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Mönchengladbach
Ein altes Schulheft als Spiegel der Zeit

Mönchengladbach. Die Autorin ging in den 1940er-Jahren in Obereicken zur Schule. Diktate waren politisch gefärbt und sehr unbeliebt. Von Hildegard Huppertz

Vor mir liegt ein Schulheft aus dem zweiten Schuljahr 1943. Das Papier war damals knapp. Ein Kilo Altpapier musste man gesammelt haben, um ein neues Heft zu bekommen. Aber es gab fast nichts mehr. Und alte Zeitungen, falls sie überhaupt vorhanden waren, benötigte man für "hinterlistige Zwecke", wie es die Erwachsenen nannten.

Die Texte in dem alten Heft sehen etwas gewöhnungsbedürftig aus, denn eine leere Zeile zwischen den einzelnen "Klassenarbeiten" freizulassen, das wäre reine Papierverschwendung gewesen. Das war einfach unmöglich! Die Nachschriften (Diktate) sind also lückenlos aufeinanderfolgend geschrieben. Heute liest sich das dann an einer Stelle zum Beispiel so: "Der Kampf um Stalingrad ist zu Ende. Sie haben ausgehalten bis zum letzten Atemzug. Sie haben gekämpft bis zur letzten Patrone. Sie starben für uns. Nie werden wir sie vergessen, die Helden von Stalingrad. Mutter hat ihr altes Kleid aufgetrennt. Die Lappen hat sie gewaschen und gebügelt. Dann kam die Näherin ins Haus. Sie machte mir ein schönes neues Kleidchen daraus. Mutter stickt noch bunte Blümchen darauf. Mein neues Kleid ist ganz billig. Es kostet keine Punkte und wenig Geld."

Unsere Lehrerin Fräulein Steinweg hat die Beurteilung, um Platz zu sparen, an den äußeren Rand geschrieben. Über die Note habe ich mich sicher gefreut, aber meine Fragen wurden nie beantwortet. Warum musste in diesem seltsamen Stalingrad jemand für mich sterben? Warum sollte eine Näherin in das Haus kommen? Der Vater war tot, das Geld knapp. Die Mütter machten alles selbst, man half sich. Die eine Mutter konnte Stoff besorgen, die andere besaß eine Nähmaschine und nähte. Meine Freundin und ich wurden aus einer solch guten Zweckgemeinschaft heraus über Jahre wie Zwillinge gekleidet. Uns hat das gefallen. Alte Stoffreste hoben wir auf, selbst kleinste Stücke reichten für Puppenkleider. Wir sammelten und verarbeiteten wirklich alles, was uns in die Hände kam. Unsere "Kreativkurse" fanden im Luftschutzkeller statt.

An einer anderen Stelle im Heft heißt es: "Die toten Soldaten haben ihr Haus mit Rasen gedeckt. Sie ruhen im Schoße der Erde aus, bis Gott sie weckt. Die Sterne am Himmel halten Wacht, und keine Trommel geht. Die Engel kommen zur Mitternacht und sprechen ein Gebet. Sie bringen aus der fernen Stadt die Blumen rot und blau." Am Rand steht mit Rotstift: "2+". "Der April tut was er will. Jetzt schickt er Sonnenschein. Dann kommt er mit Regen. Gestern war es richtig warm. Heute ist es bitterkalt. Nun scheint die Sonne schön. Alle Leute gehen aus. Auf einmal schüttet der April Regenschauer über sie. Dann kommt wieder die Sonne. Sie lacht die nassen Leute aus." Was haben wir uns wohl bei solchen Texten (den Lehrern damals vorgegeben) gedacht? Wahrscheinlich gar nichts, wir mussten nur "funktionieren". Und das taten wir.

Bei "Alarm" zum Beispiel rannten wir los, jeder dahin, wohin er zugeteilt war. Ich musste in den "Luftschutzkeller bei Brigitte". Der war in einem Haus an der Bozener Straße und der Weg dahin war im Ernstfall für ein Kind weit! Als die Lage immer gefährlicher wurde, holte mich meine Mutter oft an der "Alsschule" ab, damit ich heil nach Hause kam. Einmal suchten wir an der Straßenbahnhaltestelle "E-Werk" Schutz vor einem Tiefflieger und da stand ein kleines Mädchen, auf dessen Mantel ein gelber Stern leuchtete. Ich bin darauf zugelaufen und habe gerufen: "Der ist aber schön, so einen möchte ich auch haben". Die beiden Mütter schauten sich schweigend an. Was war da los? Sie sprachen dann leise miteinander, meine Mutter nahm mich zur Seite und flüsterte, das sei ein ganz armes Kind. Wie konnte jemand, der in dieser Zeit einen warmen Mantel und einen solchen Stern hatte, arm sein? Warum sprachen die Erwachsenen so leise miteinander? Spielte hier dieser "Führer" eine Rolle?

Es konnte etwas nicht stimmen! Was war los mit diesem "Führer", von dem wir ständig hörten, über den wir schreiben mussten und der immer irgendwo im Hintergrund stand? Seinetwegen bekam ich bereits beim "Aufsteigen" von der ersten Klasse in dieses zweite Schuljahr richtigen Ärger. Wir waren im Herbst 1941 eingeschult worden, die Mädchen in "Obereicken", die Jungen in der "Als", und jetzt sollte ich mich für die Versetzung bei dem "Führer mit einem Lied bedanken". Ich kannte ihn doch gar nicht, und da gab es auch noch das sichere Gefühl: zu Hause mochte man den auch nicht. Aber das Deutschlandlied habe ich tapfer "zum Dank" gesungen, den rechten Arm hoch erhoben. Und er wurde immer schwerer und müder und dann schloss sich auch noch etwas an, das begann mit "Die Fahne hoch" und das kannte und konnte ich nicht. Deshalb musste ich anschließend so lange in der Schule bleiben, bis ich den Text fehlerfrei aufsagte. Das war mein erstes "Nachsitzen". Als ich weinend und sehr spät nach Hause kam, nahm mich die Oma an die Hand und sprach sehr ernst: "Dass du das nicht konntest, darauf darfst du sehr stolz sein!" Aber wer konnte das verstehen?

Was hatte der "Führer", bei dem wir uns bedanken mussten, denn für uns getan? Er hatte nur angeordnet, dass bei Bombenalarm nach Mitternacht der Unterricht am nächsten Morgen erst um 10 Uhr beginnen durfte. Ja und? War man dann nicht mehr müde? Waren die Ängste damit auch fort? Hatte man schon die Trümmer vergessen, an denen man auf dem Schulweg vorbeigekommen war? Warum wurden wir weggeschickt, als wir an den brennenden Häusern vorbeikamen und vor unseren Augen die Bewohner aus den Kellern geholt wurden? Wo waren die Kinder, die am Morgen in der Klasse fehlten?

Manches von dem taucht wieder in der Erinnerung auf, wenn wir am ersten Samstag im Monat bei dem "Probealarm" die Sirenen in allen bekannten Variationen heulen hören. Vieles verstand ich erst, als ich älter war. Da hoffte ich ganz fest, dass für das kleine Judenmädchen aus dem "schönen" Stern noch ein "guter" Stern geworden war.

Quelle: RP
 
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