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Mönchengladbach
Ein Skandal, über den sich niemand aufregt

Mönchengladbach. Volksverein legt Bilanz für 2015 vor und fordert Masterplan für Arbeitsmarkt und Sozialpolitik. Von Angela Rietdorf

"Jedes dritte Kind in Mönchengladbach lebt in einem Hartz-IV-Haushalt", rechnet Matthias Merbecks, Prokurist des Volksvereins, vor. "Das ist ein Skandal." Ein Skandal, über den sich aber kaum jemand mehr wirklich aufregt. Ebenso wenig wie über die Tatsache, dass sich in den vergangenen 30 Jahren an der Zahl der Langzeitarbeitslosen praktisch nichts geändert hat. "Die absoluten Zahlen liegen heute sogar etwas über den Zahlen von 1983, dem Gründungsjahr des Volksvereins", sagt Volksverein-Geschäftsführer Hermann-Josef Kronen. "Das sind verfestigte Strukturen."

Ein Masterplan Arbeitsmarkt und Sozialpolitik müsse her, fordert Kronen bei der Präsentation der Bilanz des Volksvereins für 2015. Wenn auch die Arbeitsmarkt- und Sozialdaten die Verantwortlichen des Volksvereins nicht fröhlich stimmen können, die Ergebnisse der gemeinnützigen Gesellschaft selbst sorgen für Zufriedenheit. Entgegen der Erwartungen schließt der Volksverein das Jahr 2015 mit einer schwarzen Null ab. "Wir hatten mit einem Minus von 70.000 Euro gerechnet", sagt Kronen.

Besonders gut entwickelt sich der Bereich der Second-Hand-Kleidung, aber auch bei den Möbeln gab es eine Steigerung. "Die beiden Schulkioske an den Berufskollegs laufen gut", sagt Wilfried Reiners, Geschäftsführer und Betriebsleiter. Ausgesprochen erfolgreich ist der Volksverein bei der Vermittlung in Arbeit: 33 Prozent der Teilnehmer wurden vermittelt. Ein Grund für diese Quote liegt in der Beratung und Betreuung. "Wir unterstützen zum Beispiel auch dabei, einen Betreuungsplatz für die Kinder zu finden", erklärt Prokurist Merbecks. "Die Teilnehmer erleben, dass man Widerstände aus dem Weg räumen und Probleme lösen kann." Regelmäßig wird im Jobcafé nach Stellen gesucht. Besonders wichtig sei es, vererbte Arbeitslosigkeit zu durchbrechen. "Wenn Eltern einen Job haben, haben die Kinder ein Vorbild."

Vier Stellen hat der Volksverein im vergangenen Jahr geschaffen: zwei für Fahrer, die die Kleidercontainer leeren und Möbel abholen, einen für die Prüfung gebrauchter Elektroartikel und einen in der Kleidersortierung. Die Holzwerkstatt war lange ein Sorgenkind des Volksvereins, eine Schließung stand im Raum, konnte aber abgewendet werden. "Die Holzwerkstatt sollte kostendeckend und marktorientiert arbeiten, aber das hat nicht funktioniert", erklärt Kronen. Jetzt werden Produkte für soziale Einrichtungen erstellt, berechnet wird nur der Materialpreis. Obwohl die Nachfrage auch hier nicht so groß ist wie erwartet, kann wieder ausgebildet werden. In diesem Jahr werden zwei Azubis beginnen. Das Ausbildungsprojekt ist komplett spendenfinanziert. Ansonsten machen Spendenmittel etwa 15 Prozent des Budgets aus. 35 Prozent stammen aus öffentlichen Mitteln, die restliche Hälfte erwirtschaftet der Volksverein mit seinen Produkten und Dienstleistungen.

In seinem Geschäftsbericht würdigt der Volksverein den im vergangenen Jahr verstorbenen Initiator und Gesellschafter Edmund Erlemann. In einer Zukunft "ohne Eddi" gelte es, sich neu zu erfinden.

Quelle: RP
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