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Mönchengladbach
Ein halbes Jahr bei den Ärmsten der Armen

Mönchengladbach: Ein halbes Jahr bei den Ärmsten der Armen
FOTO: Janssen, Franz
Mönchengladbach. RP-Mitarbeiter Franz Janßen hat sechs Monate lang in einem Kinderheim in Zentralindien gearbeitet. Hier berichtet er über seine unvergesslichen Erfahrungen. Von Franz Janssen

Was soll man tun, wenn man in einem winzigen Klassenraum vor 50 schreienden Zehnjährigen steht, deren Sprache man nicht kennt? Weglaufen? Keinesfalls! "Shanth! - Ruhe!", so viel Hindi hatte ich immerhin schon vor meiner Reise nach Indien gelernt. Trotzdem war die Sprachbarriere eine von vielen Herausforderungen zu Beginn meiner Zeit dort.

Ein halbes Jahr habe ich im Jungenheim Prem Sewa gearbeitet. Die Organisation kümmert sich um Kinder vom unteren Rand der indischen Gesellschaft. Die meisten von ihnen sind Waisen und kommen aus Slums oder völlig verarmten Dörfern. Prem Sewa ist ihr Weg aus einem gänzlich perspektivlosen Leben auf der Straße, in Baracken oder Bambushütten. Was vor drei Jahrzehnten als Missionsprojekt in einer winzigen Hütte begann, ist inzwischen fast doppelt so groß wie der Gladbacher Geropark. Mehrere Gebäudekomplexe beherbergen unter anderem zwei große Schulen, Schlafsäle, den Verwaltungsbereich und sogar ein kleines Krankenhaus. Außerdem gibt es Spielplätze und Freiflächen zum Toben. Das Heim bietet über 500 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen von fünf bis 22 Jahren ein Zuhause.

Links: Die Jungen haben nicht nur beim Unterrecht viel Energie. Rechts: So sah das Dorf 1982 aus. Inzwischen ist die Anlage doppelt so große wie der Gladbacher Geropark. FOTO: Janssen, Franz

Während meines Freiwilligendienstes war ich vor allem mit Zusatzunterricht in den Fächern Englisch und Computer/Informatik betraut. Mein Alltag war sehr abwechslungsreich. Morgens habe ich den Jüngsten, also den Erst- und Zweitklässlern, das Schreiben in lateinischen Buchstaben beigebracht: ein Wissen, das die Kinder schon bald im Englischunterricht brauchen würden. Diese Stunden waren die mit Abstand wildesten des Tages, denn sie fanden mangels Klassenraum gleich neben dem Spielplatz statt. Und das ist die pure Versuchung für unternehmungslustige Zwerge...

War die pädagogische Raubtierbändigung vollbracht, kehrte wieder Ruhe ein: Einige Verwaltungsaufgaben oder Ausbesserungsarbeiten standen auf dem Programm, wie Briefe kuvertieren oder kaputte Kinderkleidung nähen. Nach der Mittagspause ging es weiter mit den Fünft- bis Siebtklässlern, erst Englisch-, dann Computerunterricht. Besonders die Arbeit mit den PCs war für die Jungs unglaublich spannend und hat auch mir sehr viel Spaß gemacht.

FOTO: Nn

Den späten Nachmittag verbrachte ich mit Informatik für die Stufen Acht bis Zehn und die Studenten ebenfalls im Computerraum. Bildbearbeitung und Webdesign wurden den Jugendlichen schon bald zur Routine. Prem Sewa ist stolz darauf, die Bildung der Jungen vom ersten Schuljahr an bis zum Schulabschluss gewährleisten zu können, und garantiert auch danach bestmögliche Unterstützung für Ausbildung oder Studium. Damit erreichen die meisten Schützlinge ein für indische Verhältnisse überdurchschnittlich gutes Bildungsniveau.

Dass ich fast alle in dem Jungenheim vertretenen Altersgruppen erleben durfte, war eine großartige Erfahrung. Überhaupt hatten mich das Leben in der freundlich gestalteten Anlage und das aufgeschlossene Miteinander schnell in ihren Bann gezogen. So ist das gemeinsame Essen, bei dem alle Bewohner fröhlich in einer großen Halle zusammensitzen, wichtiger Bestandteil des Tagesablaufs. Viele Kinder helfen bei der Zubereitung der Mahlzeiten mit. Andere halten das Gelände sauber, wieder andere organisieren Gemeinschaftsabende. Das stärkt die Sozialkompetenz und den Zusammenhalt. Die Schüler zu mehr Verantwortung über die reine Schulbildung hinaus zu animieren stellt einen weiteren Baustein der christlich geprägten Pädagogik Prem Sewas dar.

Zwischen fünf und 22 Jahre alt sind die Kinder und Jugendlichen, die in dem Vorzeigeprojekt in Zentralindien betreut werden. FOTO: Franz Janssen

Die Früchte dieser Arbeit zeigen sich auch durch viel gegenseitige Rücksichtnahme in der Freizeit. Und die war für mich stets eine große Freude, denn es zählte zu meinen Lieblingsaufgaben, die Kleinen zu bespaßen. Sie tollen am liebsten auf dem Spielplatz herum, wo Kletterwand, Rutschen und Schaukeln die aus dem morgendlichen Unterricht bestens bekannte Anziehungskraft ausüben. Ebenfalls zum Spielen fordert die fußballfeldgroße Wiese auf. Die Kinder lassen dort selbst gebastelte Drachen steigen oder laufen um die Wette, wobei sie einen armen Freiwilligen mühelos ins Schwitzen bringen. Die Älteren nutzen die Fläche als Cricket- oder Volleyballfeld gleichermaßen gern. Viele von ihnen engagieren sich aber auch beim Gestalten der Gottesdienste. Mit Keyboard, Gitarre und Gesang begeistern sie jede Woche das ganze Hostel und bringen Stimmung in die kleine Kirche.

Die Zeit bei Prem Sewa ist für mich unvergesslich. Die Institution leistet hervorragende Arbeit, dank derer die Kinder den Sprung in die Mittelschicht schaffen können. Das hat jede Unterstützung verdient.

Quelle: RP
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