von vielen. "Natürlich gibt es Tage, an denen ich geschockt bin", sagt Annette Nolten, die seit 23 Jahren für den SKF arbeitet. Zum Beispiel, wenn Kinder geschlagen werden oder völlig hilflos vor ihr stehen. Maries Sohn ist erst drei Jahre alt, und trotzdem hat er schon vieles, was zu Hause passiert ist, mitbekommen. "Neulich boxte er mit seinen kleinen Händen und sagte immer ,Baba macht Mama Aua'", erzählt die Erzieherin. "Wir dürfen die Probleme aber nicht zu unseren machen", sagt Büchel. Andererseits bleibe so viel Gutes, Kontakte zu Frauen, die bei Nolten und Büchel Unterschlupf gefunden haben, die manchmal nur für ein paar Tage geblieben sind, manchmal fast ein Jahr, die heute ein eigenständiges Leben führen. Inzwischen bietet der SKF wieder die nachgehende Beratung an, "damit unser Angebot nicht abrupt endet", sagt Büchel.

Ein eigenständiges Leben wünscht sich Marie auch. "Ich will mein Leben einfach wieder leben können", sagt sie. Einen vernünftigen Beruf lernen, vielleicht in der Gastronomie. Und natürlich eine Wohnung finden und eine gute Mutter für ihren drei Jahre alten Sohn sein. Ihre Wünsche sind bescheiden, aber ihr Blick ist entschlossen in dem Moment, als sie an die Zukunft denkt. Marie will es schaffen. Marie wird es ganz sicher schaffen.

Quelle: RP
 
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