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Serie Was Macht Eigentlich?
Ein großes Herz für Siebenbürgen

Mönchengladbach. Ilse Harff war zwölf, als sie 1948 aus dem zerbombten und notleidenden Mönchengladbach in die heile Welt Zürichs kam. Die Hilfsbereitschaft, die sie in der Schweiz ein Vierteljahr lang erlebte, ist Motivation ihres Einsatzes für bedürftige Menschen, auch heute noch mit 81 Jahren. Von O. E- Schütz

Zwölfmal im Jahr fährt ein mächtiger 40-Tonner von Mönchengladbach nach Hermannstadt. Vollgepackt mit Waren, die man hier nicht mehr haben mag, die aber sehr viele Menschen in Rumänien dringend brauchen. Ilse Harff sitzt nicht selbst am Steuer des Lkw-Ungetüms. Aber die 81-Jährige steuert aus ihrer Vaterstadt die "Siebenbürgenhilfe" des Diakonischen Werks Mönchengladbach.

Seit 30 Jahren engagiert sich die Bankkauffrau im Ruhestand in dieser 1982 gegründeten Aktion. Seit Anfang 2001 ist sie die Koordinatorin - mit gut und gerne 30 Stunden Einsatz in der Woche, auch noch mit ihren nun 81 Jahren. Und rein ehrenamtlich.

"Die meisten Menschen in Deutschland wissen gar nicht, wie gut es uns hier geht. Und welche Armut und Not es in Europa immer noch gibt", sagt Ilse Harff. Die zu lindern, das hat sie sich zur Aufgabe ihres "Ruhestands" gemacht. Was sie motiviert? "Als Kind habe ich hier in Gladbach schlimme Bombennächte erlebt, ehe wir zwangsevakuiert wurden, weil meine Mutter es nicht schaffte, mich und meine drei Geschwister beim Bombenalarm rechtzeitig in den Luftschutzbunker an der Oststraße zu bringen. Als zwölfjähriges Mädchen kam ich 1948 aus dem noch fürchterlich unter den Kriegsfolgenden leidenden Mönchengladbach für ein Vierteljahr in die Schweiz, nach Zürich, wo ich plötzlich eine heile Welt und sehr viel Hilfsbereitschaft anderer Menschen erlebte", erzählt sie. "Schon damals habe ich mir überlegt: Wenn später mal Bedürftige kommen, dann will ich etwas von dem zurückgeben, was ich als Zwölfjährige erfahren habe."

Es sollte aber dauern, bis sie dazu Gelegenheit bekam. Ilse Harff, aufgewachsen an der Viersener Straße in der Nähe des Wasserturms als Tochter eines Kaufmanns, besuchte die Mädchenrealschule, machte eine dreijährige Lehre zur Industriekauffrau, wechselte später in die Gladbacher Filiale einer großen Bank, wo sie bis zur Pensionierung Ende 1994 in der Personalabteilung arbeitete.

Die erste Möglichkeit, sich ein wenig für andere Menschen zu engagieren, bekam Ilse Harff bald in der Jugendarbeit der evangelischen Christuskirche. Mit 48 Jahren wurde sie ins Presbyterium der Friedenskirchengemeinde gewählt, war zuletzt zuständig - na klar - für die Finanzen. Und saß zwölf Jahre im Kreissynodalvorstand des Kirchenkreises Gladbach-Neuss.

Die Chance, wirklich etwas zurückzugeben von dem, was sie als Zwölfjährige in der Schweiz bekommen hatte, kam über die Mitarbeit im Diakonischen Werk Mönchengladbach der evangelischen Kirche. Dort lernte sie Rose und Georg Paulini kennen, die 1970 aus Siebenbürgen ausgewandert und in Gladbach gelandet waren. Das Ehepaar hatte 1982 noch einmal die alte Heimat besucht - und war entsetzt über die Zustände dort. Zurück in Mönchengladbach, riefen sie noch im selben Jahr mit dem damaligen Vorsitzenden des Diakonischen Werks, Felix Kassner, die Siebenbürgenhilfe ins Leben.

Ilse Harff kam 1986 dazu, half zunächst beim Packen und Versenden von Paketen mit Lebensmitteln und Kleidungsstücken nach Rumänien. Sie sah sich den Aufbau der Siebenbürgenhilfe an und reiste 1988 zum ersten Mal selbst nach Transsylvanien, um sich dort umzusehen, wie man gezielter helfen konnte. Eine gelernte und enorm einsatzfreudige Kauffrau war für die Siebenbürgenhilfe gewonnen. Die sich ab 1994 als vorzeitige Pensionärin immer intensiver kümmern konnte. Mit der "Wende" in Rumänien wie in Deutschland kamen ab 1989 immer größere Aufgaben. Und als das Gründer-Ehepaar Paulini sich aus Altersgründen aus der aktiven Arbeit zurückziehen musste, wurde Ilse Harff 2001 offiziell Koordinatorin - rein ehrenamtlich, versteht sich.

1750 Kilometer sind es von Mönchengladbach über Passau und Wien nach Hermannstadt. Ilse Harff war inzwischen 42 Mal dort. In den ersten Jahren hat sie diese Strecke in einem Bus zurückgelegt, der alles andere als komfortabel war und 40 Stunden brauchte. "Einmal bin ich beim Aussteigen hingefallen, weil meine Beine völlig steif waren", erzählt sie. Mittlerweile gönnt sich die meist dreiköpfige Reisegruppe aus Mönchengladbach zweimal im Jahr eine Flugreise.

Quelle: RP
 
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