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Serie Denkanstoss
Drei - Zwo - Eins - Los!

Mönchengladbach. Hektik macht genaues Hinsehen und Hinhören unmöglich: Darüber schreibt heute Ulrich Clancett. Von Ulrich Clancett

Ja, heute geht es wieder los. Das gefühlte "Jahres-End-Rennen". Und in diesem Jahr noch besonders hektisch dazu - schließlich haben wir die kalendarisch kürzest-mögliche Adventszeit, nachdem es im vergangenen Jahr die längst-mögliche war. Wie soll das alles nur zu schaffen sein. Denn ganz plötzlich taucht auch in diesem Jahr am 25. Dezember Weihnachten vor uns auf. Unerwartet. Und doch wieder mit der gleichen Geschichte: Mann, Frau, Kind, Stall, Ochs. Esel, Hirten und Engel. Eigentlich alles wie immer.

Die Geschichte von Weihnachten und die Hektik, die sich - leider Gottes - wieder rund um die eigentlich so besinnlichen Tage zum Jahresende einstellt. Was es da nicht noch alles zu erledigen gibt. Doch Vorsicht - in diesem Jahr machen uns viele Händler auch noch zusätzlich einen Termin-Strich durch unsere eh schon knappe Rechnung - und lassen den Laden am Heiligabend zu. Einfach so - weil er auf einen Sonntag fällt.

Nein, Sie werden jetzt nicht von mir lesen: Nimm Dir doch mal eine kurze Auszeit im Advent, das tut gut, das entspannt... Denn das sollte eigentlich längst jeder begriffen haben. Mir geht es darum, in dieser Zeit der Hektik noch einmal genau hinzusehen - auf die Menschen, die nicht an der Hektik teilhaben, weil sie sich das gar nicht leisten können. Oder weil sie vereinsamt und verloren durch die Straßen laufen und ohne Verständnis dem hektischen Treiben von außen zuschauen. Weil sie etwa mit dem Fest nichts anfangen können. Oder weil ihnen ihr Sinn für ein schönes Leben abhandengekommen ist. Weil eine Katastrophe, gleich welcher Art, in ihr Leben eingebrochen ist. Menschen, die einfach traurig sind und nichts mehr von ihrem Leben erwarten. Ich sage Ihnen: Da gibt es viel zu sehen und zu entdecken - weit mehr, als auf jedem Weihnachtsmarkt. Da gibt es viele Anknüpfungspunkte, an denen unser Leben als Mensch unter Menschen ganz konkret und handgreiflich wird. Viel mehr, als alle rührseligen Weihnachtsshows im Fernsehen je zu zeigen vermögen. Und das alles in unserer unmittelbaren Umgebung. Da brauchen wir auch nicht in ferne Länder zu reisen - das Elend auch in unserer Gesellschaft springt und förmlich an. Auch jetzt, zum Jahresende, an dem so manches in einer Orgie von Geschenkpapier zu ersticken droht.

Wie wäre es, wenn wir uns ganz ruhig auf den Weg in die kommenden Wochen machten, all' das am Rand unseres Lebensweges zu entdecken und wirklich ernst zu nehmen. Und da kommt es nicht auf Vollständigkeit an. Eine solche Entdeckung reicht schon. Sich damit intensiv zu beschäftigen, füllt aus. Mehr als zentnerweise Adventsplätzchen und Marzipan-Kartoffeln zusammen. Die müssen auch sein - klar. Dennoch: Lassen wir uns vom künstlichen Lichterglanz dieser Tage nicht blenden - übersehen wir die wahren Themen nicht und tragen so mit dazu bei, dass uns das, was der Politik auch in wochenlangen Verhandlungen oft nicht glückt, unter uns ein kleines Stückchen Wirklichkeit wird. Eine Welt, wie wir sie uns träumen: Gerecht und friedlich, menschen- und tierfreundlich, mit einer blühenden Umwelt und Menschen, die sich gegenseitig das Gute suchen. Und damit aus diesen Träumen ein wenig Wirklichkeit wird, können wir, jeder für sich, durch genaues Hinsehen und -hören mit Augen, Ohren und vor allem dem Herzen, das unsrige dazu beitragen. Die drängenden und mahnenden Bibeltexte, die die Adventszeit begleiten, können dabei helfen, wenn sie uns zur Wachsamkeit mahnen und flehentlich bitten: Reiß' doch den Himmel auf. Hektik macht das genaue Hinsehen und Hinhören unmöglich. Und damit auch den Weg in eine bessere Welt. Vielleicht renne ich nicht einfach auf das Kommando "Drei - Zwo - Eins!" blind los in diese Wochen. Es könnte sich lohnen - für ein schönes Fest, vielleicht mit Menschen, die mir durch mein genaues Hinsehen und -hören aufgefallen und ans Herz gewachsen sind.

DER AUTOR IST REGIONALDEKAN UND PFARRER IN JÜCHEN:

Quelle: RP
 
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