| 00.00 Uhr

Nicht minto, aber trotzdem
Ein Schriftsteller entdeckt seine Heimatstadt neu

Nicht minto, aber trotzdem: Ein Schriftsteller entdeckt seine Heimatstadt neu
Burkhard Spinnen an der Eselsgruppe, die später teilweise beschädigt wurde. Hinter den Bäumen verbirgt sich das Math.-Nat. Vom Physiksaal hatte der Schüler im Winter einen ungehinderten Blick über die Stepgesstraße bis hin zum Stadttheater. FOTO: Reichartz Hans-Peter
Mönchengladbach. Ein Mann und ein Junge besuchen die Hindenburgstraße. Von Burkhard Spinnen

Wir treffen uns im ehemaligen Physiksaal des Math.-Nat. Ich, der Besucher, und der Junge, der ich war, bis ich hier wegging und zum Besucher wurde. Der Junge steht am Fenster, seine Laune ist miserabel. "Schau mal", sagt er. Ich sehe nichts als Grün, aber ich weiß, was er meint: Im Winter sah man vom Physiksaal aus, am Sonnenhaus vorbei, auf das Theater.

Es war ein Anblick, der für den Physikunterricht entschädigte. Immerhin lebten wir also in einer Stadt, die sich nach den Kriegszerstörungen einen neuen, einen kulturellen Mittelpunkt geschaffen hatte. Das Theater, ja der ganze Ort hatte Klasse. Allein, wie die beiden Hochhäuser elegant den Abwärtsschwung der Straße auffingen. Grandios. Und ein Kunstwerk stand hier, über das alle sich aufregten, weshalb man sich, wenn man jung war, damit identifizierte.

Burkhard Spinnen erinnert sich: Seine ersten Hamburger hat er 1972 an dieser Stelle im Fastfood-Restaurant gegessen. Und hier muss auch der Pupppenkönig gewesen sein. Da hat Spinnen den Zubehör für seine Modell-Basteleien gekauft. FOTO: Reichartz Hans-Peter

Schulschluss. Wir verlassen das Math.-Nat. Richtung Hindenburgstraße. Im alten Klassenraum unserer Sexta findet gerade ein Kurs statt, nach den Teilnehmern zu schließen: "Deutsch als Fremdsprache". Ich mache einen Witz über unseren Deutschunterricht vor 50 Jahren, aber der Junge lacht nicht darüber. Zielstrebig geht er stattdessen auf die bronzenen Esel zu, die jetzt genau in der alten Fluchtlinie Physiksaal-Theater stehen. Gerade werden Kinder auf ihren Rücken fotografiert. "Verstehst du das?", fragt er mich.

Ich habe über die Esel im Internet gelesen. Mit meinem ästhetischen Urteil möchte ich mir Zeit lassen. Etwas anderes geht mir durch den Kopf. Ganz aus der Nähe habe ich damals erlebt, wie die breite Hindenburgstraße, die ich eben noch mit dem Moped hinuntergerollt war, zu einer fifty-fifty Fußgängerzone umgebaut wurde. Aus der mittelwichtigen Stepgesstraße wurde damals eine dröhnende Tangente. Jetzt ist es hier so ruhig wie früher kaum bei Nacht. Die kleine Eselherde kann also immerhin so tun, als hätte sie diesen Ort dem Verkehr entrissen und den Passanten zurückgegeben. Das fordere doch, sage ich zu dem Jungen, zumindest unseren Respekt.

Früher saßen wir auf den Stufen vor dem Stadttheater. Die verschwanden zeitgleich mit dem im Bauhaus-Stil errichteten Gebäude. In Ermangelung der alten haben wir uns auf die neuen Stufen, die zum Minto hochführen, gesetzt. Die sind so hell, dass es aussieht, als säßen wir auf einer Wolke. FOTO: Hans-Peter Reichartz

Er zuckt die Schultern. Und will mir gleich noch etwas anderes zeigen. Das hatte ich befürchtet. Es geht um unseren Lieblingsort, bevor es die Stufen neben der Calder-Plastik wurden: Puppenkönig. Nicht: Puppen König, nicht: Der Puppenkönig, sondern einfach: Puppenkönig. Das ganz ohne Zweifel schönste Spielwarengeschäft der Welt. Was Puppenkönig nicht hatte, das gab es nicht.

"Lass das!", sage ich zu dem Jungen. Ich weiß, der Laden ist seit fast 30 Jahren verschwunden. Aber wir leben unser Leben, verändern uns, und Einkaufsstraßen tun das auch. "Junge", sagte ich, " wenn du dich an Dinge klammerst, an Sachen, dann wandern deine Erinnerungen zusammen mit den Sachen in den Müll. Also sei vorsichtig, wenn du sentimental wirst."

Immer wieder bleiben wir stehen. Erinnerungen werden wach - an Kneipen, die in unserer Jugend angesagt waren: Meisengeige, Schwarte, Kabuff, Finkenbratsche - und wie sie alle hießen. Wir reden über die erste Pizza, das leckerste Eis ... FOTO: Reichartz Hans-Peter

Zum ersten Mal sieht der Junge aus, als würde er mir Recht geben. Aber dann verzieht er wieder das Gesicht und zeigt auf das Gebäude, dessentwegen ich ja zu Besuch gekommen bin. Das Minto. Er erklärt mir, warum es so heißt, und ich tue so, als wüsste ich das noch nicht. "Es ist so riesig!", sagt er. "Unser Theater hat es geschluckt. Dazu den Platz mit den Stufen, dem Springbrunnen und dem Grün. Es hat den Weg geschluckt, den wir von der Schule zur Stadtbibliothek gegangen sind, und den Lichthof, wo wir das Kickern gelernt haben."

Ich will etwas einwenden, aber er lässt sich nicht unterbrechen. "Auch das Café Heinemann hat es geschluckt, aus dem man über den ganzen Platz schauen konnte. Wobei das Café allerdings scheußlich war. Und erinnerst du dich daran, was wir gemacht haben, am 7.7.74, als Deutschland gerade Fußball-Weltmeister geworden war? Na?"

Ich werde ein bisschen sauer. So eine Unverschämtheit. Als ob ich das vergessen könnte! Genau hierhin sind wir gefahren; auf den Stufen vor dem Theater haben wir gesessen, unsere Freude haben wir hier abgelegt wie Blumen auf einem Altar, bis jemand kam, den wir kannten und der dieselbe Idee gehabt hatte.

"Und vorher noch", sagt der Junge - aber ich lasse ihn gar nicht zu Ende reden. Ja, natürlich, hier auf diesen Stufen haben wir auch gestanden, als die Spieler der Borussia nach der ersten Meisterschaft 1970 in einem improvisierten Corso die Hindenburgstraße hinauf fuhren. Aber das muss jetzt genügen. Ich packe mir den Jungen und verspreche ihm etwas, das man nicht mit Messer und Gabel essen muss. Ein paar Minuten später sitzen wir damit auf der Sonnenterrasse des Minto, auf die tatsächlich die Sonne scheint.

"Lass gut sein!", sage ich, als er wieder maulen will, jetzt mit vollem Mund. "Unser schönes Theater haben nicht die Stadtplaner abgerissen und nicht die Bagger; das waren die Leute, die nicht hingehen wollten. Traurig, aber Tatsache. Und eine Straße in der Innenstadt ist nun mal kein Mausoleum und kein Denkmal für die Leute, die da großgeworden sind."

"Versuch dich zu freuen", sage ich.

"Das Minto ist um Längen ansehnlicher und verträglicher als das allermeiste, was Investoren so in die Innenstädte stopfen. Am Ende kriegt es noch einen Schönheitspreis. Soll es der Straße helfen und der ganzen Stadt. Tut es das, hat es meinen Segen. Und stell dich nicht an: Ein Theater abzureißen ist keine Bücherverbrennung." "Aber es fühlt sich schlecht an", sagt der Junge. "Ja", sage ich. Wart erstmal ab, wie es sich anfühlt, wenn man älter wird. Das sage ich aber nicht. Ich nehme mein Tablett und stehe auf. Er will mir folgen, aber nein, das soll er nicht. Ich werde jetzt wieder gehen, nach Hause, und er bleibt hier. Genau hier, wo er hingehört, auf der Achse Physiksaal-Theater; für immer.

Anlässlich des bundesweiten Vorlese-tages liest Burkhard Spinnen am Mittwoch, 16. November, um 19.30 Uhr in der Zentralbibliothek im Carl-Brandts-Haus, Blücherstraße 6, aus seinem neuen Buch "Das Buch - eine Hommage". Der Eintritt kostet 10 Euro, ermäßigt 8 Euro. Vorverkauf in der Zentralbibliothek im Carl-Brandts-Haus und der Stadtteilbibliothek Rheydt.

Burkhard Spinnen und Inge Schnettler sind im selben Jahr in Mönchengladbach geboren, beide haben zeitgleich Abitur gemacht - er am Math.-Nat., sie an der Marienschule. Beide haben in Münster studiert. Nach vielen Jahren trafen sie sich wieder und erinnerten sich an früher.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Nicht minto, aber trotzdem: Ein Schriftsteller entdeckt seine Heimatstadt neu


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.