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Mönchengladbach
Ehemalige Heimkinder gründen Verein

Mönchengladbach. Um mehr Anerkennung zu erlangen und Gehör zu finden, haben Betroffene die 1. Community e.V. gegründet. Es geht aber nicht nur darum, eine Entschädigung aus dem Bundesfonds zu erhalten, sondern um praktische Alltagshilfen. Von Inge Schnettler

Er hätte seine Vergangenheit verdrängen können - tat es aber nicht. Er hätte sich ausschließlich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern können - tat es aber nicht. Uwe Werner, der direkt nach seiner Geburt am 4. Juni 1952 ins Vinzenz-Kinderheim in Bochum gebracht wurde, hat Schlimmes erlebt. In dem katholischen Haus lebten damals um die 250 Mädchen und Jungen - unehelich geboren, oft Kinder von Soldaten. Es wurde geprügelt. Die Kinder wurden mit der Peitsche gestraft, bei der geringsten Kleinigkeit wurde mit dem Kleiderbügel zugeschlagen. Uwe Werner ist bis heute traumatisiert. Aber er ist auch ein Kämpfer. Er hat mit den Behörden gerungen, ungezählte Formulare ausgefüllt und es tatsächlich geschafft, eine Entschädigung aus dem Hilfsfonds Heimerziehung zu bekommen.

2010 hatten Staats-, Kirchen- und Opfervertreter nach langen Verhandlungen an einem runden Tisch zur Aufarbeitung von Misshandlungen in Kinderheimen einen Hilfsfonds initiiert. Die Leiterin des Gremiums, die frühere Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer, sprach sich damals für einen "Hilfsfonds Heimerziehung" in Höhe von insgesamt 120 Millionen Euro aus. Uwe Werner hat feststellen müssen, wie schwierig es ist, die bürokratischen Hürden zu überwinden. "Dabei geht es für jeden Antragsteller gerade einmal um 10.000 Euro", sagt er. Die Bewerber müssen sich um schriftliche Nachweise über ihre Vergangenheit als Heimkinder bemühen, was oft nicht einfach ist. Sie müssen detailliert über ihre Erlebnisse in den Heimen berichten - und das, obwohl sie ohnehin traumatisiert sind. Nach dieser Erfahrung bot er seinen Leidensgenossen Hilfe an. Er unterstützt sie beim Formulieren der Anträge und begleitet sie bei Behördengängen.

Und jetzt hat er einen Verein gegründet - die 1. Community Mönchengladbach e.V. - eingetragen beim Amtsgericht unter der Kennung VR 5152 AG Mönchengladbach. "Wir hoffen, mit diesem Schritt zu mehr Anerkennung zu gelangen und auch mehr Gehör bei den Trägern der damaligen Kinderheime, der Politik und der Bevölkerung zu erlangen", sagt Uwe Werner, der gemeinsam mit Heinrich Müsch und Jürgen Oldenburg den Vorstand bildet. Community haben sie ihren Verein genannt, weil "wir uns als Gemeinschaft in der Kommune fühlen".

In seiner Appartement-Wohnung hat er jeden einzelnen Fall säuberlich abgeheftet. So wie den von Hermann-Josef Humeny, der kurz nachdem er nach zähem Ringen 9500 Euro aus dem Fonds erhalten hatte, starb. "Mir sterben die Leute weg", sagt der Vereinsvorsitzende. Zu langwierig, zu aufwendig und zermürbend sei der Verwaltungsweg. "Die 10.000 Euro bekommt niemand einfach so geschenkt", sagt Werner. Jeder Antragsteller muss einen Wunschzettel einreichen. Dieser geht zur Bundesanstalt für familiäre und gesellschaftliche Aufgaben in die sogenannte Schlüssigkeitsprüfung. Wenn die positiv erfolgt ist, darf der Antragsteller einkaufen - und zwar genau das, was er Wochen vorher aufgelistet hat.

Aber nicht nur die Behördenbegleitungen leistet der Verein. "Wir begleiten die Betroffenen auch im Alltag", sagt Heinrich Müsch, der für alles Handwerkliche zuständig ist. Jetzt steht beispielsweise eine "Putzparty" bei einem Mitglied an. "Der arbeitet zehn bis zwölf Stunden am Tag. Dessen Knie tun es nicht mehr", sagt Werner. Abends fehle es ihm an Kraft, seine Wohnung in Ordnung zu halten. Deshalb wird das Putzkommando unter Heinrich Müsch antreten, um die Wohnung einmahl richtig auf Vordermann zu bringen. "Dann hat der arme Kerl mal Ruhe - wenigstens für einige Zeit."

Quelle: RP
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