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Mönchengladbach
Ein Dorf und das Ende der Welt

Mönchengladbach: Ein Dorf und das Ende der Welt
Die Dorfbewohner gehen auf Distanz zu Grace, gespielt von Esther Keil. In der Krefelder Aufführungsserie hatte Nele Jung (rechts) diese Rolle. Die Schauspielerin befindet sich derzeit in Mutterschutz und kann daher nicht mitwirken. FOTO: Stutte
Mönchengladbach. Lars von Triers Film "Dogville" gelangt ins Mönchengladbacher Theater: Matthias Gehrt inszeniert ein großes, moralisches Ensemblestück auf der Bühne von Gabriele Trinczek. Premiere ist am Samstag. Von Armin Kaumanns

Grace bedeutet Anmut, aber auch Gnade. In Lars von Triers großem Film "Dogville" trägt die Hauptperson diesen Namen: die Frau, die in dieses hinterletzte Dorf in den Rocky Mountains flieht, gehetzt von dubiosen Mächten, und in Tom einen Menschen findet, der sie bindet, in die Dorfgemeinschaft integrieren will. Die sich entspinnende Geschichte sieht Matthias Gehrt, Schauspieldirektor am Gemeinschaftstheater, als "Superthema", führt sie doch vor, wie eine menschliche Gemeinschaft - angesiedelt mitten in der Weltwirtschaftskrise der frühen 1930er-Jahre, geprägt von christlichen Werten - mit einer Fremden umgeht. "Wir erleben Archetypen menschlichen Daseins", sagt Gehrt und ist fasziniert von Lars von Triers Idee, "Dogville" auf einer Art Tablett spielen zu lassen, auf dem die Requisiten, Häuser, Wände, Türen wie auf einer Probebühne nur markiert sind. Das Leben als Versuchsanordnung. Darüber ein Erzähler als Conférencier des zunehmenden Grauens. Abstrahiert auf brecht'sche Dimensionen. "Wir sind nicht die Ersten, die den Stoff fürs Theater adaptiert haben", sagt Gehrt, der in Gabriele Trinczek eine erfahrene Bühnenbildnerin zur Seite steht, die die faszinierenden Perspektivwechsel des Films auf eine steile Schräge projizieren musste. "Alle spielen gleichzeitig, das bedeutet für die Schauspieler volle Konzentration", erklärt sie. Sie schaut per raffinierter Bühnentechnik aus verschiedenen Perspektiven auf das Dorf, aus dem keine Straße hinausführt als die, über die man gekommen ist. "Dahinter: das Eigentliche", philosophiert der Regisseur Matthias Gehrt.

Denn es geht um zutiefst menschliche, moralische Fragen in diesem Stück. Grace wird zunächst zur Gemeinschaftsarbeit genötigt, später gezwungen und dann, als bekannt wird, dass sie polizeilich gesucht wird, offen gedemütigt, gar vergewaltigt, wie ein Tier gehalten. Jeder in dieser kleinen, von christlichen Motiven durchdrungenen Welt macht sich schuldig, jeder wird am Ende umgebracht. Von Grace, von ihrem Vater, der ein Verbrecher ist. Grace, die Gnade, löscht am Ende auch Tom aus - damit die Welt besser werde? Nur der Hund von Dogville, Moses, überlebt. "Es geht um die Maßstäbe menschlichen Handelns. Und das führt Lars von Trier großartig vor", meint Gehrt. Er ist stolz, dass die Arbeit seines Teams nach der Krefelder Aufführung sogar einen Oscar der RP erhalten hat.

Für Mönchengladbach verspricht er einen mitreißenden Theaterabend, bei dem neben Esther Keil und Jonathan Hutter in den Hauptrollen auch Intendant Michael Grosse als Erzähler zu erleben sein wird. Und dann sagt Gehrt noch: "Man hat was zum Knabbern, wenn man nach Hause geht."

Quelle: RP
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