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Mönchengladbach
Drei Syrer stemmen eine Fahrradwerkstatt

Mönchengladbach: Drei Syrer stemmen eine Fahrradwerkstatt
Das kleine Team aus syrischen Männern hilft am Römerbrunnen ehrenamtlich. FOTO: Ruth Hobus
Mönchengladbach. Ein Besuch in der Werkstatt St. Paul Mülfort, in der besonders Bedürftige im Umfeld des Römerbrunnens mobil gemacht werden. Ein kleines Team aus syrischen Männern hilft dort ehrenamtlich. Von Ruth Hobus

Es geht in Zeiten von AfD-Wahlerfolgen schnell unter, doch die Flüchtlingswelle im Sommer 2015 hatte noch eine ganz andere Welle zur Folge: eine der Hilfsbereitschaft nämlich. Unzählige Bürger stampften spontan ehrenamtliche Initiativen aus dem Boden. 

Es war zu dieser Zeit, als Manfred Buntfuß aus einem ausgelaufenen Projekt 20 gebrauchte, reparaturbedürftige Fahrräder angeboten wurden. Zugleich gab es im Pfarrhaus St. Paul an der Altenbroicher Straße freie Kellerräume. Und am Römerbrunnen, wo viele Bedürftige wohnen, bestand immer Bedarf an Rädern für kleines Geld.

Die Gleichung war einfach: Fahrrad + Keller + Bedürftige = Fahrradwerkstatt für Bedürftige. Also holte sich Buntfuß vom Kirchenvorstand St. Paul Mülfort die Unterstützung und gründete eine Werkstatt, in der die alten Räder verkehrstüchtig gemacht und dann für einen ganz kleinen symbolischen Preis an die Bedürftigen der Gemeinde (GdG Giesenkirchen-Mülfort) abgegeben werden sollten.

Über das Bürgerzentrum Römerbrunnen und Leiter Toni Trapp suchte er Kontakt zu potenziellen Mitstreitern unter den Bewohnern des Römerbrunnens. Schnell hatte er ein kleines Team aus syrischen Männern beisammen, die seither ehrenamtlich helfen. Seit Ende 2015 wird regelmäßig gemeinsam geschraubt. Rund 100 gespendete Räder konnten seither fertiggestellt und weitergegeben werden. Ist mal eines defekt, wird es in der Werkstatt in St. Paul auch zum Selbstkostenpreis repariert.

Abdalnafe Arfali ist seit Sommer 2015 in Deutschland, er war endlose Tage mit Frau und drei Kindern aus Syrien zu Fuß unterwegs. In seiner Heimat war er Aufzugstechniker, und wenn man ihn beim Schrauben an dem Rad sieht, das im Keller des Pfarrhauses von der Decke hängt, erkennt man die ruhige, erfahrene Hand. Er wartet noch - auf Anerkennung, auf Deutschkurse, auf eine Perspektive. Seine Kinder gehen zur Schule, lernen viel und bekommen gute Beurteilungen, das macht ihn froh. Untätig zu sein ist nicht seine Welt, deswegen macht er sich gern bei den anderen Bewohnern im Römerbrunnen nützlich, man kennt ihn dort als hilfsbereiten Mann für alle handwerklichen Aufgaben.

Sein Freund Masud Ali und er erzählen gemeinsam von den Fahrrädern am Römerbrunnen: "Anfangs wurden viele geklaut. Aus Not, und weil man davon einfach ausging, dass sie ja auch geklaut waren. Seit wir die Werkstatt haben und ordentliche Räder billig anbieten können, ist es viel besser." Sie markieren die Räder, machen ein Bild vom neuen Besitzer und dem Rad und stellen so einen Eigentumsnachweis aus: "Damit haben wir schon manchen Dieb überführt. Das spricht sich rum, und jetzt wird kaum noch geklaut."

Ali kommt ebenfalls aus Syrien, er betrieb dort Restaurants und Kiosks. Im Bürgerkrieg wurde alles zerstört, wovon die Familie lebte. Für alle drei war nicht genug Geld da, also machte sich Ali allein auf die Balkanroute. Er hatte Glück, kam unversehrt im März 2015 an und hat inzwischen auch seine Anerkennung als Kriegsflüchtling erhalten. "Ich habe so viele Sorgen. Meine Frau ist schwer krank, ich möchte sie gern herholen, aber es klappt nicht - die Bürokratie!" Im Moment arbeitet er stundenweise als Aushilfe in einem Imbiss, doch das reicht nicht. Ein Garten- und Landschaftsbauer hätte ihn zuletzt zwar genommen - "aber wegen der Arbeitszeiten und Einsätze in anderen Städten hätte ich nicht mehr zum Deutschunterricht gehen können. Und die Sprache zu lernen, ist erst mal das Wichtigste." Er wolle richtig arbeiten, kein Geld vom Jobcenter mehr bekommen - "das brauchen andere dringender". Ahmad Brzani ist der dritte Syrer im Bunde. Er lebt seit Anfang 2015 in Deutschland. Er ist alleinstehend und muss sich um keinen Sorgen machen - ist aber auch einsamer als die beiden Familienväter. Er war Maler und wartet auch noch auf seine Anerkennung und darauf, dass es für ihn weitergeht. Es spricht ähnlich gut Deutsch wie Ali, ist etwas stiller, aber ebenso engagiert. Wie die beiden anderen ist auch er über die Fahrradwerkstatt hinaus noch drei Mal in der Woche mit helfender Hand dabei, wenn im Pfarrhaus das "Paul(l)ädchen" geöffnet ist, wo Lebensmittel an Bedürftige ausgegeben werden.

Quelle: RP
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