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Serie Was Macht Eigentlich?
Ein ganzes Leben für den Radsport

Serie Was Macht Eigentlich?: Ein ganzes Leben für den Radsport
Sechsmal ist Heinz Theisen die "Jagd in der Nacht" gefahren. FOTO: HT
Mönchengladbach. Am 2. Juli ist Mönchengladbach Teil des berühmtesten Radrennens der Welt: Die Tour de France führt durch die Stadt. Unter den Zuschauern wird auch Heinz Theisen sein - ein Gladbacher Radsportidol und mit 82 Jahren auch heute noch ein bisschen in seinem Sport dabei. Von O. E. Schütz

Am 30. Oktober 1948 hat er sein erstes Straßenrennen gewonnen, in seiner Vaterstadt Mönchengladbach. Da war Heinz Theisen 13 Jahre alt. 39 Jahre später, am 19. Mai 1997, landete er bei einem mit lauter Weltklasse-Fahrern besetzten Derny-Rennen in Amsterdam um ein Haar für immer im Rollstuhl: Theisen jagte als "Schrittmacher" für Erik Zabel auf dem Motorrad über die Strecke, als ihn ein durch einen Reifenplatzer stürzender Konkurrent erwischte und in die Streckenbegrenzung schleudern ließ. "Da haben ein paar Millimeter gefehlt, sonst wäre ich für immer gelähmt gewesen", sagt Heinz Theisen. "Ich war fünf Tage bewusstlos und kann mich bis heute an nichts erinnern."

Seiner Begeisterung für den Radrennsport hat dies nicht geschadet. Er überwand mit der Zähigkeit, die ihn auch im Rennsattel auszeichnete, in einem zwei Jahre währenden Kampf die schweren Verletzungen an Rücken, Bein, Nacken und Kopf. Und kehrte mit 64 Jahren zurück an die Rennstrecke, fuhr auch wieder Derny-Rennen. Jetzt ist er 82 - und betreut immer noch dreimal in der Woche im Radsportforum Büttgen die größte Förderungsgruppe des Landes NRW mit gut 30 Radrennfahrern.

"Mallorca-Führer" Heinz Theisen mit Anne aus Buxtehude und Angelika aus Selb beim Pausentreff in der Hotelbar. FOTO: HT

"Die Jungs hören mir noch zu, fragen um Rat", sagt Heinz Theisen stolz. "Ich weiß immer noch etwas, was andere nicht kennen." Dahinter steht nicht nur die Erfahrung aus hunderten Rennen mit gut 400 Siegen: als Jugendlicher, als Amateur, aus fünf Jahren als Profi und schließlich als Senior, auf der Straße, auf der Bahn, bei der Vuelta Espana und bei Sechstage-Rennen. Als Einzelkämpfer, im Zweier oder Vierer. Als "Steher" und Derny-Fahrer für Spitzenleute erwarb er sich internationale Anerkennung, war zweimal Deutscher Meister mit Roland Günther. "Als ich beim ersten Titel die Nationalhymne hörte, bekam ich eine Gänsehaut" erinnert er sich. Sein letztes Einzelrennen gewann er 1983 in St. Johann in Tirol - es brachte ihm seinen dritten Titel als Weltmeister in der Seniorenkategorie Masters.

Später war Heinz Theisen als gefragter Mechaniker mit Profi-Rennställen in der Welt unterwegs, mit der deutschen Nationalmannschaft bei vier Weltmeisterschaften und bei den Olympischen Spielen 1988 im südkoreanischen Seoul. Die Nationaltrainer Udo Hempel und Gustav Kilian vertrauten auf Theisens Können und Erfahrung. Deutschlands Spitzenfahrer wie Rolf Aldag, Andy Beikirch oder Andreas Kappes, um nur einige zu nennen, haben von ihm profitiert und zugehört, wenn er immer wieder sagte: "Von nix kütt nix." Er meint damit knallharte Trainingsarbeit: "Was da heute an leistungsfördernden Mittelchen genommen werden soll, davon verstehe ich nichts." Er selbst hat bis zu 30.000 Kilometer in Training und Rennen runtergestrampelt - pro Jahr.

Volles Haus auf der Volksgartenbahn: 10.000 Zuschauer waren 1950 da. Vorne: die Gladbacher Herbert Bolten (links) und Karl-Heinz Deckers. FOTO: HB

Heinz Theisen sind Liebe zum Radsport und Talent in die Wiege gelegt worden. Der Vater arbeitete vor dem Zweiten Weltkrieg in einem großen Radsportgeschäft am Gladbacher Hauptbahnhof und eröffnete nach dem Krieg und der Rückkehr aus russischer Gefangenschaft einen eigenen Laden an der Vorster Straße in Hardt. Er förderte das Radsporttalent des Sohnes, der nach der Lehre zum Maschinenbauschlosser im Familienbetrieb half und ihn 1968 übernahm, nachdem der Vater ein zweites Geschäft in Lürrip eröffnet hatte.

Das große Geld hat Heinz Theisen im Sport nicht verdient. "Es gab bei Weitem nicht die Summen wie heute. Und ich gehörte auch nicht zu den absoluten Spitzenfahrern." So war er froh, Prämien zu kassieren oder die 800 D-Mark pro Tag bei einem Sechstage-Rennen. "Leute wie mich brauchte man, um das Feld der Spitzenfahrer aufzufüllen. Stars wie Hennes Junkermann oder Rudi Altig bekamen hingegen fünf- oder sechstausend Mark pro Tag."

Große Sprünge konnte Heinz Theisen so nicht machen. Doch er hat Geschäftssinn, baute nicht nur das Radsportgeschäft des Vaters aus, sondern erschloss später eine zusätzliche Einnahmequelle: Radsportbekleidung, professionell auf die Bedürfnisse zugeschnitten. Karl-Heinz Deckers, mit ihm und Herbert Bolten in den 50er Jahren Gladbacher Radsport-Ass, hatte die Idee gehabt. Heinz Theisen sah, dass Strick-Automaten profitabler arbeiteten als seine Frau mit ihren Helferinnen und kaufte sechs dieser Automaten. Radsportler schätzten und kauften "Thei-Sprint-Strickwaren". Heinz Theisen wurde einer der größten Produzenten Deutschlands für Radsportbekleidung - bis die noch günstiger produzierende Konkurrenz aus Asien zu stark wurde und er rechtzeitig Schluss machte.

Und er fand andere Möglichkeiten, sein Einkommen zu verbessern - und dabei auch noch Spaß zu haben. Da machte er 15 Jahre lang, von 1998 bis 2013, "bezahlten Urlaub" auf Mallorca, wie er es nannte: Ein Hotel in El Arenal engagierte ihn als Mechaniker, Radverleiher, Begleiter, Betreuer und Berater für radsportbegeisterte Urlaubsgäste. Die hörten ihm ebenso zu wie die Rennsportler im Büttgener Radsportforum, wo er von 2001 bis 2012 Hausmeister war und nebenbei auch noch Trainer. Und wo er sich heute immer noch, siehe oben, dreimal die Woche für je drei Stunden um den Nachwuchs kümmert. Sein Leben mit dem Radsport ist auch mit 82 Jahren nicht beendet.

Quelle: RP
 
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