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Serie Denkanstoss
Ein Tanz auf dem Vulkan

Mönchengladbach. Schaltet den Atommeiler von Tihange ab: Seine Forderung verknüpft Pfarrer Martin Gohlke mit der Bundestagswahl. Von Martin Gohlke

Schweißgebadet wachte ich auf. Ein Traum hatte mich aufgeschreckt. Ich hatte geträumt, der Atommeiler von Tihange wäre explodiert und eine radioaktive Wolke hätte die Umgebung verseucht. Mit einer Sprühflasche versuchte ich, unsere Lebensmittel und Pflanzen im Haus und im Garten zu retten. Alles sah noch in Ordnung aus. Meinen Kindern aber musste ich immer wieder erklären, bloß nichts anzufassen. Dann kam die Durchsage, wir sollten umgehend das Pfarrhaus in Wickrath verlassen, um in einen Bus zu steigen. Nur die wichtigsten Sachen durften wir mitnehmen. Keiner konnte uns sagen, wohin wir gebracht würden. Alles war irgendwie gespenstisch und skurril, angespannt und ernst.

In diesem Augenblick erwachte ich aus meinem Traum. Normalerweise bin ich froh, wenn solch ein Alptraum nicht die Wirklichkeit ist. Dieser Traum aber machte mich nachdenklich, ja beunruhigte mich geradezu. Darum musste ich ihn direkt aufschreiben. Denn was wäre, wenn dieser Traum wirklich werden würde? Man sagt ja, dass in den Träumen die Tagwelt verarbeitet wird. Vor kurzem stand in der Zeitung, dass ab dem 1. September in der Region Aachen Jodtabletten für den Fall eines Atomunfalls in Belgien verteilt würden. Wahrscheinlich hat mich diese Nachricht in meinem Unterbewusstsein weiter beschäftigt. Das, was ich geträumt habe, ist also durchaus denkbar. Am 25. Juni gab es eine 90 Kilometer lange Menschenkette von Tihange über Lüttich und Maastricht bis nach Aachen, an der auch viele Mönchengladbacher teilnahmen. Das war ein klares Signal, die Atommeiler in Belgien endlich abzuschalten. Aber sie laufen weiter. Irgendwie kommt mir das vor wie der Tanz auf dem Vulkan. Mein Traum hat mir das wieder deutlich gemacht. Wir wiegen uns in Sicherheit und glauben, es würde schon nichts passieren. Aber in Wirklichkeit kann von jetzt auf gleich mein Traum Realität werden. Ich erinnerte mich, dass in der Bibel Träume die Zukunft voraussagen können. Denken wir an die Träume des Josef oder des Daniel. Diese Träume bedurften oft eines Traumdeuters. Mein Traum aber erklärt sich von selbst. Er sagt mir, dass wir sofort etwas tun sollten, bevor es zu spät ist. Die kommenden Wochen vor der Bundestagswahl bieten eine gute Gelegenheit, auf unsere Politiker einzuwirken, damit die maroden Meiler endlich für immer abgeschaltet werden und mein Alptraum nicht Wirklichkeit wird.

MARTIN GOHLKE (51) IST PFARRER DER EVANGELISCHEN KIRCHENGEMEINDE WICKRATHBERG.

Quelle: RP
 
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